Literatur

Elisabeth Schrom schreibt über Liebesunglück, Spatzen und Zahnprothesen

Schrom beweist in ihren «Herbertgeschichten» viel stilistisches Talent.

Ein überraschendes Debüt aus Allschwil: Die fast 70-jährige Elisabeth Schrom schreibt in ihren «Herbertgeschichten» wunderbar wortkarge Dialoge und setzt starke Bilder.

Herbert hat, was er braucht. Er hat eine Wohnung, die voll ist mit seinen Sammlungen: den 127 Spazierstöcken und den Figuren, Bildern und Masken, die er von seinen Reisen mitgebracht hat. Er lebt allein, seit ihn die Frau verliess; das ist dreissig Jahre her, aber er kommt zurecht. Kocht immer für zwei, «für eine Person konnte man nicht kochen», und hält sich die Gulasch-Nachbarin vom Leib, füttert nur manchmal ihre Katze. Freund Leo, mit dem er jeweils samstags ausging, damit der eine Blondine aufreissen konnte, ist inzwischen gestorben, doch in Herberts Alter ist das halt so: «Wir müssen alle sterben, früher oder später.» Seine Zeit hat ihre Raster, und jeden Dienstag trifft er Richard. Richard ist auch Rentner. Sie sitzen auf einer Bank im Park, immer auf der gleichen – und wenn sie nicht frei ist, gehen sie «so lange vor der Bank auf und ab, bis sie frei wurde». Richard füttert die Spatzen und behauptet, sie auseinanderhalten zu können, und sie reden ein bisschen über Liebesunglück, Münsterkäse, Kreuzworträtsel und Zahnprothesen, bis Richard wieder zu Edith nach Hause muss. Ja, Herbert hat, was er braucht, bis er die Annonce sieht und Elisabeth Schroms Text vom gemächlich Statischen in eine leicht abenteuerliche Bewegung kommt.

Mit der Annonce sucht eine Italienerin «Ehemann wegen Existenzsicherung». «Die Unverblümtheit gefiel ihm» und er lässt sich zu einer ebenso ehrlichen Antwort hinreissen, sitzt der Frau, die Ivana heisst, einen «beachtlichen» Busen hat, «riesige» Füsse und ein überbordendes Lachen, auch bald schon gegenüber und verliebt sich; doch wie es sich zuträgt, dass sie ihn «mit der Zeit überfordert», wie Edith gleich schon geunkt hatte, und sitzen lässt, das muss man lesen – es ist überraschend und wird doch beiläufig erzählt, effektsicher, ohne je pointengeil zu sein, und komisch und traurig zugleich; besonders unausweichlich in der improvisierten Weihnachtsfeier, wogegen das Irland-Kapitel etwas märchenhaft erscheint (Herbert kauft sich noch nicht einmal einen Stock).

Aber er leidet. Und geht trotzdem zu Ivanas Hochzeit mit dem Herrn Sedlycka, der «Erster Offizier auf einem Vergnügungsdampfer» ist und eine Uniform trägt. Das Leben geht weiter. Und als er bald darauf sehr krank wird, lassen ihn Robert, Edith und die Nachbarin nicht im Stich. Sogar Ivana taucht wieder auf – sie hat Zeit, weil ihr Mann «sowieso auf einem Luxusdampfer unterwegs war» – und fügt sich in den Pflege-Dienstplan». Was als Rapport des Alltags eines nur leicht skurrilen Normalrentners begann, endet somit als kleine Solidaritäts-Utopie. Und Elisabeth Schrom, die in Allschwil lebende fast 70-jährige Debütantin beweist mit ihren «Herbertgeschichten» auch viel stilistisches Talent: schreibt wunderbar wortkarge Dialoge und setzt starke Bilder. Und wenn Richard seine Edith beim Tanzen so sorgsam führt, «als würde er einen Fensterflügel durch die Menge tragen», dann lässt sich das durchaus als Metapher lesen für die Umsicht, mit der die Autorin ihre Figuren durch den Text trägt.

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