Ahilan Ratnamohan

Er versteckte die Ballettstunden vor seinen Fussballkollegen

Performance-Künstler Ahilan Ratnamohan ist 2015 in Basel gleich zweimal zu sehen.

Performance-Künstler Ahilan Ratnamohan ist 2015 in Basel gleich zweimal zu sehen.

Seine grosse Leidenschaft Fussball und seine heimlich ausgeübte Passion Ballet bringt Ahilan Ratnamohan nun als Fussballtheater auf die Bühne.

«Ich habe mich geschämt», gesteht er. Fussball und Performance musste er lange Zeit strikt getrennt voneinander halten. «Ich wollte nicht, dass meine Fussballkollegen von meinen Ballettstunden erfahren.»

Am Morgen vor dem täglichen Fussballtraining übte der angehende Profi-Kicker Pliés, Pirouetten und Jetés vor dem Fernseher. Die Ballettlehrerin war überrascht, wie schnell er Fortschritte machte — die Elevinnen amüsiert. Von ihrer Belustigung liess sich Ahilan Ratnamohan aber nicht stören. Auch wenn er anfangs grosse Mühe hatte, seinen Körper in alle möglichen Richtungen zu biegen: Er trotzte der Herausforderung.

Aufgewachsen ist der 31-jährige Ratnamohan in Sydney. Ursprünglich stammt er aus dem Inselstaat Sri Lanka im Indischen Ozean. In den 70er-Jahren verliessen seine Eltern die Insel, kurz bevor der Krieg ausbrach. In Australien machte er keine schlechten Erfahrungen mit Rassismus. Er wurde nie aussen vor gelassen, war bestens integriert in die multikulturelle Gesellschaft.

Niederländisches Gras ist ein Segen

Nach der obligatorischen Schulzeit schrieb er sich gleich bei der Universität für Film in Sydney ein. Bereits im zweiten Semester war er mit der Kamera unterwegs. Nebenbei arbeitete er als Schauspieler. Eine Zukunft als Filmstar sah er für sich jedoch nicht: «Ich spielte immer nur den Inder. Als Schwarzer hattest du damals keine andere Perspektive.» So stemmte er am Morgen jeweils Gewichte und kickte gegen das Garagentor. Am Nachmittag bastelte er an seinen eigenen Aufnahmen in der Uni, schnitt Filmsequenzen auseinander und legte Ton- über Bildspuren.

Er konnte seine Mutter überreden, einen Studienaustausch in Amsterdam zu machen — er schwor, sich dort nur auf das Filmen zu konzentrieren. Von wegen. Kaum war er in der Grachtenstadt angekommen, rannte er zum Fussballklub.

Noch heute blitzen seine Augen freudig auf, wenn er von dieser Zeit erzählt. Die im Verhältnis zur australischen Spielart unterschiedliche Taktik der Niederländer faszinierte ihn. Auf dem niederländischen Grasteppich kickte er sich in den siebten Himmel. Das ebene, solide Gras: Ein Segen für die australischen Füsse, die nur dürre, spröde Spielflächen kannten.

Nachtschichten fürs Diplomprojekt

Zurück in Sydney machte sich Ratnamohan das Leben an der Uni schwer. Alles musste durch seine Finger gehen. Unterstützung lehnte er ab. Für sein Diplomprojekt übernachtete er daher oft in der Uni. Um von Sicherheitsleuten und Putzfrauen nicht geweckt zu werden, schlief er im «Queer Room», dem gesonderten Raum für Studenten, die sexuell gesehen von der heteronormativen Regel abweichen. Der Film wurde nicht fertig, er bestand nur ganz knapp das Studium. Seine Mutter war enttäuscht.

«Ich war ein Versager», sagt Ratnamohan rückblickend. Er hatte keine Aussicht auf Arbeit, da er während des Studiums keine Praktika absolvieren wollte. In seiner Freizeit hatte nur Fussball Platz. Er begann, als Trainer Kindern das Kicken beizubringen. Am Ende des Jahres fand er eine Stelle in einem professionellen Verein in Schweden. Dort lief aber alles schief: Er wurde nach Saaldorf, in ein kleines Dorf in Oberbayern, versetzt. Dort lernte er Deutsch — und Ballett zu tanzen.

Heimweh hatte er nie. Dieses Gefühl kennt er erst, seit er verheiratet ist und zwei Kinder hat. Seine Mutter wohnt immer noch in Australien, er mittlerweile in Belgien mit seiner Familie. Dass die Kinder ihre Grossmutter deswegen so selten sehen, bedauert er.

Cooles Theater

Heute muss sich Ahilan Ratnamohan nicht mehr schämen. Er hat Wege gefunden, seine beiden Leidenschaften – Kicksport und Performance – zu vereinen: auf der Bühne. Seine Methode: das Fussballtheater. Er wolle Performances zeigen, die auch seine künstlerisch-konservativen Freunde, also die kickenden Kunstbanausen, ansprechen. Cooles Theater für Leute, die keine Theatererfahrung haben. Und das gelingt ihm ziemlich gut. Ratnamohans Stücke sind international gefragt.

Basel hat das Glück, ihn in dieser Spielsaison gleich mit zwei Vorstellungen zu sehen. Das Fussball-Tanztheater «Drill» ist diese Woche im Theater Roxy zu sehen. Im Juni eröffnet Ratnamohans mit dem sozial-politischen Stück «Star Boy Productions» das Wildwuchs-Festival.

(Quelle: youtube.com/FORM Dance Projects)

Dance Bites 2015 - Drill

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