Theater Basel

Figaro auf Facebook: Wie der «Barbiere di Siviglia» unter die Räder gerät

Die sozialen Medien spielen im «Barbiere di Siviglia» am Theater Basel eine gewichtige Rolle.

Die sozialen Medien spielen im «Barbiere di Siviglia» am Theater Basel eine gewichtige Rolle.

Was passiert, wenn man eine Komödie ernst nimmt? Kann das noch lustig sein? Oder droht Langeweile, wenn intellektuelle Regiekonzepte über die Schablonen der Figuren gelegt werden? Das Erste schafft die Basler Produktion – teilweise mit viel Einfallsreichtum und szenisch witzigen Ideen – das Zweite kann sie aber auch nicht vermeiden.

Dass Rossinis buffoneskes Meisterwerk «Il Barbiere di Siviglia» eine Komödie ist, darüber können keine Zweifel bestehen, zu eindeutig sind die Figuren in der Dramenvorlage von Beaumarchais nach den Mustern der Commedia dell’Arte gezeichnet und von Rossini auch musikalisch diesen Charakteristika angepasst worden.

Aber Kirill Serebrennikov, der russische Theater-, Film- und Opern-Regisseur, sucht dennoch nach den ernsthaften und vielschichtigen Facetten in den Charakteren dieser Buffo-Figuren.
Bartolo, der geizige, trottelige Alte, der sein Mündel Rosina um jeden Preis für sich haben will, wird zu einem gar nicht so alten Antiquitätenhändler, der wirklich verliebt ist in diese junge Frau. Aber er muss akzeptieren, dass sie sich nicht für ihn interessiert, sondern von einem anderen träumt, den sie bloss über Chats, Videos und Gesangseinlagen über ihr Handy kennt.
Dass diese Rosina, ein Kind der Smartphone-Generation, natürlich über ihr Leben und ihre Liebe selbst entscheidet, führt die wesentlichsten Handlungs-Elemente der Beaumarchais-Komödie allerdings ziemlich ad absurdum.

Dass sich der Graf als ein anderer («Lindoro») ausgibt, ist in Social-Media-Welten natürlich sehr verbreitet. Erst tut er das als übler Dschihadist, den wir auch nicht über die Schwelle lassen würden, dann als Gesangslehrer in Gestalt einer Conchita-Wurst-Travestie.

Aber das Versteckspiel, mit dem sich Lindoro Zutritt zu Bartolos Wohnung verschafft, verliert ebenso wie die Intrigenspielchen mit Liebesbriefen oder Balkonschlüsseln seine erzählerische Existenzberechtigung.

Der Graf könnte die Gucci-Taschen, mit denen er Rosina schliesslich ködert, gleich am Anfang vor sie hinstellen, die Geschichte wäre in fünf Minuten erzählt, und Figaro, der Barbiere, wäre als Strippenzieher vollkommen unnötig.

Und trotzdem wird es ein unterhaltsamer Abend

Dennoch ist über weite Strecken spannend und unterhaltsam, was Serebrennikov aus diesem Opernstoff macht. Wie er den Grafen und seine Entourage als oberflächliche Hedonisten aus einer verwöhnten Jeuness dorée zeichnet , wie er die optischen Chiffren der Smartphone- und Facebook-Ästhetik für sein Bühnenbild nutzbar macht, vor allem aber, wie er das Ensemble schauspielerisch eindringlich und detailgenau führt, erhält über die Qualität des Inszenierungs-Handwerks hinaus nachhaltige Substanz.

Serebrennikovs Regie-Arbeit entstand vor seinem Hausarrest 2016 für die Komische Oper Berlin. Der Regisseur wurde damals von Putin eineinhalb Jahre in Moskau mit fadenscheinigen juristischen Argumenten unter Hausarrest gestellt. Nun hat seine damalige Regie-Assistentin Julia Huebner die Oper für die Basler Bühne und Besetzung neu einstudiert.

Musikalisch ist das Niveau dieser Basler Produktion hoch bis sehr hoch. Der Dirigent David Parry (schon in «Finta Giardiniera» und «Maria Stuarda» in Basel zu hören) schafft es stets, die bei Rossini so wichtige Leichtigkeit mit dem nötigen Rhythmusgefühl zu verbinden.

Seine bisweilen extrem schnellen Tempi meistert das Sinfonieorchester Basel bravourös, die Sänger bringt der Brite dagegen hin und wieder beinahe zum Entgleisen. Meistens aber singt auch das sehr gut besetzte Ensemble auf der Höhe seiner Aufgaben und findet immer wieder auch Raum für improvisatorische Ausflüge in allerhöchste Stimmlagen.

Der Tenor Alasdair Kent lässt sich durch seine Erkältung, die da und dort zu hören war, den Mut für solche virtuosen Belcanto-Verzierungen nicht nehmen. Ebenso wenig wie Vasilisa Berzhanskaya als Rosina, die nach ihren Koloratursopran-Eskapaden ihre Stimme gleich wieder in satt glühende Mezzo-Tiefen führt.

Mit Gurgen Baveyan hat die Produktion einen in allen Lagen hinreissend singenden Figaro, und das langjährige Ensemble-Mitglied Andrew Murphy bleibt der sängerisch sehr kapriziösen Partie des Bartolo ebenfalls nichts schuldig.

 

«Il Barbiere di Siviglia»
Theater Basel

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