Andy Warhol
Fondation Herzog zeigt die Pop-Ikone in den Kulissen der Ewigen Stadt

Der neue Ausstellungsraum an der Leimenstrasse lädt zu Entdeckungsreisen in die Geschichte der Fotografie ein — aktuell zu einer Begegnung mit Andy Warhol in Rom.

Isabel Zürcher
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In gewohnt regloser Maske: Andy Warhol vor dem Mosesbrunnen.

In gewohnt regloser Maske: Andy Warhol vor dem Mosesbrunnen.

MORITZ HERZOG

Am Donnerstag, 20. Januar 1977, notiert Andy Warhol im Tagebuch seine Ankunft in Rom. Nach einem fünfstündigen Flug von Kuwait landet er in der italienischen Hauptstadt und bezieht im «Grand Hotel» jene Suite, die kurz davor noch von Man Ray bewohnt worden ist. «Im Speisesaal trafen wir Helmut Newton und Patrick, den Make-up-Künstler. Dann tauchte auch noch Suni Agnelli auf.» — Andy Warhol kannte die Welt. Und die Welt kannte ihn: seine weissblonde Perücke, die schwarz umrandete Brille und den Gesichtsausdruck, der, oft ungerührt, die spontane Schätzung des Alters unterläuft.

Als in der Agentur von Mimmo Frassineti die Nachricht eintrifft, Warhol sei mit Federico Fellini gesehen worden, rückt der Fotograf unverzüglich aus, um das informelle Gipfeltreffen im öffentlichen Raum festzuhalten. Und Warhol wäre nicht Warhol, nutzte er nicht die Gelegenheit und übernähme selbst Regie für das Bild seiner Person. Warhol hielt eine kleine Leica mit Blitzlicht in der Hand und porträtierte Fellini, während er mit ihm sprach. Dann beeilte er sich, sich selber fotografieren zu lassen, auf der Mauer des Mosesbrunnens sitzend, von dem er selber eine Zeichnung anfertigt.

Dokumentarische Obsession

Die schwarz-weissen Abzüge belegen mehr als die blosse Anwesenheit der amerikanischen Pop-Ikone vor den Kulissen der Ewigen Stadt. Sie gibt auch Zeugnis von Warhols Obsession, jeden Augenblick seines Daseins vor dem Vergessen in Schutz zu nehmen. Er hält ein Aufnahmegerät in der Hand, er porträtiert den von krausem Haar umspielten Charakterkopf Fellini, er exponiert sich in gewohnt regloser Maske fürs Shooting vor dem Mosesbrunnen und im Dialog mit dem älteren Regisseur.

Mit Frassinetis Reportage von Andy Warhol in Rom haben Peter und Ruth Herzog im Juni an der Leimenstrasse ihren neuen Ausstellungsraum eröffnet. Ein- bis zweimal jährlich sollen hier ausgewählte Schätze aus der Sammlung Herzog öffentlich zu sehen sein. Schlicht gerahmt, im klassischen Schwarzweiss und ohne Wandbeschriftung, die das Lesen der Fotos konkurrenziert, reihen sich die Porträts aneinander.

Lust am Schauen

Hier wird augenfällig, was Peter Herzog zu wiederholen nicht müde wird: Es geht zuerst und immer wieder um die Lust am Schauen. Denn der Zauber des Lichtbilds liegt darin, dass es jedes zeitgeschichtliche Dokument mit Unerwartetem, Beiläufigem, Zufälligem aufmischt. Und dass der Nachlass des italienischen Fotografen gerade eine ganze Serie hergab, ist für die Sammlung wie für die interessierten Besucherinnen und Besucher ein Glück: In der grosszügigen Reihe, die von Foto zu Foto auch die unscheinbaren Gesten nachzeichnet, klingt das Medium des Films genauso an wie Andy Warhols eigenes Interesse am Bild in seiner seriellen Wiederholbarkeit.

Fondation Herzog «Andy Warhol in Rom». Leimenstrasse 20, bis 13. August. Do, Fr, Sa: 14 – 18 Uhr.