Unmut lag in der Luft, und gleichzeitig elektrisierende Aufbruchstimmung. Am 4. Dezember hatte die Basler Regionalgruppe von «t.», dem Verband der freien Theaterschaffenden, zum Stammtisch ins Roxy Birsfelden geladen. Die Ränge waren voll, ungewöhnlich viele Künstlerinnen und Künstler waren gekommen, obwohl der Anlass einen etwas spröden Titel trug: die aktuellen Arbeitsbedingungen für Produktionsleiterinnen und -leiter im freien Theater.

In der Diskussion zeigte sich bald, dass die Bedingungen für die Menschen hinter den Kulissen genauso schwierig sind wie diejenigen für die Theaterkünstler. Aufbruchstimmung entstand, weil an diesem Abend die Erkenntnis wuchs, dass es nun an der Zeit ist, zusammenzustehen und die Anliegen der Szene zu formulieren. Unmut lag in der Luft, weil sich die Szene von der Kulturförderung und der Politik zu wenig wahrgenommen fühlt. Sonja Kuhn, Co-Leiterin der Abteilung Kultur in Basel, beteuerte zwar, dass dem nicht so sei. Trotzdem driftete die Diskussion da hin ab, wo sie diese keinesfalls haben wollte: in den Vergleich vom gut ausgestatteten Stadttheater mit der freien Szene.

Die Szene hat Erfolg

«In der Szene geht es sicher nicht darum, dem Stadttheater etwas wegzunehmen», sagt Sibylle Mumenthaler, Vertreterin von «t.». «Es ist aber einfach so, dass die Arbeitsbedingungen für viele in der freien Szene prekär sind.»

Einer, der es wissen muss, ist Marcel Schwald. Der Regisseur und Künstler ist seit einigen Jahren gut in Basel verankert. Er zeigt seine Projekte schweizweit und ist an internationale Festivals eingeladen. Für ihn hat bisher Vieles gestimmt. Für den Aufbau der freien Szene hätten die bisherigen Gelder und Möglichkeiten ausgereicht, sagt er.

Dazu ist zu sagen, dass die Basler Theaterszene in den letzten zehn Jahren stark gewachsen ist. Vor allem, weil mit der Kaserne und dem Roxy Birsfelden Häuser unter kompetenter Leitung die Karrieren der Künstler befördert haben. Boris Nikitin, Capriconnection, Alexandra Bachzetsis, Beatrice Fleischlin oder Antje Schupp sind nur einige Namen, die für diesen Aufbruch stehen.

«Wenn man die Lage heute betrachtet, stimmt der Betrag, der für die freie Szene vorgesehen ist, nicht mehr mit dem Output, Erfolg und der Professionalität überein», sagt Schwald. «Weder im Vergleich mit Städten wie Zürich, Lausanne oder Genf noch im Vergleich mit anderen Basler Institutionen.»

Ist dem so? Schliesslich steht Basel in der Kulturförderung pro Einwohner schweizweit an erster Stelle. Blickt man auf die Zahlen im Theater, relativiert sich dieser Eindruck. In Zürich, das doppelt so viele Einwohner zählt, sind für freie Theater und Tanzproduktionen insgesamt 3,1 Millionen Franken pro Jahr budgetiert. Der Fachausschuss von Basel Stadt und Baselland kann in diesem Bereich pro Jahr 1,1 Millionen ausschütten. Dass diese Summe mittlerweile sehr knapp bemessen ist, zeigt die letzte Vergaberunde im 2018. Dem Bedarf an Fördergeldern von 1 168 680 Franken standen 320 000 Franken Budget gegenüber. Von 28 Projekten konnten nur sechs berücksichtigt werden. Zu wenig, um der Szene gerecht zu werden, finden deren Vertreter.

Dass Baselland nun ab 2022 100 000 Franken mehr für Tanz und Theater ausgeben will, freut Regisseur Schwald sehr. «Die Zuständigen im Kulturamt haben lange dafür gekämpft. Diese Wertschätzung unserer Arbeit finde ich toll. Wir stehen im Grunde aber am Anfang einer Diskussion, bei der es um viel mehr geht.»

Der Dialog wird gesucht

Sandro Lunin, der neue Leiter der Kaserne, weiss als ehemaliger Leiter des Theaterspektakel Zürich um die Bedingungen des Marktes. Er sagt: «Die Basler Szene wird mittlerweile schweizweit und international wahrgenommen. Beispielsweise ist sie an den renommierten Festivals Impulse und Politik im freien Theater regelmässig vertreten. Für das Volumen und die Professionalität, die sie mittlerweile hat, ist die Szene jedoch finanziell unterdotiert.» Die vor ein paar Jahren eingeführte Mehrjahresförderung sei ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht die Lösung des Problems.

«Wir haben zwar seit 2018 eine halbe Million mehr Budget in der Kaserne. Das Geld fliesst durchaus in die lokalen, nationalen und internationalen Koproduktionen, aber eben auch in die Vermittlungsarbeit und die Löhne fürs Team. Deshalb können wir die Bedürfnisse der freien Szene nur teilweise auffangen. Längerfristig wäre eine substanzielle Erhöhung des Förderkredits sinnvoll.» Es sei nun mal so, dass eine grössere Theaterproduktion 80 000 bis 100 000 Franken Förderung vor Ort braucht, um richtig finanziert werden zu können, so Lunin. Auch die Unterstützung von Produktionsbüros sollte dringend weitergeführt werden.

Ähnlich sieht die Situation Sven Heier vom Roxy Birsfelden. Auch er darf sich über mehr Mittel aus Baselland freuen, wie am Montag bekannt gegeben wurde. Das Roxy erhält in Zukunft 650 000 statt 550 000 Franken pro Jahr. «Der Entscheid kam für mich überraschend und freut mich sehr. Wir können nun unsere Strukturen den Bedürfnissen der Gruppen etwas anpassen», sagt Heier. Er macht sich jedoch gleichzeitig auch Sorgen um die hiesige Szene: «Der Erfolg dieser Künstlerinnen und Künstler zwingt zur Reaktion. Schlimmstenfalls wandern die Gruppen an Orte ab, wo die Förderung besser aufgestellt ist. Damit dies nicht geschieht, müsste die Stadt eine Strategie aufzeigen.» Heier wünscht sich ein breit abgestütztes Vorgehen, eventuell begleitet von einer professionell durchgeführten Bestandesaufnahme der freien Szene.

Auch Marcel Schwald setzt auf die gegenseitige Dialogsuche mit der städtischen Politik und Kulturförderung. «Der Wille ist auf beiden Seiten da», sagt er. «Nun braucht es aus unserer Sicht eine Entscheidung, was mit der freien Szene passieren soll.»

Zürich geht voran

Wie ein solcher Dialog aussehen könnte, zeigt sich in Zürich. Dort hat das Präsidialdepartement auf eine ähnliche Situation wie nun in Basel reagiert und ist auf die Anliegen der Tanz- und Theaterszene eingegangen. Anfang 2107 wurde das Projekt Tanz- und Theaterlandschaft aufgegleist, mit dem Ziel, das Fördersystem anzupassen. «Das Konzept wurde seither mit der Tanz- und Theaterszene gemeinsam entwickelt», sagt Daniel Imboden, Leiter der Sparte Theater im Präsidialdepartement. In einer Reihe von Workshops und Tischrunden wurden mögliche Szenarien entwickelt. Das fertige Konzept geht nun bald in die Entscheidungsphase.

Die wichtigsten Punkte darin sind: 17 Gruppen sollen in Zukunft Mehrjahresförderung erhalten, damit kontinuierliches Arbeiten möglich wird. Dafür wir die Projektförderung zurückgefahren. Die Tanz- und Theaterhäuser werden direkt in die Vergabe der Gelder miteingebunden. Mit rund 250 000 Franken pro Jahr soll eine Produktionsplattform entstehen, welche die Gruppen professionell unterstützt. Zudem soll Zürich ein Haus für Kinder- und Jugendtheater bekommen.

Konkrete Zahlen möchte Imboden noch nicht nennen. Sollte das Konzept auf Zustimmung treffen, werde die Tanz- und Theaterlandschaft Zürich jedoch eine substanzielle Stärkung erfahren, so Imboden.