Beim Besuch eines Kaufhauses wird man unerwartet von einer Vanille-Aromawelle gepackt, Puppen werden eigens mit Vanille bepudert und bereits Säuglinge bekommen mit Vanillin angereicherte Babynahrung. Diese Zunahme an industriellen Aromen in unserem Alltag führt dazu, dass die Fähigkeit des Menschen, komplexe Aromen zu erkennen, markant abgenommen hat. Im dokumentarischen Theaterstück «Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft» wird dieser Angriff auf unsere Geschmacksnerven humorvoll und mit soziologischem Kalkül in Szene gesetzt.

Seit Herbst 2012 ist das Aarauer «Theater Marie» unter neuer Leitung. Der Regisseur Olivier Bachmann und sein Bruder, Dramaturg Patric Bachmann, der Musiker Pascal Nater und Szenograf Erik Noorlander haben das Kantonstheater ohne festen Spielort übernommen. Sie kennen sich seit ihrer gemeinsamen Arbeit am Stadttheater Bern und von Projekten in der freien Szene. «Wir teilen Theaterverständnis, Rhythmusgefühl und Humor», sagt Patric Bachmann. «Daher wollten wir auch nicht einer Quote zuliebe das Team anders zusammenstellen, das wäre inkonsequent gewesen.»

Kein festes Ensemble

Die neue Leitung unterscheidet sich insofern von der alten, als sie kein festes Ensemble beschäftigt. Sie wird nach und nach einen Pool von 10 bis 15 Schauspielerinnen und Musikern zusammenstellen, und diese projektbezogen und flexibel einsetzen. «Beim Stück im Herbst stehen dann übrigens vier Frauen auf der Bühne», betont Bachmann lachend.

Bachmann und Co. halten sich an drei Leitmotive – Diskurse, Orte, Geschichten –, anhand derer sie ihre Produktionen aufbauen. Während bei der ersten Produktion, «Kino Marie», der Ort Kino dominierte, steht im auf Herbst geplanten Stück nach dem Roman von Alex Capus «Harry Widmer Junior» die Geschichte im Zentrum. In «Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft» webt sich das Theater um den Diskurs. Anhand der Geschichte der Vanille und der Gegenüberstellung mit ihrem künstlichen Pendant Vanillin unternehmen Schauspieler Michael Glatthard, Bariton Philippe Meyer und Musiker Pascal Nater unter der Regie von Olivier Bachmann eine theatralisch-musikalische Reise zu den Ursprüngen der Lebensmittel-Veredelung und thematisieren den Widerspruch von der Gleichschaltung der Individual-Gesellschaft.

Initialzündung Erdbeerkonfitüre

Wie kam das junge Theater-Team dazu, diese Problematik rund um die Vanille zu schreiben? Die Initialzündung war eine Erdbeerkonfitüre mit Vanillegeschmack: «Erdbeermund» von der Migros. Diese Konfi haben 2011 über 4300 Migros-Kundinnen und Kunden auf «Migipedia» selbst entwickelt. Diese süsse Wahl fanden die Theatermacher absurd und wollten dem Vanilleboom in unserer Gesellschaft nachgehen. Pascal Nater und Michael Glatthard haben mit Spezialistinnen wie einem Duft-Forscher, Lebensmittelchemikern, Marketingexperten und Gastrokritikerinnen gesprochen und zu einem «gut gemachten Vortrag» verarbeitet.

Dass das Stück neben weiteren Institutionen wie dem Aargauer Kuratorium von der «Fondation Nestlé pour l’Art» unterstützt wird, erstaunt. Inwieweit passt das zusammen? Ein kritisches Stück, das den Angriff auf unsere Geschmacksnerven thematisiert, und der Grosskonzern Nestlé, der mit Wasser einen Zehntel seines Gesamtumsatzes erzielt, laufend Quellen- und Grundwasserrechte auf der ganzen Welt erwirbt und mit Babynahrung vom Geburtenanstieg in Schwellenländern profitiert. «Wir finden natürlich auch nicht gut, dass Nestlé Wasser aufkauft. Aber das Geld der Fondation ist relativ unabhängig von Nestlé, und es ist für uns eine Ehre, zwei Jahre lang diese Unterstützung zu erfahren», erklärt Olivier Bachmann.

Team bewährt sich

Das Theater Marie hat sich unter dem neuen Team bewährt. «Das erste halbe Jahr war ein riesen Spass, wir wurden vom Publikum und der Presse unterstützt und haben dadurch einen schönen Start hinlegen können.» Das erste Stück, «Kino Marie», kam so gut an, dass mittlerweile auch Gastspiele im Kino Odeon in Brugg, dem Kino in Meiringen oder dem Roxy in Birsfelden geplant sind. «Wir haben die Möglichkeit, die Fühler auszustrecken und immer weitere Kreise zu ziehen», freut sich Bachmann. Ausserdem ist das Marie-Team zum Suhrer Dorfschreiber berufen worden. «Wir sammeln Geschichten aus Suhr und von Suhrern, die wir im Frühjahr 2014 in Form eines theatralen Spaziergangs den Bewohnerinnen und Bewohnern schenken und präsentieren», sagt Bachmann.

Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft 1., 3., 4., 17. und 18. Mai 2013, je 20.15 Uhr, Tuchlaube Aarau.