Nach seiner Vorstellung begegnet er bewegten Zuschauern. Eltern eines psychisch kranken Kindes bedanken sich für seinen Auftritt — nun denken sie, besser mit der Krankheit ihrer Tochter umgehen zu können. Eine Zuschauerin, die seit längerem Stimmen hört, beschliesst nach dem Theaterbesuch, in eine Therapie zu gehen. «The vacuum cleaner», so nennt sich der Performer, verändert mit seinem Auftritt die Wahrnehmung von psychischen Krankheiten. Ihm gelingt deren Entmystifizierung, weil er offen und ehrlich von seiner Geschichte als Borderline-Patient berichtet. Wer spricht, verändert.

Die Öffentlichkeit im Brennpunkt

Sein Soloprogramm «Mental», das während des Festivals im Theater Roxy gastiert, ist ein gutes Beispiel für das Konzept von «It’s The Real Thing — Basler Dokumentartage 15». Das Festival soll zeigen, wie Theater, Film, Performance und Ausstellungen die Wirklichkeit verändern können. Im Brennpunkt steht die Öffentlichkeit. Keine gesellschaftliche Zone wird mehr umkämpft wie sie, denn Öffentlichkeit ist die Arena für Politik, Ökonomie und Unterhaltungsindustrie.

«Subjektive Blickwinkel interessieren mich», erklärt Boris Nikitin, Festivalkurator und Organisator, in einem Gespräch. In der Zusammenstellung des Programms hat Nikitin darauf geachtet, dass die eingeladenen Künstler in ihren Werken einen reflektierten Umgang mit der Wirklichkeit dokumentieren. Dokumentartage will aber nicht heissen, dass nur mit Dokumentarfilmen und Ausstellungen zu rechnen ist. Der Begriff «Dokumentarisch» soll dehnbar sein, Performance und Theater finden darin besonderen Stellenwert. Nikitin erläutert: «Ich selber bin sehr kritisch gegenüber dem Dokumentarischen, unterwandere es in meinen eigenen Theaterprojekten und interessiere mich viel mehr für die Dekonstruktion von Wirklichkeit.»

So ermöglicht er den Auftritt von Samuel Koch und Robert Lang, deren Performance «Ein Bericht für eine Akademie» nach Franz Kafka auf den ersten Blick so gar nichts Dokumentarisches hat. Auf den zweiten Blick sehr wohl. Samuel Koch, Nachwuchsschauspieler und Ensemblemitglied des Theaters Darmstadt, erzählt auf der Bühne in der Rolle von Rotpeter von seiner Menschwerdung. Die Parallele zwischen Rolle und Leben des Schauspielers ist unmissverständlich: Koch erlitt während eines Fernsehauftritts bei der Sendung «Wetten, dass…?» einen schweren Unfall und ist seither querschnittgelähmt. Rotpeter wurde angeschossen und im Variété zum Affen gemacht.

Mehr als Theater

Der grosse Fisch der diesjährigen Dokumentartage, «Magnificat», das polnische Chorstück von Marta Górnicka, eröffnet am Mittwochabend das Festival. In einer Art ästhetisierten Demonstration verschaffen sich 25 Frauen Gehör und zeigen im doppeldeutigen Sinne, wie machtvoll die Stimme eines einzelnen Menschen sein kann. Bereits zum zweiten Mal ist der libanesische Künstler Rabih Mroué zu Gast in der Kaserne Basel. Auf der Bühne erzählt sein Bruder Yasser, wie er während des Bürgerkriegs in Beirut verletzt wurde und dadurch die Fähigkeit verlor, richtig zu sprechen.

Eine weitere grosse Kiste ist «Not Punk, Pololo». Die Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klassen stellen eine 15-köpfige Mannschaft unterschiedlicher Couleur auf die Bühne und sorgen am Samstag mit Live-Orchester für eine einzigartige Tanzshow.

Neben dem Theater erhalten auch andere Genres Platz. Joshua Oppenheimers vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilme über Indonesien werden gezeigt. Darin spricht er mit Indonesiern, die am Genozid von über einer Million Kommunisten beteiligt waren. Ein filmischer Albtraum: Die Mörder spielen freudig ihre Taten vor der Kamera nach.

Stets mit performativem Aspekt finden zudem Workshops und Exkursionen (Real Places) im Raum Basel statt. Am Samstagabend führt beispielsweise der Schauspieler Nils Amadeus Lange durch den nächtlichen Untergrund der Stadt. Wohin, bleibt eine Überraschung.

Boris Nikitin holt für sein Festival Künstler aus der ganzen Welt nach Basel und Umgebung. Aus Warschau, Berlin, Paris, Abidjan, London und Beirut fliegen seine Gäste im April nach Basel. Tiefenentspannt ist der 36-jährige Festivalkurator zwei Wochen vor Beginn der Dokumentartage. Wie er das mache, ist die Frage. «Ich bin ein pessimistischer Planer», antwortet er. Nikitin rechnet immer mit verspäteten Flügen und erwartet, dass die Kosten für Werbung, Transport und Flüge höher ausfallen als geplant. Denn so sieht die Wirklichkeit hinter dem Vorhang aus. Dagegen hilft nur etwas: Genügend Geld zur Seite scheffeln, dann gleicht jeder Notfall einem kleinen Pupser.