Literatur

Grosse Liebe in dunklen Zeiten

Literatur der Zukunft, 230 Seiten.

Hannes Sonntag «Solange es noch geht».

Literatur der Zukunft, 230 Seiten.

Der deutsche Konzertpianist Hannes Sonntag erweist sich mit seinem wunderbar altmodischen Roman «Solange es noch geht» auch als feinsinniger Autor

Als «aussergewöhnliche künstlerische Doppelbegabung» preist der erst 2012 gegründete deutsche Kleinverlag Literatur der Zukunft seinen Autor Hannes Sonntag an. Unwillkürlich schrillen da die Alarmglocken, und Kinderbuch schreibende Prominente schreckgespenstern einem durch den Kopf. Zumindest wenn man, wie wohl die meisten, Sonntags literarisches Werk nicht kennt.

Einen Namen gemacht hat sich der Konzertpianist und Schüler von Stefan Askenase bislang vor allem als Musiker; unter anderem mit dem Duo Esterhazy. Gleichzeitig aber war Literatur aus seinem Leben nie wegzudenken. Von Anfang an, sagt er, sei beides da gewesen: die Musik und die Literatur. Geschrieben habe er, wann immer die Musik, diese «eifersüchtige Geliebte», es zuliess. An die literarische Öffentlichkeit getreten ist er mit dem Erzählband «Klavier-Wanka» hingegen erst vor wenigen Jahren.

«Solange es noch geht» heisst nun sein neuer Roman, der im nationalsozialistischen Deutschland Mitte der 1930er-Jahre angesiedelt ist. Zu dessen Handlung inspirierten ihn die autobiografischen Aufzeichnungen seines Grossvaters, die ihm beim Stöbern im umfangreichen Familienarchiv in die Hände fielen. Der Autor selbst liefert damit die Vorlage für den Rahmenerzähler seines Romans, der wie auch Sonntag seinen Grossvater nie persönlich kennen gelernt hat.

Raus aus Nazi-Deutschland

Jakob Pius Erdmann Sandlitz heisst der fiktive Ahn im Buch wunderbar umständlich. Eingeführt wird er als «gemütvoller Schlesier» und «durchgeschulter, preussischer Beamter» im Ruhestand. Seinen letzten Arbeitstag hatte er am 31. März 1933. Also gerade noch rechtzeitig, ehe «der neue Staat eine erste braune Bresche in die angestammte Regelwelt staatlichen Dienens schlug». Und rechtzeitig auch, um heimlich ein neues Leben zu beginnen.

Sandlitz schliesst sich einem antifaschistischen Freundeskreis an, der Verfolgten hilft, Nazi-Deutschland zu verlassen. 1936, im Sommer der Olympischen Spiele, begegnet Sandlitz in Berlin einer jungen Schwedin namens Synni. Da ist er bereits 68 Jahre alt und verliebt sich wie zum ersten Mal. Eine leidenschaftliche und geradezu anachronistisch romantische Liebesgeschichte entspinnt sich: «Und dann kam sie. Meine geliebte Synni, so empfand ich es nun: meine. Die letzten Schritte gingen wir aufeinander zu, wir umarmten und küssten uns, wie ein vertrautes Paar. So habe ich es noch nie erlebt, so vollkommen neu und aufregend, so uralt und in weit ausholendem Sinne richtig.»

Die Zeit aus den Angeln heben

Der gesamte Roman ist in einem solch soignierten Tonfall gehalten. Nicht nur die Tagebucheinträge, die das komplexe Denken und feinsinnige Empfinden eines noch im Geiste des 19. Jahrhunderts geschulten Humanisten widerspiegeln, sondern auch die im Präsens notierten Anmerkungen des Erzählers, der das Material ordnet, zusammenfasst und verknüpft, klingen auf anmutige, elegante Weise aus der Zeit gefallen, unzeitgemäss oder auch: zeitlos. Es sind Rhythmus, Melodie und Klang, es ist die Sprachmusik, die diesen klassischen Stil prägt, mit dem Sonntag in der Literatur versucht, was seinen Protagonisten in der Liebe gelingt: die Zeit aus den Angeln zu heben.

Solch einen Roman, das wird schnell klar, verfasst man nicht mal eben nebenbei zum kreativen Ausgleich. Hannes Sonntag versteht sich selbst auch nicht als schreibenden Pianisten. Auf die Frage, was ihm wichtiger sei, das Schreiben oder das Musizieren, ringt sich Sonntag zu einer überraschend eindeutigen Antwort durch: Die «eifersüchtige Geliebte» muss da ganz tapfer sein, denn es ist das Schreiben.

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