Güzin Kar, wie gefiele Hüsnü «Engel in Amerika»?

Güzin Kar: Der Hüsnü fände das grossartig. Er wäre überwältigt von der schauspielerischen Wucht auf dieser Bühne. Er versteht zwar nichts von Theater, aber er liebt schöne Menschen und Körper.

Überlegen Sie sich manchmal, was der von Ihnen erfundene Lebensberater Hüsnü wohl zu einem Film, Buch oder Stück sagen würde?

Ich selber denke nie darüber nach, aber die Leute fragen mich. Hüsnü ist ein Menschenfreund und er bekämpft das Böse, die Böswilligkeit. Deshalb ist alles Schöngeistige in seinem Sinn.

Beim Zuschauen etwa eines Theaterstücks ist man zweigeteilt: Ein Teil geht emotional mit, ein anderer analysiert das Gesehene. Wie ist das bei Ihnen als Regisseurin, achten Sie besonders darauf, wie es gemacht ist?

Ich glaube nicht, dass man geteilt ist beim Zuschauen. Analyse und Genuss stehen sich nicht getrennt gegenüber, sie verstärken sich eher gegenseitig. Je mehr man über eine Kunstform weiss, desto höher ist der Genuss. Man sieht zum Beispiel, wie schwer etwas herstellbar ist oder wie filigran etwas gespielt ist.

Ist man als Regisseurin nicht besonders kritisch gegenüber anderen Regisseuren?

Vielleicht. Anderseits ist man auch besonders wohlwollend – gerade weil man weiss, wie viel Arbeit hinter so etwas steckt. Wobei ich finde, dass man einer Kunstform den triefenden Schweiss nie ansehen soll. Es sollte alles stets so wirken, als ob es den Machern ganz leicht von der Hand gegangen wäre.

Worauf achten Sie besonders?

Was mich im Theater besonders interessiert, ist die Inszenierung von Körperlichkeit. Im Film gibt es keine, weil er zweidimensional ist; man muss sie mithilfe von Schauspiel, Licht, Farbe und Kameraeinstellungen herstellen. Im Theater ist die Körperlichkeit gegeben. Aber die Schwierigkeit ist, sie zu inszenieren, ohne dass sie zum blossen Effekt verkommt. Eine der herausragenden Leistungen in «Engel in Amerika» ist, dass die Körperlichkeit sehr gekonnt inszeniert wird.

Wie denn?

Die schwule Sexszene zum Beispiel hätte zu einem Effekt geraten können. Sie ist nun aber nicht nur sehr gekonnt gespielt, sondern sie wirkt innerhalb der Inszenierung in diesem Moment zwingend. Körperlichkeit ist umso auffälliger, wenn die Schauspieler nackt sind. Im Film gibt es hundert Möglichkeiten, Nacktheit zu klausulieren. Aber ein nackter Schauspieler im Theater ist ein nackter Schauspieler auf der Bühne. Doch die Körper haben in diesem Stück eine Dringlichkeit entwickelt. Und zwar alle.

Gegen Aids gibt es heute Medikamente, Homosexualität wird in breiten Kreisen akzeptiert – braucht es das Stück «Engel in Amerika» überhaupt noch?

Aids steht für ein Symptom. Als Symptom der Verlogenheit einer Gesellschaft. Darum ist das Stück immer noch modern. Es macht die Sache noch akuter, wenn eine Krankheit die Sexualität berührt. Klar ist Homosexualität heute akzeptierter, zum Glück. Aber die Sexualmoral ist immer noch etwas, das benützt wird, etwa um Familienmodelle zu verteidigen.

Etwa indem man behauptet, dass das traditionelle Familienmodell von der Gleichstellung homosexueller Paare bedroht wird?

In die ganze Diskussion über die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare sind moralische Vorstellungen geraten, die nichts mit dem Kindswohl zu tun haben. An das Kind wird zuletzt gedacht. Einigen Kreisen geht es vor allem um die eigene Moral, geprägt von zutiefst christlichen, traditionellen Vorstellungen. Das ist so ewig gestrig. Ich kenne mehrere Familien, die völlig untraditionell funktionieren. Etwa ein schwules Paar, das sich eine Mutter für ihr Kind gesucht hat; nun ziehen sie es zu dritt auf. Das funktioniert sehr gut. Es geht nur noch darum, ob man das legalisiert oder nicht. Die Leute haben schon lange ihre Methoden gefunden, aber man tut noch so, als ob es das nicht gäbe. Die Moral hinkt der Realität hinterher.

Es geht bei dieser Art von Moral gar nicht darum, ob etwas jemandem schadet oder nicht.

Ich werde nie verstehen, weshalb man eine Moral gegen jede Erfahrung, jeden Pragmatismus verteidigen muss. Es will mir nicht in den Kopf, weshalb man unnötigerweise gewisse Familien kriminalisiert. Gerade für die Kinder wäre die Legalisierung wichtig. Das Stück zeigt, wie moralische Vorstellungen benützt werden, um politisch etwas zu bewirken.

Das Stück ist auch als Kritik am Neoliberalismus angepriesen worden. Erschliesst sich Ihnen das?

Ja, absolut. Es zeigt die totale Entsolidarisierung, bei der am Ende jeder für sich selber verantwortlich ist. Das finde ich am Stück hochaktuell. «Eigenverantwortung» wird heute als höchster Wert angepriesen. Man sagt, jeder sei seines Glückes Schmied. Das ist eine ganz grosse Lebenslüge. Es braucht eine Solidarität in der Gemeinschaft, ein gegenseitiges Wohlwollen, Hilfeleistung. Das kommt heute völlig unmodern daher. Dass jeder die gleiche Chance hat – das ist einfach nicht wahr. Die Veranlagungen der Leute sind nicht dieselben.

In ganz Europa wird rechter, nationalistischer gewählt. Und in der Schweiz herrscht zudem die Idee vor, dass wir hier allein auf uns gestellt existieren können. Die Lüge der «Eigenverantwortung» erlebt jetzt einen Aufschwung, oder?

Lebenslügen funktionieren. Je mehr Ängste die Leute haben, umso besser.

Kann man sagen, dass sich die Situation von damals, während der Reagan-Zeit, wiederholt?

Etwas repetiert sich. Phasenweise hatte ich das Gefühl, es gebe einen Aufschwung anderer Werte, etwa der Solidarität untereinander. Das gibts natürlich auch. Aber dann sieht man wiederum, wie die Leute sich darüber empören, wohin wie viele Flüchtlinge gekommen sind. Doch wenn ein Riesenkonzern so und so viel Leute entlässt, interessiert das niemanden; es gibt keine Empörungswelle, keine Demo – das ist dann einfach so. Die ganze neoliberale Wirtschaft wird als gottgegeben akzeptiert. Alles andere wird verteufelt oder als Bedrohung empfunden.

Der Sozialhilfebetrüger ist ein riesiges Thema; von den vielen Kaderleuten, die ihre Firmen um Millionen bringen, hört man weniger.

Ja. Oder ein muslimischer Fussballer hat letzthin irgendeiner Reporterin die Hand nicht geschüttelt. Darüber wird nun heftig debattiert. Einige Prosecco-Feministinnen haben sich zusammengerottet und herausgefunden, dass eigentlich die weisse, heterosexuelle, christliche Frau das bedrohte Volk ist.

Wir führen Proteste auf Nebenschauplätzen, konzentrieren uns auf die falschen Sachen?

Jeder schaut für sich selber. Darum ist das Stück so aktuell. Auch der Mainstream-Feminismus steckt im Moment in einer Sackgasse fest. Das sage ich als Feministin. Es geht nur noch um weibliche Wortendungen und Quoten. Aber wieso haben Feministinnen heute keine Meinung zum Antisemitismus, der wieder erstarkt ist? Oder zu den Anschlägen auf Asylheime in Deutschland. Das vermisse ich. Das ist für mich Entsolidarisierung.

Als Kolumnistin üben Sie oft Kritik an neoliberalen Phänomenen, Sie tun das mit satirischer Zuspitzung. Werden Sie verstanden?

Ich hoffe es. Wenn man komödiantisch schreibt, kann man sich nicht darum sorgen, ob das genauso ankommt oder nicht. Das kann nicht meine Aufgabe sein. Sonst könnte ich ein Flugblatt schreiben.

Bei allem Witz ist aber schon auch die Hoffnung dabei, dass es etwas bewirkt?

Ich bin am Punkt, wo ich genau das infrage stelle. Mir geht es stark um die Sprache, ums Literarische, um das Wie. Ich glaube, dass Humor und Poesie viel mehr bewirken, als wenn ich auch noch eine klare Meinung schreibe. Meinungen sind heute Ramschware: Jeder hat auch noch eine. Ich bin der Meinungskolumne überdrüssig. Kunst dagegen kann Zusammenhänge herstellen, die eine blosse Meinungsaussage nicht vermag.