Ausstellung

Hans Peter Litschers böse Hasen suchen Olten heim

Im Kunstmuseum Olten zeigt Hans Peter Litscher seine Wunderkammer, bevölkert mit Hasen aus der Kunstgeschichte. Es ist ein Dialog mit dem Karikaturisten Martin Disteli.

Hans Peter Litscher ist ein Grenzgänger in der Kunst- und Theaterwelt. Der Innerschweizer Weltbürger, Jahrgang 1955, mäandert seit Jahren durch die Häuser der unterschiedlichen Sparten. Seine Spezialität: Er kreiert Ausstellungen, die er mit seiner Erzähl- und Bastelkunst zu fantastischen Wunderkammern macht, wo Realität und Fiktion kaum mehr unterscheidbar sind. Meist verknüpft er dabei reale Biografien von Künstlerinnen und Künstlern mit denjenigen fiktiver Personen.

Das Kunstmuseum Olten hat Litscher eingeladen, mit dem Werk des Schweizer Zeichners und Karikaturisten Martin Disteli (1802-1844) in Dialog zu treten. Er ist bereits der fünfte Künstler, dem das Museum diese Aufgabe anvertraut.

Hasen von Joseph Beuys und Meret Oppenheim

Litscher nennt seinen Disteli-Dialog «Und Hasen, Hasen schneit es fort, jede Stund’». Dabei verändert er seine übliche Vorgehensweise. Nicht die Biografie eines fiktiven Künstlers steht im Zentrum seines Hasen-Universums, sondern seine eigene. Litscher, ein begnadeter, hochbelesener Rechercheur und Wanderer durch Antiquariate, Kunst- und Brockenhäuser befasst sich bereits seit Jahren mit dem Thema Hase.

Ausgehend von Distelis «Tollem Jäger», wo derselbe von einer Meute Hasen gejagt wird, zeigt er nun das Resultat. Unter anderem einen seiner Arbeitstische. Das überbordende Kabinett gibt eine Ahnung davon, wie weit verzweigt, spielerisch und besessen seine Recherchen verlaufen. Es sind die bösen, revolutionären Hasen, die Litscher interessieren. Mit Werken und Dokumenten von Douglas Gordon, Joseph Beuys, Shao Fan, Dieter Roth, Paul Thek, Meret Oppenheim und vielen anderen illustriert die Ausstellung, dass der Hase sich vielgestaltig in der Kunst niedergeschlagen hat.

Litscher verknüpft in seiner Schau die Kunstwerke mit zahllosen Büchern, Fotografien, selbstgefertigten Collagen, die er in Vitrinen präsentiert. Die Ästhetik dieser Wunderkammern erinnert an die Ausstellungen Harald Szeemanns, womit der Faden zu Litschers eigener Biografie geknüpft ist, hat er doch zeitweise für den legendären Kurator gearbeitet.

Die Erfindung der Kunst beim Basteln und Erzählen

Da ist also einerseits die Ausstellung, die auf Entdeckungsreise durch die Höhlengänge der hasengeprägten Kunst lädt. Eine Ahnung, wie hier Kunst und Alltagsgegenstand, Fake und Fakt zusammenkommen, erhält aber nur, wer eine Führung des Künstlers besucht. Denn bei Litscher vervollständigt nicht der Betrachter, sondern die Erzählung des Künstlers das Werk. In roten Schuhen und Wintermantel erzählt er, mal durch, mal über die Brille linsend, wie er als Knabe vor Distelis Hasenbild ein Hasentrauma eingefangen habe. Dieses sei erst zur Kunst geworden, als er, noch Gymnasiast in der Klosterschule, mit einer Installation aus 49 Gipshasen in die Weihnachtsausstellung des Kunstmuseums Luzern aufgenommen worden sei. Dort sei er unter die Fittiche des Direktors Jean Christophe Ammann geraten und durch diesen in Berührung mit anderen hasengeschädigten Künstlern wie etwa Joseph Beuys gekommen.

Spätestens hier ist gut zu wissen, dass Litscher auch Schauspieler und Geschichtenerzähler ist. Was er nach seinem Hasentrauma-Prolog ausbreitet, ist eine Art Tour de Force entlang seiner Biografie. Zuweilen wird diese zum atemlosen Namedropping der späten Avantgarde, zuweilen ist sie gespickt mit witzigen Anekdoten, wie etwa derjenigen über Albert Hoffmans LSD-Experimente mit Hasen. Was an diesen Erzählungen über all die mit ihm befreundeten Künstler und Künstlerinnen wahr ist, und was erfunden, ist für Uneingeweihte schwer zu entschlüsseln. Aber diesem Mann beizuwohnen, wie er sein eigenes Leben und Teile der Kunstgeschichte jenseits des Faktischen weiterspinnt, ist lohnenswert. Wobei die Frage durchaus erlaubt ist, ob vor dem Hintergrund global angelegter Geschichtsklitterung und Fake News dieses undurchsichtige Spiel mit der Wahrheit seine tänzerische Unschuld nicht einbüsst.

Disteli-Dialog mit Hans Peter Litscher: Bis 26. April. Führungen mit dem Künstler bis 12. April.

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