Vorhang auf: ein Familienbild in Marmorgrün. Zwei Mädchen, gekrönter Vater, Mutter. Sie bricht sogleich zusammen. Vorhang zu. Zum Motiv des berühmten Gefangenenchors Vorhang auf: Jetzt streiten die Mädchen um die Krone, der Vater überrascht sie. Vorhang zu.

So führt Opernhausintendant und Regisseur Andreas Homoki von Giuseppe Verdis erster Erfolgsoper «Nabucco» die Handlung ein: Es geht ihm kaum um die Glaubens- und Machtfragen zwischen eroberten Juden und imperialistischen Babyloniern. Der Regisseur erzählt eine Familiengeschichte.

Wenn die vier Teile schliesslich beginnen, ist da der alleinerziehende Vater mit seinen beiden Töchtern, die ganz unterschiedliche Lebenswege einschlagen. Abigaille wütet, als sie herausfindet, dass sie gar nicht die leibliche Tochter Nabuccos ist. Fenena verliebt sich in den tenoralen Feind und tritt noch vor dem Vater im Finale zum Judentum über: Veronica Simeoni gestaltet warm und schlicht, während man Benjamin Bernheim in der undankbaren Partie des Ismaele gern Druck wegenehmen und seiner klaren, lyrischen Stimme mehr Raum geben würde.

Zentrale Familienkonstellation

Weil diese Familienkonstellation von der Regie als zentral behandelt wird, tauchen die beiden Töchter als kleine Mädchen immer wieder auf. Zugegeben, das Libretto erzählt seine Handlung in Einzelszenen. Aber wozu braucht diese Familiengeschichte zwei aufeinanderprallende Völker und Religionen, warum die Eroberung Jerusalems? Warum greift hier ein Gott mit Blitz und Wahnsinnsstrafe ein?

Wolfgang Gussmann hat einen mächtigen Steinblock auf die Bühne gestellt. Erst wirkt er wie eine Rückwand, bald aber beginnt er sich zu drehen und Chormassen auf und von der Bühne zu wischen. Das ergibt Bewegung und ermöglicht an diesem Abend der wuselnden, sich wie das Rote Meer teilenden Masse plötzliche Auftritte. Doch was ist der Gewinn für das, was hier erzählt werden soll? Jedenfalls ersetzt die Drehung keine Führung und Motivierung des Chores (Einstudierung Janko Kastelic), der kompakt und klangschön singt und in seiner Paradenummer «Va, pensiero!» auch textverständlich.

Blasser Hohepriester

Vielleicht profitiert der Chor davon, dass er szenisch kaum gefordert wird. Der israelitische Hohepriester Zaccharia bleibt allerdings szenisch blass irgendwo zwischen Einpeitscher und Normalo, dabei singt ihn Georg Zeppenfeld fundiert und mit wunderbar klar geführtem Bass. Dafür dreht Dirigent Fabio Luisi sonst oft auf, beim Tempo und bei der Lautstärke wie auch bei der dramatischen Durchgestaltung und den knackigen Rhythmen. Das Orchester steht, obwohl es hier noch klar primär begleitende Funktion hat, akustisch ziemlich im Vordergrund – nicht zum Vorteil der Sänger. Anna Smirnova als Intrigantin Abigaille schleudert schneidende vokale Blitze, kämpft aber vor allem im ersten Teil mit der Intonation, den Koloraturen und mit den leiseren Tönen.

Störender noch: wie neutral sie als Figur bleibt. Das fällt vor allem im Duett mit Michael Volles Nabucco auf. Bei ihm wird hör-, sicht- und spürbar, was möglich wäre – auch szenisch. Da entsteht aus vokaler Gestaltung und Spiel eine spannende Figur. Und wer immer noch glaubt, dass ein grosser Wagner-Sänger kein grosser Verdi-Sänger sein kann, muss sich von Michael Volle vom Gegenteil überzeugen lassen.

Nabucco Opernhaus Zürich. Noch bis 12. Juli.