Wer kennt sie nicht, die Situation, in der wildfremde Menschen Grüsse an vermeintlich gemeinsame Bekannte ausrichten? Das bleibt jeweils irritierend, bis es sich auflöst: Es muss sich bei dem Gemeinten um einen Doppelgänger handeln, also um jemanden, der einem offenbar zum Verwechseln ähnlich sieht.

Ähnlich Verwirrendes erleben in Heinrich von Kleists Stück «Amphitryon» der gleichnamige thebanische Feldherr und sein Diener Sosias. Bloss, die beiden Doppelgänger Jupiter und Merkur sehen ihnen nicht zufällig zum Verwechseln ähnlich, sie erscheinen mit Absicht in dieser Aufmache und vor allem: aus List.

Die List wiederum dient der Lust. Jupiter hat sich einmal mehr in eine Sterbliche verknallt. Alkmene geht ihm so lange nicht mehr aus seinem Kopf heraus, bis er in ihr Bett hinein gelangen kann. Und dies tut er in der Gestalt ihres Gatten Amphitryon.

Es wäre kein Stück vom Meister der Auslassung und Anspielung, wenn sich die – offenbar sehr gelungene – Liebesnacht, nicht schon vor Beginn des Stücks ereignet hätte. «Amphitryon» ist ein Enthüllungsstück. Nach und nach versuchen die Figuren, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, scheitern aber über grosse Strecken daran, dass die Lügner diese Wahrheit dreist für sich in Anspruch nehmen.

Die Wahrheitsfrage gipfelt in der Situation, in der zwei Amphitryons einander gegenüber stehen und jeder behauptet, der Echte zu sein. Der Aktualitätsbezug des Stückes liegt – in Zeiten von Fake-News – auf der Hand: Es geht um Schein und Sein und die erschreckende Erkenntnis, dass es leider nicht so ist, dass die Wahrheit sich schon irgendwie durchsetzt, nur weil sie eben wahr ist.

Sex, Transzendenz und Irrwitz

«Amphitryon» ist mehr als ein witziges Lustspiel mit Doppelgängern. Unter die frivole Melodie um Ehebruch und Eifersucht in Molières Fassung, die man als Kritik an den selbstgerechten Affären eines Louis IVX lesen konnte, hat Kleist grundlegende Akkorde der Erkenntnistheorie komponiert. Kleists Kritiker haben dem Stück eine Uneinheitlichkeit des Inhalts vorgeworfen.

Aber gerade diese Mischung aus Sex, Transzendenz, Irrwitz und Erkenntnistheorie soll ihm zuerst einer nachmachen. Und welchen Aspekt betont Julia Hölschers Inszenierung, die kommenden Donnerstag am Basler Schauspielhaus Premiere feiern wird? Ein Probebesuch bringt etwas Klärung.

Klar, wer warum mit wem schlief, ist nie ganz uninteressant. «Hätte uns dieser Aspekt interessiert, hätten wir allerdings den Molière ausgewählt», erzählt die Dramaturgin Sabrina Hofer. Zwei Dinge sind bei Kleist neu: das Bedürfnis Jupiters, nicht bloss bewundert zu werden, sondern als Individuum geliebt und erkannt zu werden sowie Kleists Fokus auf die Wahrnehmungskrisen der Figuren. Regisseurin Hölscher streicht in ihrer Arbeit genau diese Kleistschen Zugänge heraus. Sie beschäftigt sich mit «dieser Sehnsucht, erkannt zu werden» und dem «Schreck über die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung», wie sie sagt.

Ernste Fragen, frivol gestellt

Wer bin ich, wenn die andern mich nicht erkennen? Und wie soll man der eigenen Wahrnehmung trauen können, wenn derjenige, der einem am nächsten zu sein scheint, nicht derjenige ist, der er behauptet zu sein? Kleist beschäftigte sich mit diesen Fragen in einer Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit, dass in seiner Feder das frivole Lustspiel wieder näher an eine durchaus tragische Komödie rückt. So wie es bereits in der Erstbearbeitung des griechischen Mythos durch Plautus geschieht.

Auch Regisseurin Hölscher betont das Tragische stärker, wenn sie von einer «heiteren Tragödie» spricht. Denn die Fragen sind ernst. Wie sehe ich mich selbst? Wieweit ist dieses Selbstbild vom Bild, das andere von mir zeichnen, beeinflusst? Gibt es Identität? Wahrheit? Das Ding an sich?

Die Zweifel an einer Objektivität der Erkenntnis, zu der Kleist unter anderem durch die Beschäftigung mit der Kantschen Philosophie, gelangte, sind so erschütternd wie postmodern. Dieser Erschütterung liegt Hölschers Inszenierung zugrunde. Aber wie kann es gelingen, diese Erschütterung dem Publikum zu vermitteln? Durch gute Bilder und gutes Spiel.

Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Paul Zoller hat sich die Regie für einen riesigen, drehbaren Spiegel entschieden, der die doppelt vorhandenen Personen nochmals verdoppelt. Die Zuschauer können dadurch abwechslungsweise den Schauspielern und ihren Spiegelbildern folgen. Dadurch sollen sie, die eigentlich immer mehr wissen als die Figuren, ebenfalls in eine Situation der ständigen Täuschung und Irritation versetzt werden.

Und fürs Schauspiel braucht es, um die oft langen Sätze Kleists glaubhaft in die Jetztzeit zu transportieren, eine schauspielerische Präsenz, die nicht jedem Ensemble gegeben ist. Diese sechs Schauspieler des Basler Ensembles haben aber definitiv das Zeug dazu.

Was sie daraus machen und ob der Effekt des Spiegels wirkt, wird die Premiere zeigen. Die spannendste Frage bleibt aber wie bei jeder Inszenierung dieses Stückes wohl die folgende: Wie wird das letzte Wort der Alkmene inszeniert? Schliesslich handelt es sich dabei um nichts weniger als den berühmtesten Schluss aller deutschen Theatertexte. Da man den Schluss aber nicht verraten darf, sei nur soviel gesagt: Es klingt fast wie «Ich!». Beginnt aber mit A.

«Amphitryon», Premiere am Donnerstag, 11. Januar, Theater Basel.