Eigentlich weiss man es ja: Das Kunstmuseum Basel ist im Besitz einer der wichtigsten Kunstsammlungen der Welt. 4000 Gemälde, Skulpturen, Installationen und Videos sowie 300 000 Zeichnungen und Druckgrafiken sind in seinem Besitz. Und doch staunt man immer wieder, welche Schätze das Haus beherbergt. So kommt einem der neue Kunstmuseumsdirektor Josef Helfenstein vor wie ein Perlentaucher, der nach oben holt, was schon länger im Verborgenen lag. Gestern präsentierten er und sein Team das erste Ausstellungsjahr ganz unter seiner Ägide.

2017 wird das Kunstmuseum Basel mit sieben ganz unterschiedlichen, grossen Ausstellungen aufwarten. Ihnen gemeinsam ist, dass alle mit – zumindest teilweise – noch nie Gesehenem aufwarten. Welt- und Europapremieren wechseln sich ab.

Der Prado in Basel

«Hola Prado!» – unter diesem Titel begrüsst das Kunstmuseum im Frühling 26 Werke aus dem Museo Nacional del Prado. Es ist der Retourbesuch aus Madrid, nachdem 2015 zehn Basler Picassos dort waren. Wer kommt nun hierher? «Nicht das übliche Best-of», sagt Kurator Bodo Brinkmann – um dann ein Meisterwerk nach dem anderen zu nennen. Das könnte daran liegen, dass es im Prado nur Meisterwerke hat.

Überraschend, ja frech, ist aber die Präsentation der Ausstellung. Die beiden Häuser verkuppeln je 24 Gemälde miteinander zu neuen Paaren. Manche passen auf den ersten Blick zusammen, andere auf den fast noch interessanteren zweiten. So finden der ikonische tote Christus im Grab von Hans Holbein (1521–1522) und Francisco de Zurbaráns über 100 Jahre später entstandenes «Agnus Dei» zusammen. Der geschundene Körper und das flauschige Lamm. Beide ein Bild für Jesus. Verbunden werden unter anderem auch zwei Aussenseiter: Velázquez’ Bildnis des Hofnarren Don Sebastián de Morra aus dem Prado mit Hendrick ter Brugghens exotisch unholländisch gekleideten «Junge Frau mit einem Textblatt» – möglicherweise eine Fahrende.

Chagalls beste Jahre

Wenn Bekanntes gezeigt wird, so von einer eher unbekannten Seite. Bei der Richard-Serra-Ausstellung, die am 20. Mai im Gegenwartsgebäude eröffnet, stehen nicht die berühmten enormen Stahlskulpturen des Bildhauers im Vordergrund. Stattdessen präsentiert Kurator Søren Grammel Serras Filme und Videoaufnahmen. «Sein filmisches Werk werde erstmals umfassend in einer Ausstellung gezeigt», betonte Grammel. Zehn 16-mm-Filme und seine Videoaufnahmen.

Auch dem weltweit oft präsentierten Werk Chagalls wird noch nie Gezeigtes zur Seite gestellt: Die historischen Photographien des russischen Künstlers Solomon Judowin dokumentieren das jüdische Leben im Stedtl, wie es wenig später komplett ausgelöscht wurde. Chagalls produktives Frühwerk dürfte neben der Prado-Paarung 2017 die prominenteste Ausstellung werden. Kuratiert wird sie vom Chef selber. Zum ersten Mal gezeigt werden alle vier der grossen Juden Chagalls zusammen.

Das Kunstmuseum Basel besitzt 170 Zeichnungen von Cézanne. Damit ist sie weltweit führend. Man habe damals zugeschlagen, als die Zeichnungen gerade noch nicht extrem begehrt und knapp noch erschwinglich gewesen seien, sagt Kuratorin Anita Haldemann. Cézanne habe diese Skizzen nicht für ein Publikum gemacht. Sie böten einen interessanten Einblick in seinen Arbeitsprozess: Als ob wir ihm über die Schulter schauten. 200 hat Haldemann für die Ausstellung «Der verborgene Cézanne» ausgewählt, ab Juni sind diese im Neubau zu sehen.

Freundlich und dann die Frauen

Für viele dürften Otto Freundlich und sein Werk eine Neuentdeckung sein. Die Nationalsozialisten stempelten seine Kunst als entartet ab und schafften es, seine Berühmtheit bis heute zu schmälern. Das Kunstmuseum widmet ihm nun, ebenfalls ab Juni, die Ausstellung «Kosmischer Kommunismus» und zeigt dabei auch Freundlichs interessante Bezüge zu Basel auf.

Gegen Ende des Jahres kommen schliesslich auch die Frauen zum Zug: Kuratorin Ariane Mensger hat aus dem Kupferstichkabinett «Weibsbilder» zusammengetragen. Eros und Sexualität, in der Gesellschaft eher unterdrückt, in der Kunst um 1500 treten sie umso deutlicher zum Vorschein. Üppige Frauen, Huren und Heilige. Eine Frau unserer Zeit stellt dagegen Grammel in seinem Haus vor: Die Künstlerin Klara Lidén führt im Stadtraum unter Einsatz ihres Körpers Aktionen durch. Aus der Dokumentation dieser Handlungen schöpft sie danach ihre Kunst.