US-Autorin Carmen Maria Machado

Horror, Fantasy oder Porno: Geschichten über das Auspusten des Glücks

Betörend und verstörend: Carmen Maria Machado (32).

Betörend und verstörend: Carmen Maria Machado (32).

Kühn unterläuft US-Autorin Carmen Maria Machado Konventionen und trifft das Thema der Stunde.

Neu ist die Geschichte nicht. Sie handelt von dem Mädchen, das ein grünes Band um den Hals gebunden trägt. Und von ihrem Mann, der dem Mädchen sein letztes Geheimnis entreissen will und darauf drängt, das Band zu lösen. Als er es schliesslich tut, rollt ihr der Kopf vom Hals.

In den USA ist die Geschichte vom Mädchen mit dem grünen Band tief im kulturellen Gedächtnis verankert. Spätestens seit sie Alvin Schwartz 1984 im Gruselklassiker «In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories» für Kinder niedergeschrieben hat, kennt sie jeder. Mit der #MeToo-Bewegung kann man sie jedoch in neuem Licht lesen. Das tut Carmen Maria Machado. Und so wurde das Debüt der heute 32-jährigen Autorin in den USA neben Kristen Roupenians Social-Media-Hit «Cat Person» das Buch der Stunde.

Machados Short-Story-Band «Ihr Körper und andere Teilhaber» war schon erschienen, als die #MeToo-Bewegung ins Rollen kam. In der Folge spülte es ihn auf die Shortlist für den National Book Award, und die Autorin gewann zahlreiche Preise. Das grüne Band zieht sich dabei durch das Buch: Die Legende ist nicht nur Folie für die erste Erzählung. Ein grünes Lesebändchen ziert auch das Buch, und auf dem Cover umflattert ein grünes Band das Mieder eines Frauenkörpers.

Komprimierter Bildungsroman

Anders als Roupenians Erzählung über Selbsttäuschungen beim Dating wendet Machado subversive literarische Strategien an und unterläuft Konventionen. Die Geschichte vom grünen Band wird bei ihr zur Kurzformel des weiblichen Bildungsromans. Sie erzählt aus der Perspektive der Frau. Und gleich zu Beginn gibt sie mit ironischem Unterton Anweisungen: «Wenn Sie diese Geschichte vorlesen, dann bitte mit folgenden Stimmen: Ich als Kind: hoch, austauschbar, als Frau genauso und alle anderen Frauen ebenso austauschbar wie ich; der Junge, der mein Ehemann sein wird: durch glücklichen Zufall kräftig, mein Sohn: als Erwachsener wie mein Mann.»

Aber ist ihre Protagonistin wirklich austauschbar? Klar, Liebe, Ehe, Mutterdasein stehen im Zentrum des klassischen weiblichen Lebensentwurfs. Doch Machados Protagonistin hält selbstbewusst fest: «Anfangs weiss ich schon vor ihm, dass ich ihn will. Eigentlich läuft das nicht so, aber bei mir schon.» Die Frau ist auch diejenige, die den Mann küsst und die ihn ins Gebüsch zieht, während die Eltern glauben, sie würden Händchen haltend spazieren gehen.

Es ist so eine Sache mit den Geschichten. Raffiniert verhandelt Machado deren Wirkungsmacht. Als Kind will ihre Protagonistin einmal blutige Zehen in der Auslage des Gemüsehändlers gesehen haben. Als ihr Vater das abtut, hält sie dagegen: «Als erwachsene Frau hätte ich meinem Vater entgegnet, dass es Wahres auf der Welt gibt, das nur ein einziges Paar Augen je bezeugt hat.» Als die Frau heiratet, erinnert sie sich an eine ganze Reihe von Geschichten über glücklose Bräute. «Die Geschichten können das Glück riechen und pusten es aus wie eine Katze», stellt sie fest. Und ihrem kleinen Sohn erzählt sie Märchen, aus denen sie Schmerz und Tod und Zwangsheiraten herausknipst «wie tote Blätter».

Das Umschreiben, Offenlegen und Neudeuten von Geschichten und Konventionen, die vorab weibliche Lebensrealitäten vor- und festschreiben, ist gleichermassen das Programm, das Carmen Maria Machado in ihren acht Erzählungen befolgt. Eine ihrer Geschichten handelt von Frauen, die von einer seltsamen Krankheit befallen sind und durchsichtig werden. Einige von ihnen lassen ihre Haut in wunderbare Kleider einnähen und klammern sich an den Stoff, selbst als sie die Möglichkeit erhalten, sich zu befreien. Eine andere Geschichte erzählt von vier Schwestern, die sich den Magen operieren lassen, um ihre Körperfülle in Griff zu bekommen. Später werden sie von den weggeschmolzenen Körpermassen heimgesucht. In einer weiteren Erzählung lässt Machado eine Frau, die ein Sexualverbrechen überlebt hat, Pornos schauen im Versuch, in ihr früheres Leben zurückzufinden. Plötzlich hört sie auf einer zweiten Tonspur die Gedanken der Darsteller. Oder die Autorin erzählt in Kurz- und Kürzestabrissen die US-Fernsehserie «Law & Order: Special Victims Unit» über Sexualdelikte nach und lässt sie ins Surreale kippen.

Man müsse die Geschichten schreiben, die man in der Welt sehen wolle, sagt die 32-jährige Autorin in Interviews mit amerikanischen Zeitungen. Das gilt für die erfrischend ungewohnten Sexszenen von hetero- und bisexuellen sowie lesbischen Paaren, die Erzählkonventionen herausfordern und die sie mit grosser Selbstverständlichkeit in ihre Geschichten einflicht. Aber auch für ihre opulente Bildsprache und für die fantastischen Elemente, die sie in der Tradition des magischen Realismus in ihren Erzählungen greifbar werden lässt. «Horror ist etwas sehr Intimes», sagt Machado, «es sagt sehr viel darüber, wovor wir als einzelne Individuen und als kulturelle Gemeinschaft Angst haben.»

Geschichten wie Regentropfen

Alle Geschichten liefen am Ende zusammen wie Regentropfen in einem Teich, schreibt Machado. Genau das versucht sie aufzubrechen. Es gebe ein grosses Missverständnis über die Funktion von Fiktion, hält die Autorin dagegen. Die Leute wollten eine eindeutige moralische Bedeutung herauslesen. «Aber Fiktion funktioniert nicht so.» Ihre Geschichten sind ebenso betörend wie verstörend.

Die Frau mit dem grünen Band hört bei der Geburt ihres Sohnes ihren Mann den Arzt fragen, wie viel der Extrastich koste – sie hatte einen Dammriss, der vernäht wird. Der Extrastich mache seine Frau praktisch wieder zur Jungfrau, war ihrem Mann erzählt worden. Diese Geschichte ist die stärkste Geschichte im Buch darüber, wie Selbstbestimmung mit der Fremdbestimmung durch kulturelle Glaubenssätze ringt – nicht nur, aber vor allem für Frauen. Der Extrastich, er ist auch ein Band.

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