Ich gehe wenigstens mit mir selber einig. «Ein Ibsen als seichte Sitcom mit Stars.» So habe ich letzten Sommer meine erste Rezension der neusten «John Gabriel Borkman»-Inszenierung betitelt, nachdem ich an den Wiener Festwochen die Uraufführung gesehen hatte. Das Publikum jubelte – ich verstand nicht weshalb. Was ich gesehen hatte, war lustiges Gefasel über Internet-Shopping, Britney Spears und Facebook. Der junge Regisseur Simon Stone hat den Ibsen-Klassiker von 1896 etwas arg penetrant aktualisiert. Der Text hat dank seiner Überschreibung an unterhaltsamer Oberfläche gewonnen, aber an existenzieller Tiefe verloren.

Nun, sieben Monate später, am Samstagabend bei der Basler Premiere auf der grossen Bühne, gehe ich noch mal hin, in der Hoffnung, die Begeisterung der anderen möge sich mir beim zweiten Sehen besser erschliessen. Ich habe einen besseren Platz als damals in Wien. Und mir wurde gesagt, es sei noch mal tüchtig geprobt und gefeilt worden.

Stand-up Comedians

Die Inszenierung hat tatsächlich noch mehr Zug. Ich unterhalte mich zwei Stunden lang blendend. Mir scheint auch, dass etwas weniger oft vom Playstationspielen die Rede ist. Aber am Ende bleibt dasselbe Grundgefühl: Hier sind die tragikomischen Hauptfiguren Ibsens zu lustigen Stand-up Comedians mutiert; deren existenzielle Probleme gehen unter im Erörtern banaler Probleme unserer schönen neuen Digitalwelt.

Birgit Minichmayr, die Schauspielerin, die ich aus Filmen wie «Alle anderen» für ihre Subtilität so schätze, ist hier als Gunhild Borkman von Anfang an die hysterische, dauerbeschwipste Hausfrau, die, so stell ich mir vor, ihre Tage mit der Ginflasche vor amerikanischen Soaps verbringt. Mit überkippender, heiserer Stimme krächzt sie fast zwei Stunden lang den unglaublichsten Unsinn von sich. Martin Wuttke als John Gabriel Borkman ist und bleibt der in seiner irren Abgefucktheit coole Alte. Sein Interesse gilt wissenschaftlichem Infotainment wie der Wiederbelebung von Mammuts – dass er selbst ein prähistorisches Wesen ist, zeigt sich am Röhrenfernseher, den er mit sich trägt. Caroline Peters bringt als Gunhilds krebskranke Zwillingsschwester Ella Ernst in den Abend – doch auch sie kommt stirnrunzelnd rein und bleibt einen Abend lang dabei. Roland Koch berührt am meisten: als ungelenker Verlierertyp, der doch als Einziger nicht nur auf sich selbst bedacht ist.

Schwindelerregender Schneefall

Charismatische Stars hat Stone für diese Produktion versammelt. Und man kann nur über sie jammern, weil ihr Niveau und ihre Nuanciertheit normalerweise noch höher sind. Gerne zuschauen tut man ihnen allemal.

Auch wegen der wunderbaren Szenerie: Es schneit und schneit und schneit. Wie in einer dieser Kugeln, die Kinder gerne schütteln (Bühne: Katrin Brack). Wenn man weit vorne sitzt, hat man, vielleicht als Kontrast zur Abwärtsbewegung der Flocken, immer wieder das Gefühl, die Figuren schwebten in die Höhe. Alles wankt, Schwindel stellt sich ein. Ein guter Kontrast zum realistischen Text, ein emotionales Pendant zu dem, was diese gescheiterten Existenzen wohl fühlen müssen.

Echte Verzweiflung?

Lebenslügen sind Ibsens Spezialgebiet. Die rächen sich. Seine Figuren leben jahrelang mit verdrängter Vergangenheit vor sich hin, bis diese anklopft – meist in Form eines Menschen, der wie ein Untoter auftaucht. Nach Jahren des Schweigens bricht nun das Innerste dieser Menschen innert weniger Stunden auf. Und wir Zuschauer lernen: Die sind am eigenen Leben vorbeigeschrammt, haben Prioritäten falsch gesetzt, Menschen verraten – und am Ende sich selbst. Darob sind sie alt und böse geworden. Grauen, zumindest Unbehagen, stellt sich ein, auch mit Blick auf selbst Verpasstes und Verpatztes. Doch das Gruseln will sich bei dieser Inszenierung, die mehr Parodie als ernsthafte Auseinandersetzung ist, nicht einstellen. Die echte Verzweiflung der Figuren: Ich spüre sie nicht.

Andere schon. Wieder applaudiert das Publikum begeistert. Die Kritiker sind sich auffallend uneins – ein Blick auf die Plattform Nachtkritik.de lohnt sich. So unterschiedlich kann die Wahrnehmung eines Theaterabends sein! Auch in privaten Kreisen wird das Stück kontrovers diskutiert. Und das ist es doch, was Theater ausmacht, was sich das Theater nur wünschen kann: Es wird darüber geredet!

Als Theaterkritikerin kann man nun mal nicht anders empfinden, als man eben empfindet. Und muss am Ende auf das eigene Gefühl vertrauen. Auch wenn vielleicht klügere Menschen als ich einen anderen Eindruck haben.