Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll steht wie kaum ein anderes für neue Formen des Theaters. Nicht Schauspieler bevölkern ihre Bühnen, sondern Menschen des Alltags. So wurden 2014 im Hamburger Schauspielhaus beispielsweise 650 Zuschauer zu Protagonisten einer «Weltklimakonferenz». Oder in «100 % Stadt» einhundert Bürger zum statistischen Abbild derselben. Die Kaserne Basel zeigt ab heute die Installation «Nachlass». Entworfen wurde sie von Stefan Kaegi und Dominic Huber (siehe Kasten).
«Nachlass» ist, was der Titel sagt: Kaegi hat acht Menschen begleitet, die angesichts des Todes darüber nachdenken, was sie der Welt hinterlassen wollen.

Herr Kaegi, im Projekt «Nachlass» zeigen acht Menschen ihr Testament. Nach welchen Kriterien haben Sie die Teilnehmenden ausgewählt?

Stefan Kaegi: Ich hab über mehr als ein Jahr hinweg zirka 60 Leute getroffen. Wir suchten zu Beginn Menschen, bei welchen der Tod, aus was für Gründen auch immer, bereits in Sichtweite war.

Zum Beispiel?

Das radikalste Beispiel war Nadine Gros. Sie sagte mir am Telefon, dass sie gerne etwas beisteuern würde, ich müsse mich jedoch beeilen, denn sie habe bereits einen Termin mit einer Sterbehilfeorganisation in Basel, in zwei Wochen. Ich konnte es gerade noch einrichten, dass wir vier Tage vor ihrem Tod, an einem Sonntag, zwölf Stunden Zeit hatten, um über ihren Nachlass zu sprechen.

Wie haben Sie diese Menschen gefunden?

Wir starteten die Suche in Altersheimen und Sterbehospizen. Das gestaltete sich jedoch relativ schwierig, weil die Menschen dort abgeschirmt werden.

Inwiefern?

Interessanterweise finden alle, es sei wichtig, über den Tod zu reden, da er tabuisiert werde. Wenn es aber darum ging, die Kontakte herzustellen, zogen sich die zuständigen Betreuer und Ärzte zurück, weil sie dachten, sie seien dafür verantwortlich, was da innerhalb eines solchen Projekts mit den Menschen passiert.

Es gibt also eine gewisse Art der Entmündigung der Betroffenen. Man traut ihnen nicht zu, über das eigene Sterben zu reden. Ähnliches passiert auch privat. Je näher der Tod eines Familienmitglieds rückt, umso weniger wird mit ihm darüber gesprochen.

Hat eine persönliche Erfahrung zu diesem Projekt geführt?

Nicht unbedingt. Mich haben mehr gesellschaftspolitische Fragen umgetrieben. Ich frage mich schon lange, wieso die Erbschaftssteuern nicht erhöht, oder in gewissen Kantonen überhaupt erst eingeführt werden. Thomas Macho, der deutsche Sozialforscher, hat es so formuliert: Die Auseinandersetzung ums Erbe sei ein Kampf, der sich durch alle historischen Epochen ziehe, zwischen sozialen Organisationen wie der Kirche und dem Sozialismus auf der einen und den Familien auf der anderen Seite. Bisher hätten diesen Kampf immer die Familien gewonnen.

Also ging es Ihnen mehr um eine ökonomische Frage, als darum, wie die Menschen mit dem Tod umgehen?

Der Tod, das Sterben, war gar nicht unbedingt das Thema. Das ist der Kanal, durch den wir letztendlich alle durchmüssen, das verbindet uns auch alle. Aber uns hat mehr beschäftigt, was die Menschen zurücklassen. Da geht es eben einerseits um Erbschaft. Andererseits darum, wann man gehen soll, respektive, ob wir mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation den Zeitpunkt selbst definieren. Denn da stellen sich plötzlich neue Fragen: Wie inszeniere ich meinen Abgang? Was lasse ich wie verpackt zurück? Verfasse ich meine eigene Trauerrede? Wie soll meine Beerdigung aussehen? So entsteht eine Art To-do-Liste, die vor dem Tod noch abgearbeitet wird.

Sie schreiben zum Projekt, die acht Kammern seien eine Art Pyramiden oder Mausoleen des 21. Jahrhunderts. Nun ist es in Pyramiden so, dass dort vor allem auch Jenseitsvorstellungen illustriert werden. Geht es auch darum?

Das Thema taucht auch auf. Es lassen sich ja aus Jenseitsvorstellungen auch Wertvorstellungen ableiten. Wer ans Jüngste Gericht glaubt, der wird wahrscheinlich ein Problem mit Sterbehilfe haben. So ging es beispielsweise Jeanne Bellengi. Sie ist mit 92 Jahren gestorben. Während unserer Zusammenarbeit betonte sie, dass sie eigentlich gerne sterben würde, aber zu katholisch sei, um den Schritt hin zur Sterbehilfe zu machen. Das hat natürlich mit ihrer Jenseitsvorstellung zu tun.

In Ihren Projekten sind ja meist die Spezialisten des Alltags die Hauptdarsteller, also nicht Schauspieler. Wie bringen Sie Leute überhaupt dazu, Ihnen solch intime Dinge zu erzählen?

Die Motive sind sehr verschieden, und gerade bei diesem Projekt hab ich auch viele Absagen erhalten. Das ist sicher legitim. Mein Interesse ist ja jeweils, möglichst unterschiedliche Stimmen zu einem Thema zu versammeln. Es gab beispielsweise viele Bewerberinnen, die gerade aus einer Krebsbehandlung kamen und sich deshalb dem Tod nahe fühlten. Um Doppelungen zu vermeiden, ist es interessanter, nur eine dieser so gelagerten Geschichten aufzunehmen. Andersherum haben wir Personen aufgenommen, die wir eigentlich nur wegen der Recherche besucht haben, beispielsweise einen Neurologen, der sich intensiv mit Demenz beschäftigt. Seine Erzählungen über seine Patienten, über wissenschaftliche Nachlässe, seine Mutter und den Tod waren so interessant, dass er zum Bestandteil des Projekts wurde.

In welcher Form präsentieren Sie nun diese Nachlässe?

Die Protagonisten zeigen weniger ihren physischen Nachlass, sondern es wurde für jede Geschichte ein Raum geschaffen, in dem sich jeweils vier bis sechs Zuschauer versammeln können. Dort erfahren Sie, was der jeweiligen Person wichtig war. Inszeniert ist das als Rauminstallation, als eine Art dreidimensionaler Brief, den diese Menschen der Nachwelt hinterlassen haben. Wir hören ihre Stimme, sehen Fotos, Videos. Das ist manchmal lustig, traurig, manchmal nachdenklich.

Gib es etwas, das allen Beteiligten gleich wichtig war?

Nein. Die Geschichten sind wirklich sehr unterschiedlich. Das Banker-Paar aus Stuttgart denkt sehr rational an seine Familie und will den Enkeln postum noch Erziehung zukommen lassen. Oder da ist die EU-Botschafterin, die keine Kinder hat, die eine Stiftung für afrikanische Künstler gegründet hat.

Diese acht Entwürfe gehören jetzt eigentlich Rimini Protokoll. Verpflichtet das?

Ja, in gewissem Sinn bin ich Erbverwalter. Im Sinne von Stiftungen gesprochen ist die Produktion keine Verbrauchsstiftung, die alles ausschüttet, sondern sie schüttet die Erkenntnis in Zinsen aus, in Form von immateriellen Ideen. Die Zuschauer können sich mit den Personen identifizieren oder werden dazu angeregt, darüber nachzudenken, wie sie selbst ihren Nachlass regeln wollen.

Ausgangspunkt waren Gedanken zum Thema Erbschaftssteuer. Hat das Projekt Ihre Haltung dazu verändert?

Ich wurde in meiner Meinung eher bestärkt. Ich finde die komplette Privatisierung von Erbschaft im Grunde schon einen Wahnsinn, der in eine immer ungerechtere Gesellschaft führt. Wir sollten doch versuchen, für die Neuankömmlinge auf dieser Welt so etwas wie Chancengleichheit zu schaffen, damit sich jedes Leben auch wieder so verschieden entfalten kann, wie die acht Protagonisten unserer Installation.

«Nachlass»: Dienstag 3. bis Montag,
9. April. Kaserne Basel.