Im Theater mit
«Ich war wild entschlossen ein Publikum zu sein, wie ich es mir selber wünsche»

Die Sängerin und Performerin Erika Stucky besuchte mit der bz «Vaudeville! Open Air» auf dem Theaterplatz.

Susanna Petrin
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Sängerin Erika Stucky (mit Maske und Schlafsack-Mantel) posiert mit den Vaudeville-Schauspielern auf dem Theaterplatz.

Sängerin Erika Stucky (mit Maske und Schlafsack-Mantel) posiert mit den Vaudeville-Schauspielern auf dem Theaterplatz.

Juri Junkov

Erika Stucky, was haben Sie für einen Bezug zur Zirkuswelt?

Erika Stucky: Ich habe vor allem einen Bezug zur Strassenmusik-Welt. Mit 18 bin ich mit Steppschuhen und einem Alto-Saxofon nach Paris gefahren. Damit hab ich mir ein paar Batzen verdient in der Metro und auch auf der Strasse, mit einer Brasilianerin, die dazu klatschte. Ich kenne diese Situation: Leute kommen vorbei, du beziehst sie ein; eine Frau mit Stöckelschuhen, du nimmst den Rhythmus auf. Ich hatte sofort einen Draht zu dieser Show. Ich kenne die Situation: Sich draussen schminken, glänzige Gwändli anziehen; die Leute schauen dich an und schütteln den Kopf – oder nicht. Zirkus kenne ich vom Zirkus Federlos: Ich habe Mitte der 80er-Jahre mit den Sophisticrats eine Township-Tour durch Afrika gemacht. Ein ambitioniertes Projekt. Die in den Townships haben nicht gerade auf uns gewartet.

Zur Person

Erika Stucky, 1962 in San Francisco geboren, wuchs dort in einer Hippie-Kommune auf. Als sie neun war, zog die Familie ins Oberwallis. San Francisco – Mörel: Der Kontrast zwischen diesen Mentalitäten prägt bis heute Stuckys reichhaltige, weltumspannende Musik. Ihre neuste CD erscheint im September, ab Herbst ist sie auf Europatournee mit und als «Black Widow». (spe)

www.erikastucky.ch

Und heute, als Sängerin auf der Bühne, ist das so anders als damals auf der Strasse oder im Zirkus?

Die Anfänge als Strassenmusikerin haben mir extrem geholfen, wild zu bleiben und offen zu bleiben – für Huster, und was auch immer im Publikum passiert. Auf der Strasse ist es oft kalt um den Hals, und es ist viel anstrengender, die Leute akustisch zu erreichen. Auf der Zugfahrt nach Basel dachte ich: Die armen Schauspieler werden so herumschreien müssen. Ich war zuerst neidisch, als ich sah: Aha, die haben ja Mikrofone, die Zuschauer Kopfhörer. So kanns ja jeder! Aber nur ganz kurz. Dann dachte ich: Super für euch! Und für uns. Man hat sie ganz nah, die können ganz fein reden und singen. Das war eine tolle Überraschung. Diese Ausrüstung hätte ich in den 80er-Jahren auch gern gehabt!

Serie: «Im Theater mit» Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber. (spe)

Serie: «Im Theater mit» Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber. (spe)

bz

Sie waren von Anfang an fest entschlossen, das Stück gut zu finden, sich zu amüsieren. Hat das geklappt?

Ja, das fiel mir sehr leicht, weil es mir so gefallen hat. Ich musste mich nicht verbiegen. Die Leute zahlen und kommen, um sich bezaubern zu lassen, um vom Alltag abzuheben. Ich wünsche mir bei meinen eigenen Konzerten, dass die mit einer Pulle Cognac in der Tasche kommen und sich sagen: So, jetzt fliege ich mit. Ich war wild entschlossen ein Publikum zu sein, wie ich es mir selber wünsche. (Erika Stucky kam in einen Schlafsack-Mantel gehüllt und hatte tatsächlich auch zwei kleine Cognac-Fläschchen zum Aufwärmen von innen dabei.)

Was hat Ihnen so gut gefallen?

Ich hatte ein bisschen befürchtet, dass da Schauspieler mit schönem Bühnendeutsch ein wenig auf Zirkus machen werden. Danach spielen sie wieder Medea oder Gretchen. Als ich hinkam, habe ich schon beim Warm-up gemerkt: Nein, die sind so: Ein Grüppchen, das sich schon kennt, eine Bande – nicht aus diversen Schauspielhäusern zusammengekaufte Leute. Es hat mich nie einer genervt, ich dachte nie: Oh, Achtung Männlein, mach du gescheiter Brecht! Darüber hab ich mich gefreut. Beim Strassentheater ist es wie beim Jazz: Man kann sich nicht schnell mal dieses Gwändli überziehen, das ist auch eine Lebenseinstellung.

Haben Sie auch etwas vermisst?

Es gibt immer etwas, das mehr nach eigenem Gutdünken gestaltet sein könnte. Doch wenn es Längen gab, haben die beiden Sprecher kommentiert: «Ja, es hat Längen.» Dann bist Du platt, dann kannst Du innerlich den Schreiber gleich wieder fallen lassen. Ich habe mir aber zu Hause notiert, was mir besonders gefallen hat (nimmt ein Blatt hervor): Ganz am Anfang wurden The Beau Hunks eingespielt: ein niederländisches Ensemble, das alte Stummfilm-Musik neu aufnimmt, ein warmer schöner Orchestersound. Dann dachte ich: Yeah, der George! (Erika Stucky war Mitte der 90er-Jahre mit George Gruntz auf Tournee und hat auch später mit ihm zusammengearbeitet.) Dann akustischer Bass, Pauke, Glockenspiel – da wusste ich sofort, das ist Martin Gantenbein (Bühnenmusik-Autor und musikalischer Leiter). Zur Einstimmung aufs Stück hatte ich den Film «Who’s Afraid of Virginia Woolf» geschaut. Danach ging ich pfeifend heim: «Who’s Afraid of Vaudeville.»

Die NZZ war weniger gnädig, der Kritiker schreibt Vaudeville sei «mehr schwaches Imitat als gekonnte Parodie oder Überhöhung von dem, was Strassentheater schon vor Jahrzehnten wesentlich virtuoser präsentierten.»

Das sagt mir nichts. Ausser: Jö, da fühlt sich einer wieder verdammt gut beim Schreiben. Sicher gibts noch die viel Wilderen. Man kann immer alle gruseln, huch und schlechte Träume. Man kann immer noch verreckter tun. Max Frisch sagte mal: Er schäme sich heute über seine eigenen Kritiken von gestern, über den Ton, «eine Mischung von Dreistheit und Herablassung». Ich habe gerade eine Sendung über Jazz gehört. Bei denen, die über sich selbst erzählen, seis auch über ihren Hund, bleibe ich hängen. Wenn jemand findet: Ja, die Konstruktion und tätätä – da geht mein Geist weiter.

Sie bekommen fast nur gute Kritiken. Trotzdem haben Sie erwähnt, dass Sie sich von den wenigsten verstanden fühlen. Was begreifen die Kritiker nicht?

Nicht nur die Kritiker, die Menschen allgemein. Wenn ein Zuschauer sagt, du hast mir ganz aus der Seele gesprochen, denke ich: Das bist ja du, nur du, ich halte ja nur einen Spiegel vor, bin eine Projektionsfläche. Wenn du so viel Liebe empfindest bei einem Gig, dann bist das du. Wenn du so viel Hass empfindest, dann bist das leider auch du. Man kann nur sehen, was man in dem Moment erkennen kann. Die Verantwortung für Reaktionen muss ich zu einem grossen Teil abgeben, auch als Selbstschutz.

Die Kritiker versuchen, ein Konzert oder Stück zu interpretieren.

Darum war ich in den letzten 27 Jahren auch schon froh. Manche Kritiker haben mir meine Arbeit erleichtert, indem sie mir sagten, was ich da mache, was ich wollte. Manchmal denke ich: Ah, daran hatte ich zwar gar nicht gedacht, aber die Idee gefällt mir. Aber ich bin verwöhnt. Wahrscheinlich würde ich nicht so darüberstehen, wenn ich jenste Verrisse kassiert hätte die letzten Jahre. Doch ich bin ein Flower-Power-Kind, in San Francisco bin ich mit ständigen Ermunterungen aufgewachsen: «That’s great, that’s wonderful!» Wenn du das immer hörst, gibt dir das so eine Furchtlosigkeit, das imprägniert dich gegen all das Tätätä.

Später als Primarschülerin im Oberwallis hiess es nicht mehr: «Du kannst alles schaffen, was du willst.» Ihr innigster Wunsch, Hoola-Hoop-Tänzerin zu werden, wurde in Mörel nicht mehr goutiert.

Nein, es hiess: Mach etwas Rechtes, zum Beispiel Krankenschwester. Aber die Kombination Hippie-Kommune in San Francisco und danach Oberwallis war ideal. Wenn du immer nur das Gefühl bekommst, dass du alles kannst, wirst du wahrscheinlich extrem anstrengend für alle. Ich denke USA mit etwas wie Schweiz oder Japan Gestricktem ist wie zwei Zutaten, die gut zusammengehen, wie Zimt und Koriander.

Zurück zu Vaudeville: Der künstlerische Leiter des Abends hat vier Regisseure damit beauftragt, je einen Teil zu inszenieren. Er gab allen die Frage mit: Was ist für euch Stadttheater?

Das hab ich zum Glück nicht gewusst, das hätte mich abgeschreckt. Wer das will, hat es wahrscheinlich herausgefunden.

Jedes Teilstück endet in einer Katastrophe: Der Direktor geht, Behörden schliessen das Theater, und gegen Ende lesen die Schauspieler aus dem Buch «Kulturinfarkt» und sagen verzweifelt: «Die Hälfte, von allem die Hälfte». Beschäftigen Sie die Probleme des Theaters?

Den Kulturinfarkt hab ich als Zwischengang mitgegessen, aber die Hälfte wieder zurückgeschickt. Ich bin momentan nicht auf diese Sachen fixiert, es würde mich nur bremsen. Ich bin gerade in meinem Cocon und arbeite an «Black Widow», meinem nächsten Programm. Das sind eigentlich auch Zirkuslieder, so Rumpelkisten-Songs. Ich arbeite mit drei Musikern von Tom Waits. Vaudeville-Figuren wie die Lowlife-Prinzessinnen und Grossstadt-Cowboys findet man auch bei Tom Waits.

Was hat Sie emotional am meisten angesprochen?

Die Taucherglocke! Schauspieler Jesse Inman, der in einer mit Wasser gefüllten Taucherglocke «You Always Hurt the One You Love» singt. Leider wurde es unterbrochen vom Mann, der vom Dach springt. Besonders war auch der Moment, in dem Schauspielerin Vera von Gunten sich diese grosse, schöne Dornröschen-Larve anzieht und dazu die Hände ganz fein bewegt. So etwas inspiriert mich für eigene Videos. Als sie schlief, hielt sie ihren schweren Kopf in den Händen. Da hätte ich weinen können. Auch diese Flashmob-Geschichten gefallen mir. Wenn Passanten auf der Strasse überraschend etwas inszenieren, das ist so wunderbar wirklichkeitsverschiebend. Gefallen haben mir auch die echten Zufälle. Ein älterer Herr lief mit diesem Wägeli vorbei. Du schaust dieses Glitzertheater und nebendran geht einer Heim, und du findest: danke, dass du das Bild auch noch gefüllt hast.

Kurz vor Ihrer Lieblingsszene mit der Taucherglocke fällt das Goethe-Zitat: «Und setzt du nicht dein Leben ein, so wird auch nichts gewonnen sein.» Würden Sie für die Kunst ihr Leben einsetzen?

Ich spare nicht. Man gibt schon das Letzte. Aber was heisst das schon? Es war noch nie jemand mit der Knarre da. Ich denke jetzt an einige Bücher und Filme, zum Beispiel über Menschen im Konzentrationslager. Was Menschen in Extremsituationen bleibt, ist schon der Humor und die Musik.