Für Lesemuffel

Buch und Wort gehören zusammen – wie der Apfel und der Kern, die Muschel und die Perle, wie Weihnachten und der Tannenbaum. Unumstösslich, sozusagen schwarz auf weiss. Oder etwa doch nicht? Dass Bilderbücher auch mal ganz (oder fast) ohne Worte auskommen können, wird Lesemuffel freuen – aber auch die Allerkleinsten unter den Bücherfans.
Vor allem, wenn dafür die Optik mit so viel Humor aufwartet wie im tollen Pappbuch «Schläfst du?».

Schon das aussergewöhnliche Hochformat macht neugierig – und erweist sich als nur logisch, schliesslich muss das sage und schreibe vierstöckige Hochbett der befreundeten Hunde Nono, Popow, Pedro und Omar in voller Imposanz mit ins Buch. Aber das ist das kleinste der Probleme, denn soeben wollen drei der Hundefreunde schlafen. Aber da ist nichts zu wollen, denn der eine, der tatsächlich schläft, schnarcht. Laut, ohrenbetäubend. Also beginnt eine nächtliche Völkerwanderung auf vier Pfoten – mit ebenso viel Spass.

Statt vier Stockwerke in die Höhe geht es mit «Jim Curious – Reise in die Tiefen des Ozeans» in die tiefsten Tiefen der Tiefsee. Und das alles erst noch ohne ein einziges gedrucktes Wort. Bei näherer Betrachtung ist das kaum verwunderlich, schliesslich kann man unter Wasser ja auch schlecht reden. Dafür gibt es optisch in der schwarz-weissen Fantasielandschaft mit Schiffswrack, Wasserwirbeln und Tiefseekristallen umso mehr zu entdecken, sobald man die mitgelieferten 3-D-Brille aufsetzt. Da sich im Buch gleich zwei Brillen finden, kann man auch gemeinsam in das Buch abtauchen. Denn gute Freunde brauchen nicht viele Worte – und gute Bücher manchmal auch nicht.

Dorothée de Monfreid: «Schläfst du?». Ab 2 Jahren. Reprodukt.
Matthias Picard: «Jim Curious. Reise in die Tiefen des Ozeans». Ab 6 Jahren. Reprodukt.

Für Powergirls und beasty Boys

Dass gute Mädchen in den Himmel kommen und böse überall hin, entlockt heutigen Mädchen nur noch müdes Gähnen. Frauenstreiktag? LOL (lough out loud). Öffentlich BHs verbrennen? OMG (oh my god)! Schliesslich gelten die gleichen Rechte für Frauen wie Männer. Nur im Detail hapert es noch. Etwa, wenn Männerlöhne dazu neigen, höher auszufallen, oder Männerschlaf dazu, gegen nächtliches Schoppenkochen resistent zu sein. Darum kann etwas Fitness in Sachen Feminismus selbst heute nicht schaden.

Vor allem nicht, wenn sie sich so amüsant absolvieren lässt wie mit dem Comic «Unerschrocken». Er erzählt von 15 mutigen Frauen quer durch die Geschichte, angefangen bei der Gynäkologin Agnodike, die sich im antiken Athen als Mann verkleidete, um Gebärende behandeln zu können (den Frauen war der Arztberuf verboten). Bei C wie Clémentine Delait, die sich entschied, zu ihrem Bartwuchs zu stehen und die Bar «zur bärtigen Dame» eröffnete, ist das Buch noch lange nicht zu Ende – und das ist gut so. Denn Feminismus war noch nie so unverbissen und lustvoll wie in diesem grossartigen Buch.

Da könnten Jungs glatt neidisch werden, selbst die berühmt-berüchtigten unter ihnen wie Rotkäppchens Wolf oder der weisse Hai. Also gründen sie zwecks Imagekorrektur den Club der guten Jungs. Zugegeben, das Projekt harzt anfänglich ein wenig. Zu oft funkt der Instinkt dazwischen, wenn es gilt, ein kleines Kätzchen zu retten statt zu fressen. Aber spätestens beim Hochsicherheits-Hundezwinger laufen die «guten Jungs» zu Hochform auf – und ebenso die mit Comic-Elementen gespickte Geschichte.

Pénélope Bagieu: «Unerschrocken» Ab 10 Jahren. Reprodukt.
Aaron Blabey: «Böse Jungs». Ab 9 Jahren. Baumhaus.

Für kleine Kosmopoliten

Warten am Check-in. Warten aufs Boarding. Warten, bis der Zug kommt, der nächste Bahnhof, die Autobahnraststätte. Kinder lieben Ferien, wenn nur die öde Reiserei nicht wäre und man sich stattdessen in Sekundenschnelle am fernen Zielort wiederfände. Zu schön, um wahr zu sein? Nicht mit diesen Büchern, die Jungs und Mädchen im Handumdrehen nach Japan oder ins grandiose Grandhotel bringen.

Dass dort soeben auch der Bär einzieht, davon erzählt das liebevoll gestaltete Bilderbuch «Hotel Schlafgut». Bären ziehen gemeinhin nur aus triftigem Grund ins Hotel. Diesmal hat Meister Petz die Schnauze voll davon, dass die anderen Tiere ihn als lebendes Bett benutzen und es sich auf seinem dicken Fell gemütlich machen. «Nicht mit mir», denkt er. Im Grandhotel hat er eine Suite für sich, Platz wie 20 Bärenhöhlen, die Minibar ist rappelvoll und last but not least: Das Deluxe-Bett ist riesengross. Was braucht es mehr für den besten Winterschlaf aller Zeiten? Doch der Bär wälzt und wälzt sich – was ihm wohl zu seinem Winterschlaf fehlt?

Mit den grossen Fragen des Lebens beschäftigt sich auch der japanische Roman «Am Ende des Sommers»: Bei der Beerdigung seiner Grossmutter wird der zwölfjährige Yamashita unvermittelt mit dem Tod konfrontiert. Die Frage, was passiert, wenn man stirbt, lässt den Zwölfjährigen nicht los – und seinen Freunden geht es ähnlich. Gemeinsam beginnen sie, einen alten Mann täglich zu observieren, von dem sie annehmen, dass er bald sterbe. Aus der Sicht eines Halbwüchsigen erzählt dieses Buch von einem grossen Thema, und man erfährt neben dem Tod auch viel über das Leben in Japan.

John Kelly: «Hotel Schlafgut». Ab 4 Jahren. Tigerstern
Kazumi Yumoto: «Am Ende des Sommers». Ab 10 Jahren. Baobab Books.

Für Neunmalkluge und Zehnmalkluge

Scrollen, wischen, beidhändig powertippen – wo es um digitale Formen geht, sind die Kleinen heute ganz gross und stets nur einen Klick davon entfernt, sich schnelle Information zu holen. Hat das gute alte Sachbuch also ausgedient? Im Gegenteil. Denn Papier ist geduldig, so geduldig, dass es hundert Jahre russischer Geschichte anhand einer einzigen Wohnung erzählt. Zunächst von einer bürgerlichen Familie samt Bediensteten bewohnt, durchsteht die Wohnung beide Kriege (auch wenn in der Eiseskälte auch mal die Wasserrohre platzen), sie wird zur Kommune umfunktioniert, quasi als staatlich verordnete WG mit 16 Bewohnern. Und sie steht noch, als der Eiserne Vorhang fällt.

Von ihr und ihren Bewohnern handelt das grossartig grossformatige Buch «In einem alten Haus in Moskau». Das ebenso sehr zum Abtauchen in die oft harte Geschichte Russland einlädt wie zum sinnlichen Schmökern. Das gute alte Papier ist auch geduldig genug, um sich den Geheimnissen des Weltalls zu nähern. «Gibt es auf der dunklen Seite vom Mond Aliens?» (so der Titel des Buches) ist nur eine von vielen Fragen, welche Schüler gestellt haben und welche Professor Ben Moore und die Journalistin Katharina Blansjaar anschaulich beantworten inklusive Sonnensystem zum eigenhändigen Nachbauen (man nehme einen Sitzball, ein Pfefferkorn sowie eine Murmel, schon hat man die Proportionen von Sonne, Mond und Erde beisammen.

Fehlt einzig noch der Raum: Gigantische drei Kilometer Wegstrecke braucht man für eine waschechte Miniatur des Sonnensystems. Na, wenn einem das die Dimensionen des Weltalls nicht auf Anhieb erschliesst!

Alexandra Litwin & Anna Desnitskaya: «In einem alten Haus in Moskau». Ab 12 Jahren. Gerstenberg.

Ben Moore, Katharina Blansjaar: «Gibt es auf der dunklen Seite vom Mond Aliens?» Ab 8 Jahren. Kein & Aber.

Für kreative Kids

Kinder sind kreativ. Einige sogar kreativ hoch zwei: Sie basteln Regenschirme aus Sichtmäppchen, verwandeln die Sofalehne in ein Zirkus-Hochseil und wenig später sich selbst in Graffitikünstler (leider mithilfe derselben Sofalehne). Dass sie damit nicht allein sind, davon erzählt das hinreissend schöne Bilderbuch «Der Schwan», in dem die kleine Tochter einer armen Waschfrau zwischen den Wäscheleinen ihre ersten Pirouetten dreht. Es ist die kleine Anna Pawlowa, die in der Kulisse flatternder Kleidungsstücke ihre Ballettvorführungen gibt. Zu schmächtig sei sie fürs klassische Ballett, bescheinigt man ihr bei der Aufnahmeprüfung an die berühmte Waganowa-Schule – und nimmt sie beim zweiten Anlauf dennoch als Elevin auf.

Ein Glück, denn damit beginnt die Karriere einer der grössten Primaballerinas in der Geschichte des Tanzes. Tanzen und Springen bereiten dem mexikanischen Mädchen Frida ungleich mehr Mühe. Seit einer Kinderlähmung hat sie zwei ungleiche Beine und muss wochenlang das Bett hüten. Doch Frida findet von ihrem Bett aus ihren eigenen Weg, die Welt zu erkunden: Mit Pinsel und Spiegel erforscht sie die sichtbare Oberfläche der Umwelt und immer wieder auch ihr eigenes Aussehen.

Später wird sie als Malerin Frida Kahlo für ihre farbenfrohen, ausdrucksstarken Selbstporträts bekannt werden, die in dem wunderbar bunten Bilderbuch («Frida Kahlo und ihre Tiere») ein kindergerechtes Spiegelbild finden. Und weil Frida Mühe hat, in die Ferne zu schweifen, kommt stattdessen die Welt zu ihr: Elf Haustiere bevölkern das Wohnhaus der Familie Kahlo.

Laurel Snyder & Julie Morstad: «Der Schwan». Ab 4 Jahren. Nord-Süd.
Monica Brown & John Parra: «Frida Kahlo und ihre Tiere». Ab 4 Jahren. NordSüd