«Fuck the norm!» Sollte man vielleicht in einer Zeitung nicht schreiben, ist aber eine anständige Haltung. Mit der Kraft des Frechen und des Subversiven hinterfragt beim Festival «Wildwuchs» Produktion um Produktion die Norm; verschiebt sie, fordert sie heraus, widerlegt sie. Meist, indem eine andere Perspektive eingenommen wird: die Perspektive der anderen. Der Alten, der Dementen, der Kranken, der Behinderten, der Armen, der Papierlosen, der Heimatlosen, der Geflüchteten.

Ihre Geschichten werden aber nie mitleidig oder gar larmoyant erzählt, sondern mit Stolz und Witz. Zwei der heutigen Eröffnungsproduktionen am Theater Roxy sind dafür gute Beispiele: «Star Boy Productions» sowie «Ausländer ausziehen». Im ersten geben uns drei Afrikaner Tipps, wie man sich illegal in Europa aufhalten kann. Im zweiten ziehen sich professionelle Stripperinnen aus. Aber das ist nicht alles.

Wie heirate ich eine Europäerin?

Ausländer stehen dieses Jahr im Fokus des Festivals – gutgestellte Expats weniger, eher Sans Papiers. Über seine Arbeit, die Fussball und Tanz kombiniert, lernte der Regisseur Ahilan Ratnamohan immer wieder Fussballer kennen, die sich illegal im jeweiligen Gastland aufhielten. «Ich habe gemerkt, wie clever sie sein müssen, um das zu schaffen», erzählt Ratnamohan. «Illegale kennen das Gesetz besser als alle anderen und sie halten sich im Übrigen auch viel penibler daran.» Wer keine Papiere hat, möchte nicht auffallen. Wer illegal hier ist, läuft nur noch bei Grün über die Ampel.

Wie heiratet man eine Europäerin, die man nicht liebt? Wie kommt man zu einem gefälschten Pass? Drei junge Fussballer aus Westafrika lässt Ahilan Ratnamohan in seinem neusten Stück nun die besten Tipps und Tricks für Illegale preisgeben - oder vielleicht nur die zweitbesten, aber immerhin. «Das Stück ist nicht ganz moralisch», sagt Ratnamohan, «aber das muss es auch nicht sein, die Leute können entdecken, wie es ist, illegal hier zu sein.» Eigentlich sei es «ein perfekter Match», wenn eine ältere europäische Frau einen guten afrikanischen Liebhaber bekomme – und dieser im Gegenzug die Staatsbürgerschaft. Doch bei diesem und weiteren Aspekten sei ihm selbst etwas «unwohl», wenn er darüber spreche, sagt Ratnamohan: «Doch genau das ist spannend.»

Abschiedsparty für Stripperinnen

Wenn man durch das Kleinbasel oder das Zürcher Niederdorf läuft, kommt man an Türen vorbei, die man wie selbstverständlich nie öffnet. Türen zu Striplokalen. «Wie die meisten haben auch wir diese lange nie betreten», erzählt das Künstlerduo Monika Truong und Thom Reinhard alias «Thom Truong». Bis die beiden begannen, sich für Striptease als Kunstform zu interessieren.

Nun, in ihrem anschliessenden Projekt «Ausländer ausziehen,» stossen sie diese Türe noch weiter auf, für uns alle. Sie verwandeln das Roxy in ein Striplokal. Die Zuschauerinnen und Zuschauer kommen an Tischen ins Gespräch mit Stripperinnen, mit einer Cabaret-Tänzerin aus Paris oder mit einer Mitarbeiterin der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration. Dazwischen zeigen die Frauen auf der Bühne ihr Handwerk.

Bisher sind diese Frauen legal hier, sogar wenn sie aus Drittstaaten kommen. Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagte dazu: «Heute haben Frauen aus Drittstaaten zwei Möglichkeiten, um in der Schweiz legal zu arbeiten: Entweder sie sind hoch qualifiziert; oder sie sind bereit, sich im Cabaret auszuziehen.» Nächstes Jahr wird diese Verordnung aber aus dem Gesetz gestrichen. Das Stück von Thom Truong soll denn auch in eine ausgelassene Abschiedsparty für alle münden. Mit «Galgenhumor» nähmen viele der betroffenen Frauen ihre Situation. Die Verordnung, die theoretisch ihrem Schutz diente, tat dies zwar nur unzureichend, doch nun bleibe diesen Frauen nicht einmal das.

Spielerisch suchen die Russinnen und Ukrainerinnen unter dem Roxy-Publikum Nachfolgerinnen für ihren Job. «Und sie sind rhetorisch sehr geschickt», sagt das Duo Truong. Dabei wird wahrscheinlich rasch klar: Einfach ist dieser Beruf nicht. Und er ist in der Praxis mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden. So sind die Frauen gemäss Truongs Recherchen dazu angehalten, mit den Kunden so viel Champagner wie nur möglich zu trinken. In den Clubs stünden auffällig viele Topfpflanzen. Die meisten lebten nicht lange. Es sei denn, sie seien aus Plastik.

Eins machen beide Eröffnungsstücke deutlich: Am Rande zu überleben braucht mehr Geschick als in der Mitte.

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