Roman

Im Krieg sind alle gleich – auch die, die anders sind

Melinda Nadj Abonji.Severin Bigler

Melinda Nadj Abonji.Severin Bigler

In ihrem neuen Roman kehrt Melinda Nadj Abonji in das Jugoslawien von 1990 zurück. Eine Begegnung mit der Autorin, die mit ihrem letzten Roman den Deutschen und den Schweizer Buchpreis gewann

Zoltán Kertész ist anders. Er ist ein Träumer, langsam und auf den Kopf gefallen. Doch im Krieg könnte noch etwas aus ihm werden. Aber Zoltán hat nicht das Zeug zum Helden. Noch vor dem Angriff auf Vukovar verweigert er den Dienst. Der beste Kamerad hat die letzte Marschübung nicht überlebt. Was soll Zoltán also kämpfen in diesem gnadenlosen Umfeld? Nur Hanna könnte das verstehen. Doch Hanna ist nicht da. Sie kommt erst, als es zu spät ist.

Melinda Nadj Abonji kommt nicht zu spät. Mit ihr kommt ein Junge, der sich in die Bücherecke im Café verzieht. Das Leben der Autorin spielt sich auf verschiedenen Bühnen ab. Neben der Mutterrolle ist die Schriftstellerin auch Musikerin. In den sieben Jahren, seit die Autorin für ihren Roman «Tauben fliegen auf» mit dem Deutschen sowie dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden ist, sind darum ganz unterschiedliche Dinge entstanden: Ein Hörspiel, ein langer Essay für einen Sammelband über Zürich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs oder ein aufwendiger Text für ein Kunstbuch über die Stadtzürcher Transit-Achse Weststrasse. Mit ihrem dritten Buch «Schildkrötensoldat» hat sie bereits 2011 begonnen. «Am Anfang stand ein Dialog. Und der Titel. Daraus hat sich das Ganze entwickelt.»

Ein brutal schöner Text

Da ist der Ich-Erzähler Zoltán, der unmittelbar die eigene Welt und die Geschehnisse benennt, die sich wie zufällig daherkullernde Perlen ohne einen einzigen Zwischenraum auf den Schicksalsfaden reihen. Und da ist die Ich-Erzählerin Hanna, die Jahre später in der Rückschau von diesem Jungen erzählt, dessen Welt sich in seinen Augen spiegelt und der ein Baum werden wollte, wenn er erwachsen wäre. So erzählt diese Hanna von ihm, voller Wärme. Voller Unverständnis für die Umstände, in denen der Junge gross geworden ist. Oder ist es Melinda Nadj Abonji, die da erzählt? Ist die Autorin Hanna? «Diese Hanna ist sicher nahe bei mir. Und ich brauchte, um die Geschichte erzählen zu können, eine männliche und eine weibliche Figur.»

Melinda Nadj Abonji brilliert mit einem brutal schönen Text. Mit den fantastischen Schilderungen des unbeschwerten Gemüts dieses Zoltán auf der einen Seite, im Gegensatz zur nachdenklich reflektierenden Erzählung der Beobachterin, die dem absehbaren Lauf der Dinge nichts entgegenzusetzen hat. Die Verbundenheit der Autorin zu ihren Protagonisten ist spürbar, so wird ihre Geschichte berührend, manchmal fast körperlich schmerzhaft.

Schreiben ist für die Autorin immer mit einem Risiko verbunden. Ihre Geschichte hängt mit einem Teil ihrer persönlichen Realität zusammen, sie ist nicht Aussenstehende, wenn sie sich im Schreibprozess befindet. «Es gibt kein Entkommen mehr, und ich muss mich in diese Schlaufen der Erzählung hineinbegeben und an die Grenzen gehen. Es geht um Leben und Tod.»

Darum geht es auch im Leben Zoltáns. Seine Eltern, der Resignation und dem Alkohol verfallen, schicken ihren einzigen und in seinem Wesen einzigartigen Sohn in die Armee. Für die Autorin ein nicht nachvollziehbarer Vorgang. Vielleicht sei aber gerade dies der Ausdruck der Ausweglosigkeit einer Generation, welcher die Aussicht auf ein erfolgversprechendes Leben im Verlauf der Jugoslawienkriege abhandengekommen sei, zumal diese Menschen aus einer der untersten Gesellschaftsschichten stammen. Die Frage, wie es möglich sei, sein Kind dem Militär zu auszuhändigen, müsse sie unbeantwortet lassen, sagt Nadj Abonji. «Aber ich will die Normalität des Kriegs hinterfragen. Und die Tatsache, dass man in dieser Hinsicht den Tod in Kauf nimmt.»

Es gibt Sätze, die empfindet Melinda Nadj Abonji als jene Phrasen, die man immer parat habe. Nicht um zu erklären – oder nur scheinbar –, sondern um den Fragen auszuweichen. «Die Wörter bewegen sich immer in dieser Ambivalenz. Sprache ist Mittel für so vieles. Für Ideologien ebenso wie für Poesie.»

Schreiben gegen das Vergessen

Gleichwohl schreibt die 49-Jährige an gegen das Verdrängen eines Stücks Geschichte. Ihrer Geschichte, aber auch einer allgemeingültigen im Hinblick auf die vielen Konflikte überall auf der Welt. Sie schreibt, als könnte man Geschichte und Geschichten schreibend hinter sich lassen. «Man muss irgendwann zu einem Punkt kommen und den Abschluss machen können. Damit die Geschichte einen wieder loslässt.»

Die Wahrheit liege nicht auf der Hand und schon gar nicht in den Wörtern, steht da fast am Schluss. Doch macht das Lesen betroffen, das Geschriebene, dieses Rinnsal Sinn, das sie für ihn geschrieben hat, für Zoltán und seinesgleichen. Ein Rinnsal, das nicht so schnell versickert.

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat (Suhrkamp) 173 S., erscheint am 9. Oktober. Buchpremiere: 27. Oktober, 20 Uhr, Kosmos Zürich.

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