Kunst

In diesen Tagen stellt sich die Frage: Hilft Kunst gegen die Angst?

Die Kunstmuseen empfehlen sich gerade in turbulenten Zeiten als Orte der Entschleunigung. Ein Selbstversuch.

Kunst ist kein Medikament und auch kein Desinfektionsmittel, und sie schützt nicht vor Viren. Aber kann sie in aufgewühlten, angstbesetzten Tagen wie diesen helfen, Angst und Desorientierung zu mildern?
Museumsdirektorinnen und -direktoren preisen ihre Häuser gerne als Orte an, wo sich der Geist erholen und die Seele auftanken können.

Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseum Basel, sagte kürzlich in dieser Zeitung: «Wir leben in einer verrückten und von Hast und Nervosität geprägten Zeit. Für mich sind Museen Orte der Entschleunigung. Museen schaffen eine Zone, in welcher Menschen herunterfahren können.»

Ines Goldbach, Direktorin des Kunstmuseums Baselland, schrieb diese Woche in einem Newsletter mit dem Titel «Kunst in Zeiten der Epidemie»: «Kunst und Kultur sind gerade jetzt und heute wichtiger denn je. Sie sind dafür da, uns in unserem Sein und Werden zu stärken und zu unterstützen, auch damit wir nicht zum geistigen Spielball von anderen werden.»

Es brauche anhaltend geistige Nahrung. Und sie fragt sich, ob die Museen und Ausstellungshäuser angesichts der Veranstaltungssperren nicht über neue Formen der Vermittlung nachdenken müssen, denn «die Auseinandersetzung mit Kultur ist und bleibt wichtig und wesentlich für unser Menschsein».

Dem Blockbuster aus dem Weg gehen

Zurzeit sind die Museen noch geöffnet, selbst die Fondation Beyeler, obwohl die Ausstellung zu Edward Hopper für Besucheranstürme sorgt. Silke Kellner-Mergenthaler, Kommunikationschefin bei Beyeler, sagt, der Publikumsaufmarsch sei mit der Picasso-Schau von 2019 vergleichbar, auch wenn der Ansturm die letzten Tage etwas nachgelassen habe, wohl wegen Corona.

Jedoch: Man muss nicht zwingend der Herde der Hopper-Fans folgen. Im Schatten des Blockbusters präsentiert die Fondation Teile ihrer exquisiten Sammlung neu unter dem Titel «Stilles Sehen – Bilder der Ruhe». Die Ausstellungsmacher betonen, dass mit dieser Schau «das Museum als potenzieller Ort der Stille und der Reflexion ins Zentrum rückt». In der Ausstellung sei jeder Raum einem spezifischen Aspekt der Ruhe gewidmet und lade so zu einem gleichsam stillen Sehen und Kontemplieren ein.

Mit dem Blick des Kurators unterwegs

Die Entschleunigung beginnt bereits vor dem Museum. Die Warteschlange fordert Geduld. Der kalte Regen ist unwirtlich. Helfer bieten Plastiksäcke für die nassen Regenschirme an. Im Trockenen treffe ich Raphaël Bouvier. Der Kurator hat das «Stille Sehen» über neun Räume hinweg inszeniert. Er konnte aus dem Vollen schöpfen. Eloquent führt er von Raum zu Raum, von Meisterwerk zu Meisterwerk.

Unter seiner Führung erschliessen sich die Finessen der Hängung. Dabei geht es um Verwandtschaften und Dialoge zwischen den Bildern und Skulpturen. Und um Themensetzung von Raum zu Raum. Darum, wie die schwebenden Wolken Gerhard Richters die düsteren von Tacita Dean kontrastieren, flankiert von Max Ernsts Galaxie. Insgesamt ein Raum, der himmlische Ruhe evozieren soll.

Im nächsten geht es um die Stille beim Sitzen. Obwohl bei genauem Hinsehen die Ruhe eine vermeintliche ist: Bei Georges Braque zerstäubt die still auf ihrem Fauteuil sitzende Dame in Hunderte Facetten. Bei Alberto Giacometti trotzen die Menschen stoisch dem Sog von Raum und Zeit.
Unter dem Stichwort «Leere und Schweigen» treten die seltsam eingefrorenen Figuren in Balthus’ «Passage» in Korrespondenz mit den abstrakten Farbfeldern von Ellsworth Kelly.

Im Raum der Spiegelungen betrachtet ein melancholischer Andy Warhol den noch viel melancholischeren Rudolf Stingel. Sein Selbstporträt, im Anzug und Hemd auf dem Bett liegend und an die Decke starrend, ist alleine einen Besuch wert. Warhol und Stingel werden von einem von Gerhard Richter zur Kunsterklärten und einem von Roy Lichtenstein wirklich gemalten Spiegel flankiert.

Und so zieht sich die Parade der Meisterwerke und klugen Kombinationen weiter durch den Raum mit Stillleben, durch jenen, welcher der Balance gewidmet ist bis hin zu einer Todeskammer, wo Hodlers «La Mort» neben Marlene Dumas’ Gekreuzigtem und den flackernden Glühbirnen von Felix Gonzales Torres hängt.

Versuchen, ganz und gar Auge zu sein

Selbstredend ist dieser Rundgang für jeden Kunstfan zuallererst eine schlichte Augenweide. Auf den zweiten Blick offenbaren sich die unterschiedlichen Zugänge, welche die Kunst der letzten 120 Jahre den Themen Ruhe und Stille hervorgebracht hat: Referenzen zur Erhabenheit der Natur, Hingabe an stille Interieurs, der in sich ruhende, oft rätselhafte Mensch, die aus wenigen Farben und Formen konstruierte Harmonie, die beunruhigende, da nicht statische Ruhe, die von einem Leichnam ausgeht.

Soweit die intellektuelle, kunsthistorische Auseinandersetzung mit dem Thema. Wo aber auf diesem Parcours erfahre ich sie wirklich, die Entschleunigungskraft der Kunst?

Im Grunde ist bereits das langsame Schlendern durch die lichtdurchfluteten Räume beruhigend. Während sich im anderen Gebäudeteil die Besucher um Hoppers Bilder drängen, ist hier in der Sammlung wenig Verkehr. Eine Einladung, sich jenseits vom schnellen Blick und jenseits vom Selfie mit Kunstwerk, mal ganz dem Sehen hinzugeben.

Der Autor Hugo Lötscher hat diesen Zustand «ganz und gar Auge sein» genannt. Ein guter Tipp, denn Kunst ist hinterlistig. Sie offenbart sich im Schnelldurchlauf nie wirklich. Sie ist eine Einladung, genau und lange hinzuschauen.

Synapsen-Massage in der Rothko-Kapelle

Im grössten Saal der Fondation hängen ausschliesslich Monets. An seinen Seerosen ist zu erleben, wie sich bei langem Hinsehen, die Ruhe einer Wasserspiegelung aufs Gemüt überträgt. Dieser riesige Helgen ist schon ein kleines Weltwunder.

Noch intensiver wird die emotionale Übertragung bei Mark Rothko. Die Fondation hat ihm eine kleine «Kapelle» mit fünf Werken eingerichtet. Aber sie hätte auch vor jedes Bild einen Stuhl stellen sollen, denn die scheinbar simplen Farbflächen des Amerikaners, geben ihr Geheimnis erst bei längerer Betrachtung preis.

Richtet man den Blick eine Weile auf eine der zwei oder drei Farben, beginnen sich diese zu verändern und geraten in Bewegung. Das zuvor knallige Orange verblasst, das einst blasse Rot beginnt zu leuchten, das braune Feld im vermeintlichen Schwarz fängt an zu flirren und verwandelt sich in ein tiefes, nachtblaues Leuchten. Das ist nun nicht mehr einfach Hinsehen, sondern Erlebnis.

Nach der Rothko-Meditation tritt unter der Schädeldecke ein Gefühl ein, als ob einem jemand die Synapsen massiert hätte. Ob Rothko gegen Kopfweh hilft, ist nicht erwiesen. Eine Art Medikament ist das aber schon, zumindest eine sehr angenehme Stimulanz derjenigen Bereiche, die für Gelassenheit und Ruhe zuständig sind.

Draussen vor dem Museum ist die Schlange der Besucher noch länger geworden. Der Regen ist immer noch nass. Das Bewusstsein aber wach und klar wie ... ja, wie eigentlich?

Wie nach einem Museumsbesuch eben. Geputzte Synapsen und ein gelassenes Gemüt verdrängen Angst und Unsicherheit. Sie helfen, den Virensturm zu überstehen, zumindest den medialen.

Fondation Beyeler
«Stilles Sehen – Bilder der Ruhe. Bis 19. April. Fondation Beyeler, Riehen.

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