Theater
In dieser Performance hält die Realität Einzug auf der Bühne

Das Performance-Kollektiv She She Pop eröffnet mit seinen Identitätsfragen ein neues Theaterfestival in Basel. «It's the Real Thing - Basler Dokumentartage 13» beschäftigt sich fünf Tage lang mit der Konstruktion von Wirklichkeit.

Susanna Petrin
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Johanna Freiburg tritt morgen als Teil des «She She Pop»-Kollektivs in Basel auf.

Johanna Freiburg tritt morgen als Teil des «She She Pop»-Kollektivs in Basel auf.

Martin Töngi

ZZ Top singen «Planet of Women». She She Pop spielen auf diesem Planeten als Frauenkollektiv ihr Theater: Performances, stets stark persönlich, weiblich geprägt. Beide tun das Ihre mit internationalem Erfolg. Nur weiss vermutlich ZZ Top nichts von She She Pop; aber umgekehrt haben die Frauen schon mal mit Vollbart, Sonnenbrille und Trenchcoat die Lieder der amerikanischen Band gecovert.

Dokumentarisches Theater

Heute um 19 Uhr wird das Festival «It's The Real Thing - Basler Dokumentartage 13» in der Kaserne Basel eröffnet. Bis Sonntagabend zeigen international bekannte Künstlerinnen und Künstler Theaterarbeiten, die sich mit der Wahrnehmung unserer Lebenswirklichkeit auseinandersetzen. Dazu kommen ein Symposium, Workshops und Publikumsdiskussionen. (spe)

www.itstherealthing.ch

Die Frauen wollten sich nicht von einem Mann inszenieren lassen, stattdessen entwickeln sie ihre eigenen Stücke. Scham interessiert sie, die Rollenzwänge innerhalb einer Familie oder der (männliche) Blick von aussen. In der preisgekrönten Produktion «Testament» holen die Töchter ihre leiblichen Väter auf die Bühne, um vor Publikum den generationen- übergreifenden Tausch von Geld und Liebe zu verhandeln.
Theatertrend aus Giessen
Zu Beginn sei ihr persönlicher Ansatz «sehr radikal» und «noch gar nicht salonfähig» gewesen, sagt Freiburg. Seither werden Performances, in denen die Realität auf der Bühne Einzug hält, in immer neuen Varianten durchgespielt - etwa, indem Darsteller die eigenen Produktionsbedingungen offenlegen, Laien einbeziehen oder wahre Ereignisse dokumentieren. Aktuell ist in der freien Szene die Gruppe Rimini Protokoll dafür bekannt, schon etwas länger auch Monster Truck oder Gob Squad - bei Letzteren ist Freiburg ebenfalls dabei.
«Wir sind Performer, keine Schauspieler», sagt die zurückhaltende Frau. «Wir tragen selber die alleinige Verantwortung für alles, was wir auf der Bühne behaupten. Es gibt keinen Autor, keinen Regisseur, hinter dem wir uns verstecken können.»
Auffällig viele dieser sich «postdramatischen» Formen bedienenden Gruppen haben wie She She Pop in Giessen studiert. «Sicher, wir haben einander inspiriert», sagt Freiburg. Auch der Initiant des Dokumentartheater-Festivals selbst, Regisseur Boris Nikitin, ist ein Giessen-Absolvent. She She Pop hätten ihn vor Jahren dazu inspiriert, dieses Theaterstudium überhaupt aufzunehmen, sagt er. «Die Frauen dokumentieren sich selber», sagt Nikitin, «und stellen Objektivität so grundsätzlich infrage.» Es gäbe es wenig Theater, das sich mit der weiblichen Perspektive befasse, also hätten She She Pop die Produktionsmittel selbst in die Hand genommen. «Damit ihre feministische Sicht im Theaterdiskurs überhaupt vorkommt.» Genau das ist laut Nikitin ein wichtiger Aspekt des Festivals: «Wer und was wird in der Öffentlichkeit repräsentiert?»