Interview

«Jedes Konzert des Argovia Philharmonic muss ein Knaller sein»

Argovia-Philharmonic-Intendant Christian Weidmann  (Foto: Donovan Wyrsch)

Argovia-Philharmonic-Intendant Christian Weidmann (Foto: Donovan Wyrsch)

Das Argovia Philharmonic startet am Sonntag, 22. September in die neue Abo-Saison. Intendant Christian Weidmann über ein besonderes Jahr: ohne Chefdirigent, dafür mit hohen Erwartungen.

Christian Weidmann, was geht Ihnen beim Wort Generalpause durch den Kopf?

Christian Weidmann: Eine Pause ist, wenn nichts passiert. Die Generalpause in der Musik hat aber sehr viel Bedeutung. Sie ist ein bewusstes Innehalten für das, was nachher kommt.

Ich frage, weil die kommende Saison eine ohne Generalmusikdirektor, also eine Art Generalpause sein wird.

Ich sehe die Saison nicht als ein Innehalten. Natürlich kommt danach ein neuer Chefdirigent. Aber wir haben sechs verschiedene Dirigenten und nach 18 Jahren mit Douglas Bostock ist das Orchester begierig darauf, Neues kennen zu lernen.

Wo sehen Sie die Chance?

Das Orchester ist mit jedem Dirigenten anders gefordert. Es wird sechsmal anders klingen, sechsmal dazulernen. Ein Jahr lang darf und muss es sein, wie es will. Und niemals geht es zurück zu einem väterlichen Chefdirigenten. Das ist eine riesen Chance. Ich erwarte einen Qualitätssprung in der Selbständigkeit des Orchesters.

Die Dirigenten der kommenden Abokonzerte sind ziemlich jung. Und es gibt das ganze Jahr keinen Beethoven. Ist es wichtig, nach so einer langen Ära einen deutlichen Punkt zu setzen?

Wir haben bisschen Nachholbedarf im deutsch-romantischen Repertoire. Und um neue Dirigenten kennen zu lernen, ist dieses Repertoire wunderbar. Es ging auch darum, dem Orchester in diesem Jahr keine dezidierte Richtung oder Profil zu geben. Das wird Aufgabe des neuen Chefdirigenten sein.

Douglas Bostock war berühmt für seine sogenannte Orchesterhygiene. Droht nun Gefahr, dass der Intonations-Bazillus einzieht?

Ich sage es so: Irgendwann ist mein Kind alt genug um sich den Hintern selber zu putzen. Und zufälligerweise umfasst die Zeit mit Douglas Bostock genau 18 Jahre. Die Musiker sind also erwachsen. Es ist der richtige Zeitpunkt, dass sie Verantwortung übernehmen und zeigen, was sie können. In dieser Saison haben wir keinen Orchestererzieher eingeladen. Sondern Dirigenten, die das Orchester im Idealfall umarmen und beflügeln.

Dirigent Jan Willem de Vriend ist international bekannt für historisch informierte Aufführungspraxis. Soll das Orchester in diesen Bereich hinein schnuppern?

Es gibt im Kanton schon das Capriccio Barockorchester mit diesem Profil. Wir sind ein Sinfonieorchester, deswegen würden wir uns nicht im Barock positionieren wollen. Gleichzeitig geht de Vriend tatsächlich in eine andere Richtung und eröffnet uns neue Perspektiven.

Haben Sie als Intendant dieses Jahr die Freiheit, Ihre langgehegten Herzenswünsche zu programmieren?

Ich plane nicht für mich, aber ich muss gestehen: Die grosse Schubert C-Dur ist eine meiner Lieblingssinfonien. Es war klar, dass wir in den Abokonzerten Brahms, Schumann, Mendelssohn und Schubert spielen wollen. Und bei Schubert habe ich gesagt: Es soll die C-Dur sein.

Welches der Sinfoniekonzerte hat Ihnen schlaflose Nächte bereitet?

Kein Sinfoniekonzert, sondern die «Fledermaus», die wir kürzlich zusammen mit dem Kurtheater in Baden produziert haben. Welches Sinfonieorchester der Schweiz hat schliesslich in den letzten zehn Jahren eine Musiktheaterproduktion von dieser Grösse einfach so gestemmt? Das bedeutete für uns anderthalb Jahre Vorbereitung. Aber in schlaflosen Nächten überlege ich mir: Was kommt nach der Generalpause?

Das letzte Sinfoniekonzert heisst ja: Grosse Erwartungen!

Wir wollen nun die Weichen stellen. Wie nutzen wir die Chance mit dem neuen Chefdirigenten? Und die der Reithalle? Ein neuer Konzertsaal ist für ein Orchester eine Riesenverantwortung. Wir können gar nicht anders, als uns zu fragen: Was ist der nächste Schritt – oder besser: Was sind die zwei nächsten Schritte?

Als Douglas Bostock als Chefdirigent anfing, musste er viel umpflügen. Wird es etwas Ähnliches geben?

Ein Umpflügen ist nicht mehr nötig. Aber perspektivisch sind wir wieder bei Null und treten eine neue Reise an. Wir müssen uns Ziele setzen, und die Ziele müssen hoch sein.

Wie sehen sie aus?

Das höchste Ziel ist Qualität. Dass das Orchester nochmals einen grossen Schritt macht in den nächsten fünf bis sieben Jahren. Das muss sein. Denn Stillstand ist Rückschritt. Mit den gleichen Menschen lässt sich sehr vieles bewegen, wenn Dynamik und Ziele stimmen.

Was meinen Sie konkret mit Qualität?

Als sinfonischer Klangkörper noch besser zu werden. Wir haben ein sehr gutes, stabiles Niveau erreicht. Aber jedes Konzert muss ein Knaller sein. Wenn ich ans Lucerne Festival mit den Toporchestern denke – das wollen wir erreichen! Selbst, wenn es uns nicht gelingt, müssen wir dieses Ziel haben, sonst kommen wir nicht annähernd dahin.

Letzte Saison gab es ein Saxofon und ein Euphonium. Diese Saison sind die Soloinstrumente klassischer.

Das Euphonium und das Saxofon waren eine Statement von Douglas Bostock, weil er sich mit Ecken und Kanten verabschieden wollte. Diese Saison suchen wir keine Ecken und Kanten. Weil wir uns dieses Jahr nicht schon neu positionieren wollen.

Auf welches Konzert freuen Sie sich besonders?

Schon auf das erste! Wegen der drei Werke, die mir etwas bedeuten. Eben: Schubert. Und Borgströms Violinkonzert ist eine Entdeckung! Es gibt viele Konzerte, die selten gespielt werden – oft zu Recht. Aber dieses ist eine Bereicherung. Werner Wehrli haben wir vor sieben Jahren aufgenommen, aber nie im Konzert gespielt. Dabei ist es ein tolles und witziges Stück.

Und es passt in diese Chilbizeit.

Das war Zufall. Wir wollen aber in den kommenden Jahren jeweils mit etwas Schweizerischem in die Saison starten.

Werden Sie mit Rune Bergmann auch etwas norwegischer werden?

Wenn man Rune Bergmann fragt, weshalb er unser Chefdirigent wird: Wir haben Potential. Und: Wir sind so relevant, wie wir uns machen. Relevanz und Potential – diese zwei Worte werden uns in den nächsten Jahren begleiten. Als Norweger genauso wie als Schweizer.

Autorin

Anna Kardos

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