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Kein Sommer ohne Bücher: Empfehlungen für die perfekte Sommerlektüre

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Ob am Strand, in den Bergen oder auf dem Balkon zu Hause – 14 Redaktorinnen und Redaktoren geben Tipps für die perfekte Sommerlektüre: Von den Geheimnissen der Ozeane über den Kreuzfahrtkrimi bis zum zeitgenössischen Berglerroman.

Alles über das geheimnisvolle Meer

Wer hätte das gedacht: Die Felsen des Rheinfalls in Schaffhausen lagen einmal am Grund des Ozeans. Sie bestehen aus Glasschwämmen und bildeten den Teil eines Korallenriffs. Frauke Bagusche überrascht ihre Leser gern. Den Korallenriffen als der «Kinderstube der Ozeane» widmet die Meeresbiologin ein grosses Kapitel in ihrem wunderbar verständlichen Buch. Es fängt mit dem Plankton an, dieser allgegenwärtigen Grundlage allen marinen Lebens, erkundet die Klimaküche Ozean, taucht in Tiefsee, beschreibt seltsame sexuelle Sitten und richtet den Blick auf die verheerende Herrschaft des Menschen. Auf den Malediven wird sie konkret, etwa wenn sie von Meeresschildkröten erzählt, die sie aus Teppichen aus Plastik und Netzen befreit. Oft gehen diese Tiere jämmerlich zugrunde. Denn auch dies ist dieses so anschauliche Buch: ein Appell – und eine Warnung. Denn die Abertausende Tonnen Plastikmüll landen am Ende in den Fischen, und das heisst: auf unserem Teller. (Tipp von: Rolf App)

Ein Buch wie ein langer, staubiger Sommer

Vielleicht erinnern sich manche von uns an Sommer zu Hause. Man war viel alleine, ging schwimmen und las einen Roman, um trägen Tagen Sinn zu geben. Kindheitserinnerungen. Heute, als Erwachsene, lege ich Daheimgebliebenen Richard Ford ans Herz, besonders den Roman «Kanada». Ford lässt hier einen 15-Jährigen die Geschichte seiner Eltern erzählen, die 1960 in Montana in die Armut abrutschen und nach einem Banküberfall im Gefängnis landen. Dann seine eigene, die ihn nach dem Verlust der Eltern in die gottverlassene Weite der kanadischen Provinz Saskatchewan führt. Wie so oft versteht es Ford auch hier, ab Seite eins zu fesseln mit der Beschreibung der Figuren: ihrer Stärken und Schwächen, ihrer Lebensumstände, ihrer gescheiteren Träume. Ford lässt Menschen und Landschaften so lebendig werden, dass man einen Teil seines Lebens mit ihnen verbringt. «Kanada» ist ein grosser Roman, der einen Sommer zu Hause zum grossen Sommer machen kann. (Tipp von: Susanne Holz)

Entspannung für die Ellenbogen

Sobald die letzten ungelesenen Mails nicht mehr alle Aufmerksamkeit beanspruchen und die Flugscham überwunden ist, haben wir endlich einmal den Kopf frei für ein anderes, ein besseres, besonneneres Leben. Warum nicht im Strandkorb sitzen und beim Spaziergang durch den Wellensaum darüber nachdenken, was die Welt im Innersten zusammenhält und unser Gemeinwesen auf ein solides Fundament stellt? Der deutsche Soziologe und Theologe Reimer Gronemeyer erinnert in seinem aktuellen Buch «Tugend» an Werte, die im Optimierungswahn der Leistungs- und Ellenbogengesellschaft oft zu kurz kommen. Dabei tut es jedem auch persönlich gut, sich in Gelassenheit zu üben, in Selbstbegrenzung, Güte, Treue, Einfachheit und Empathie, in Freundschaft und in Liebe. Ferien vom Egoismus – das stärkt für den Alltag, der zuverlässig am Ende der terminfreien Tage wartet. (Tipp von: Bettina Kug)

Lüge als Leistung

Als «Rockstar unter den Intellektuellen» hat der «Spiegel» Umberto Eco bezeichnet. Jedenfalls wirkt Ecos so anspruchsvolles wie mitreissendes Denken elektrisierend auf den Leser. Kurz vor seinem Tod 2016 hat er in Mailand zwölf Vorträge gehalten, die seinen grossen Horizont, seinen universellen Blick auf Kunst- und Geistesgeschichte und sein Wissen um die Magie von Zeichen als Vermächtnis bündeln. «Auf den Schultern von Riesen» heisst der Essayband, mit dem Eco nochmals in die riesige Tradition eintaucht, Ideengeschichte gegen den Strich erzählt und mit Aktualität verknüpft. Erneut schafft ein Ausnahmeintellektueller höchst spannende, auch gewagte Querverbindungen. Man liest Eco mit erfrischendem Erkenntnisgewinn, wenn er die Lüge als kulturelle Leistung analysiert. (Tipp von: Martin Preisser)

Mit Ritter Rost wird die Anreise easy

Das Auto ächzte unter der Last. Wirklich alles hatten wir eingepackt, was man für drei Wochen am Meer so braucht. Ferien, wir kommen! Doch kaum waren wir auf der Autobahn, verlangten die Kinder nach Unterhaltung. Und wir merkten, dass wir leider doch nicht wirklich alles eingepackt hatten. Keine einzige Kinder-CD. Nichts zum Anhören. Verdammt. Zum Glück waren zwei Ritter-Rost-Bücher im Auto gelandet inklusive dazugehörender CD. Die Kinder fandens grossartig, Ritter Rost in Dauerschleife. Wir Eltern konnten nach den Ferien «Ritter Rost macht Urlaub» und «Ritter Rost feiert Geburtstag» auswendig. Rückwärts. Dass niemand wahnsinnig wurde, liegt daran, dass Jörg Hilbert und Felix Janosa in ihren Ritter-Rost-Musicals einen lustig-anarchischen Ritt durch die Kinderzimmerwelten wagen. Und statt betulicher Sozialpädagogik gibt es Ohrwürmer zum Mitswingen. (Tipp von: Julia Nehmiz)

Für ein Frösteln auf der Kreuzfahrt

Mittelmeer, Sand, Sonnenbrand. Keine Wolken am Himmel, Schiffe am Horizont. Der Thriller «Havarie» von Merle Kröger spielt auch auf einem solch grossen Kahn. Einem Luxusdampfer. Oben auf Deck die gutbetuchten Europäer, unten im Bauch hart krampfende Gastarbeiter. Derweil ertrinken im Meer Flüchtlinge. Was kostet eine Überfahrt erste Klasse? Was ist ein Menschenleben wert? Ein gutes Dutzend Figuren begleitet man beim Lesen auf ihrer Reise übers und am Mittelmeer. Perspektiven wechseln rasch, und viele Verbindungen erschliessen sich erst mit fortgeschrittener Zeit. Irgendwann sterben auch noch Menschen. Richtig ermitteln tut aber niemand. Das Sterben nimmt man hin, gut geht hier nichts aus. «Havarie» holt einen hart zurück aus der Badetuchgemütlichkeit und sorgt bei allem Bräunungsbrutzeln für ein inneres Frösteln. Beste Strandlektüre. (Tipp von: Michael Graber)

Obdachlos in London

Die Sonne brennt, der Schweiss tropft, und die Freunde machen Ferien auf Bali. Ich bleibe zu Hause, denn das Budget erlaubt keine Sommerferien. Dafür bleibt Zeit, den Stapel ungelesener Bücher abzuarbeiten und den Roman «Erledigt in Paris und London» von George Orwell zu lesen. Der Autor beschreibt, wie er ohne Geld in Paris und London der 1920er-Jahre lebt. Sein Erspartes wird in Paris gestohlen, wo er dann als Tellerwäscher in einem Hotel arbeitet. 17 Stunden pro Tag, sieben Tage pro Woche. Später versucht Orwell sein Glück in London. Obdachlos verbringt er die Tage damit, einen Schlafplatz zu finden. Eindrücklich beschreibt Orwell, wie sich seine Lebenseinstellung ändert: Er hat keine Pläne für die Zukunft, nur der alltägliche Existenzkampf beschäftigt. Gonzo-Journalismus avant la lettre, der Armut ohne Romantisierung darstellt und die eigene «Misere» relativiert. (Tipp von: Judith Frei)

Frischs altersloses Tessiner Holozän

Im Gegensatz zu seinem Protagonisten ist dieses Buch kaum gealtert. Max Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän» ist 1979 erschienen. Herr Geisers langsames Erlöschen geht auch heute noch nahe. Das Wetter passt sowieso zur Gegenwart: Erst sengende Hitze, Wetterleuchten, «Sommer wie eh und je». Dann tagelange Unwetter, «keine Nacht ohne Gewitter und Wolkenbruch», Hangrutsch. Im bald abgeschnittenen Tessiner Bergtal führt Herr Geiser, Rentner aus Basel, einen einsamen, aussichtslosen, verzweifelten Kampf gegen das Vergessen und das Vergessenwerden. Er liest Lexika wie ein Besessener, sammelt Wissensfetzen und weiss doch nichts mit ihnen anzufangen. Beklommen harrt der Leser mit Geiser im Haus und lauscht den «mindestens neun Arten von Donner», begleitet ihn auf seinem unnötigen «Fluchtversuch» aus dem Tal – und wendet sich angeekelt ab, wenn er die Katze im Ofen brät. (Tipp von: Nadja Rohner)

Herzflirren im Nirgendwo

Sterben aus Langeweile? In Wingroden gut möglich, findet Ben. Der Teenager sitzt in einem Dorf irgendwo in der deutschen Pampa mit seinem dementen Grossvater fest. Im Nirgendwo. Nichts passiert in «diesem elenden Kaff», wo sich Ben und die wenigen Bewohner – inbegriffen Hund Rühmann – jeden Abend in der Kneipe mit Jukebox zu ihrem Bier versammeln. Bis einer ein Ufo erfindet, um die Welt nach Wingroden zu locken. Zumindest Lena im Hippiebus strandet hier, und plötzlich findet Ben das Ufo gar nicht mehr so eine dumme Idee. «Pampa Blues», der Coming-of-Age-Roman des Schweizer Autors Rolf Lappert («Nach Hause schwimmen»), passt zu einem heiss flirrenden Sommer. Ursprünglich als Drehbuch geplant, liest sich das Buch wie ein Feel-good-Film und hat fürs Liegen im Halbschatten die richtige Mischung aus Schwermut und Leichtherzigkeit. (Tipp von: Céline Graf)

Für Fans des anderen Griechenlands

Nie fahre ich auf den Peloponnes ohne Patrick Leigh Fermor im Gepäck. Letztes Mal kam Michael Obert mit, selbst ein begnadeter Reiseschriftsteller, der bis an «Die Ränder der Welt» gereist ist. Er erfuhr, dass der Brite noch lebte, brach auf, den fast Hundertjährigen zu suchen, der mit 18 zu Fuss nach Konstantinopel gewandert war und drei Bücher darüber geschrieben hatte. Obert reist nach Areopolis, trifft auf Georgios, der als Partisan gegen die Deutschen gekämpft hat, erwähnt Fermor – und Georgios verrät ihm, wo er wohnt. Obert fährt nach Kardamili, legt sich Fragen zurecht, klopft ans Tor. Ein alter Mann öffnet: «Komm herein, Pilger.» Er stellt sich als Michalis vor, erwähnt Bruce Chatwin, der ihn 1970 besuchte, nennt ihn «ein seltsamer Kauz». Patrick Leigh Fermor starb 2011. Bis zum Schluss lässt Michael Obert offen, ob er ihn tatsächlich getroffen hat. Genial. (Tipp von: Dieter Langhart)

Ju-Jitsu-Grossmeister Charlie Lenz

Sommerzeit ist Inselzeit – und wer dieses Jahr seine Ferien auf einer Insel zubringt, sollte unbedingt dieses Buch einpacken: Der Journalist Mathias Balzer erzählt in «Hanshi Charlie – Kampf- und Lebenskunst» die Lebensgeschichte von Charlie Lenz, der auf den Balearen lebt. Lenz ist eine der wenigen Ju-Jitsu-Grossmeister Europas und hat eine bewegte Biografie: Aufgewachsen in einem österreichischen Bergdorf, zog es ihn früh in die Schweiz und von da aus immer wieder nach Japan, wo er die härteste Karateschule der Welt besuchte und es dort bis zum Hanshi-Grad brachte, dem zweithöchsten Ehrentitel der japanischen Kampfkunst. Das ist filmreifer Stoff, den Balzer in wunderbar kompakten Sätzen nacherzählt – und passenderweise auch noch gleich von seinem Sohn, dem Filmemacher Luis Balzer, in einen Kurzfilm verpacken liess, der zum Buch gehört. (Tipp von: Naomi Gregoris)

Auch Pedro Almodóvar liebte diese Autorin

Der spanische Filmregisseur Pedro Almodóvar liebt Alice Munro. Warum? Die Autorin schreibt wunderbare Frauenfiguren. Almodóvars Mutter-Tochter-Melodram «Julieta» aus dem Jahr 2016 etwa basiert auf drei Kurzgeschichten der kanadischen Nobelpreisträgerin. Die meisten der fünfzehn Erzählungen von Munros erstem Kurzgeschichtenband «Tanz der seligen Geister» sind aus der Perspektive eines Mädchens oder einer jungen Frau geschrieben. 1968 erschienen, spiegeln sie das Erwachsenwerden in einem ländlichen Nordamerika wider, wo Frauen – genauso wie Männer – in ihrer Geschlechterrolle feststecken, und ergeben zusammen ein präzises Panoptikum der damaligen Gesellschaft. Um Alice Munro zu lesen, muss man sich nicht unbedingt in Nordamerika aufhalten. Schaden kann es sicher nicht. Aber der Film im Kopf nimmt überall Form an. (Tipp von: Regina Grüter)

Am besten isst man dazu eine Schale Erdbeeren

Dem Mörder begegnet man bereits auf der ersten Seite: einem Erdbeerpflücker. Und schon im ersten Satz des gleichnamigen Jugendkrimis kommt Hochsommerstimmung auf: «Es war einer dieser Tage, an denen man die Hitze riechen konnte» – und danach liest sich die Geschichte wie von selbst. So verschlinge ich das Buch jeweils regelrecht – am liebsten auf einmal und an einem Tag, an dem man schon fast nur vom Seiteumblättern schwitzt. Die Autorin wechselt zwischen Mörder, Hauptfigur, Opfer und Ermittler hin und her, während sich die Heldin und der Täter immer näher aufeinander zu bewegen. Im Gegensatz zur Leserschaft merkt die Hauptfigur das natürlich nicht – bis es fast zu spät ist. Perfekt zum Abtauchen aus der Hitze; am besten mit einer grossen Schale Erdbeeren und viel Wasser in Griffnähe. Und das Beste: Es gibt sechs Fortsetzungen der Krimireihe. Für weitere heisse Sommertage. (Tipp von: Noëlle Karpf)

Mit skurriler Fantasie aus dem Bündner Dorf in die Welt

Bündner Bergdörfer sind erzählerische Vulkane. Das erlebt man auf Wanderungen durch Graubünden auch mit Leo Tuors neuem Roman im Rucksack. Man taucht in die bigotten 1960er-Jahre ab und lässt sich vom Autor sogleich herauskatapultieren in die Mythologie, die Literatur, die Familiengeschichte. Denn rund um die Hauptfigur, einen neunjährigen Buben, gruppieren sich Figuren mit sympathischer bis abstossender Skurrilität. Der Grossvater kehrt aus dem Weltkrieg mit einer Handprothese zurück und dichtet fortan subversive Verse. Der Vater verliert beim Jagdunfall seine Männlichkeit und bringt sich um. Die Priester sind ekelhafte Schwarzröcke. Die Frauen aber stammen vom Wolf ab, sie bringen Vergewaltiger um und wehren fremde Armeen ab. Leo Tuor erzählt das alles in vielen kompakten Fragmenten. Variation, darauf komme es im Leben an, sagt der Grossvater. Sonst werde man einer von der Stange. Das bezeichnet auch Leo Tuors funkelnde Erzählweise. (Tipp von: Hansruedi Kugler)

Autor

Hansruedi Kugler

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