Seit der Ur-Aufführung 2007 in Hamburg hat das Musical «Ich war noch niemals in New York» über 4 Millionen Zuschauer in ganz Europa und Japan begeistert. Doch ausgerechnet und pünktlich zum Start der Vorpremiere zur ersten Openair-Aufführung des Musicals in Thun setzte der Regen. Ein heftiger Platzregen erinnerte die Gäste auf der prächtigen Seebühne daran, wie abhängig man hier vom Wetter ist. Doch die Besucher, ausgerüstet mit weissen Pelerinen, liessen sich ebenso wenig anmerken wie die pitschnassen Darsteller.

Beim Musical mit Liedern des 2014 verstorbenen Entertainers Udo Jürgens handelt es sich um ein Remake. Regisseur Werner Bauer hat für die Thuner Fassung nicht die Geschichte, aber den Blickwinkel der Erzählung verändert. Der Zuschauer identifiziert sich mit Maria, die im Seniorenheim lebt und die Geschichte erträumt.

In ihrem Traum versucht sie mit Otto aus ihrem trostlosen Alltag auszubrechen und ihre Hoffnungen und Sehnsüchte auszuleben. Sie erträumt sich die Flucht aus dem Altersheim, um auf einem Schiff in den Sehnsuchtsort New York zu reisen. Dabei orientiert sich die Geschichte um Liebe, Glück und den Sinn des Lebens an der Textzeile des Jürgens-Lieds «Ich war noch niemals in New York»: «Ich war noch niemals richtig frei. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen». Kein Traum ist vergebens, lebe ihn.

Thunerseespiele: Mit Udo Jürgens in Erinnerungen schwelgen

Thunerseespiele: Mit Udo Jürgens in Erinnerungen schwelgen

Die Freiheitsstatue vor Eiger, Mönch und Jungfrau: Die Thunerseespiele machen es möglich. Sie zeigen dieses Jahr das Musical «Ich war noch niemals in New York» mit 19 Liedern des verstorbenen Udo Jürgens. Zur Premiere am Mittwoch waren auch viele Prominente geladen. Sie alle haben ihre ganz persönlichen Beziehungen zu den unvergessenen Liedern von Udo Jürgens.

Konfliktträchtig wird die Geschichte, weil die Jungen das nicht zulassen wollen. Die karrieresüchtige TV-Moderatorin Lisa und der Alleinstehende Sohn von Otto mit seinem vorwitzigen Filius reisen den Liebenden nach und wollen sie zurückholen.

Dabei steht Lisas Wandlung von der zickigen Karrieristin zum liebenswerten Menschen im Mittelpunkt. Im Finale erwacht Maria aus ihrem schönen Traum, doch er ist nicht geplatzt. Wie nicht anders zu erwarten, kommt es zum grossen Happyend. Die Botschaft: Kein Traum ist vergebens, lebe ihn.

Unbestrittener Star von «Ich war noch niemals in New York» ist Kerstin Ibald (Lisa). Eine tolle Sängerin, die durch Musicals wie «Rebecca», «Footloose» oder «Moses» bei einem breiteren Publikum bekannt wurde. Gesanglich eine gute Figur machte auch der Basler Patrick Imhof (als Alex, dem Sohn von Otto). Die anderen Sänger fielen etwas ab. Wettgemacht wurde dieses Manko von einer tadellosen, grossen Band unter der Leitung von Iwan Wasslevski. (siehe Interview)

Das Musical-Remake lebt aber vor allem von den optischen Reizen. Der Thunersee, mit seinem einzigartigen Panaroma am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau, wird in diesem Sommer von einem riesigen Kopf der Freiheitsstatue regiert, der über der mächtigen Bühne prangt. Diese wird in ein Schiffsdeck verwandelt, wo ein fünfzigköpfiges Ensemble in farbenprächtigen Kostümen tanzt, wirbelt und singt.

Auf der Seebühne entfaltet sich eine veritable Kostümschlacht. Die Traumwelt von Maria ist eine Comicwelt, inspiriert von Superhelden von Marvel in fantastischen Kostümen, ausgefallenen Masken und imposantem Bühnenbild. Rund 280 Kostüme sind im Thuner Atelier für diese Produktion hergestellt worden, 700 Tonnen Material verbaut worden.

Dabei ist die operettenhafte Geschichte sehr vorhersehbar, die Witze manchmal etwas platt. Das gegenüber dem Original stark gestraffte Remake glänzt nicht mit Tiefgang. Es wird auch der gesellschaftskritischen Seite von Udo Jürgens nicht gerecht. Doch das ist alles nicht entscheidend. Das Thuner Remake von «Ich war noch niemals in New York» ist vielmehr ein kurzweiliges Familienvergnügen, das sich weder vor Kitsch, Klamauk und Kalauern scheut.

Eine kleine generationsübergreifende Beziehungskomödie und eine grosse Show mit optischen Höhepunkten und musikalischen Perlen von Udo Jürgens. Das Publikum jedenfalls ist begeistert und dankt es dem Ensemble mit einer Standing Ovation. Der Platzregen und der nasse Start sind längst vergessen.

Seebühne Thun, bis 24. August