Volker Hesse
Klosterspiel Wettingen sucht «spiellustige Laien» aus dem ganzen Kanton

Er ist vielseitig und: Er arbeitet gerne mit Laien. Das kann Volker Hesse 2011 auch im Aargau demonstrieren. Er wird dann die Klosterspiele Wettingen inszenieren. Es soll etwas Lustiges werden.

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Volker Hesse

Volker Hesse

Aargauer Zeitung

Elisabeth Feller

Hesse hat Erfahrung mit Laienschauspielern. Er hat schon in Einsiedeln («Welttheater») und in Altdorf (Tellspiele) packende Aufführungen mit ihnen erschaffen.
Nun will er Gleiches in Wettingen tun. Nach schwerer Kost in den Jahren 2005 und 2008 wird er für die Klosterspiele 2011 eine Komödie inszenieren, die für ihn massgeschneidert ist: Thomas Hürlimanns «De Franzos im Aargau» (im Original «De Franzos im Ybrig»).

Das Stück passt vorzüglich zu einem Ort, der 1798 bis 1803 von der Revolution stark betroffen worden ist. Die Hauptrolle des Franzosen ist mit dem Profi Gilles Tschudi besetzt; für die anderen Rollen sucht Hesse «spiellustige Laien aus dem ganzen Aargau». Er freut sich auf «hochengagierte Probenprozesse», wie er im Gespräch erklärt.

Volker Hesse, nach Hofmannsthals «Welttheater» und Goethes «Faust I» wurde in Wettingen der Ruf laut nach «etwas Lustigem.» Ist Thomas Hürlimanns «De Franzos im Aargau» lustig?
Volker Hesse: Dieses Stück ist ein wuchtiger, erfolgreicher Schwank. Aber es ist bei aller Schwankkomik zugleich ein Werk, das am Rande des Krieges spielt ...

... und in dem die Männer eher feige gezeichnet sind?
Hesse: Ja. In diesem Stück harren die Frauen am Ort aus und erwarten den Feind, die Franzosen. Die Frauen reiben ihre Gesichter mit Mist ein, um so einer möglichen Vergewaltigung zu entgehen. Dann verirrt sich ein einzelner Franzose in das Dorf.

Foulon, Napoleons Schlachtenmaler.
Hesse: Genau. Und die Frauen entdecken mit einem Mal, wie attraktiv ein solcher Mann sein kann. Hürlimanns Stück ist kräftig und erotisch; der Boden dieser Komödie ist dunkel.

Und passt damit sehr gut zu einem düsteren Kapitel des Klosters Wettingen. Dieses ist in den Jahren 1798 bis 1803 von der Revolution stark betroffen ...
Hesse: ...und von den Franzosen ja auch besetzt worden.
Sie haben immer wieder Stücke von Thomas Hürlimann inszeniert. Was schätzen Sie an diesem Autor besonders?
Hesse: Ich bewundere Thomas Hürlimanns Fähigkeit, in sinnlichen Bildern zu denken, die auf Übersinnliches hindeuten. Er hat ein kluges Gespür für politische Brisanzen und: Er setzt sich immer wieder, ob in seiner Prosa oder in seinem dramatischen Werk, mit grosser Sensibilität mit dem Sterben auseinander.

Hürlimanns «Franzos» wurde im Ybriger Dialekt uraufgeführt. Es gibt aber auch eine hochdeutsche Fassung. Welche werden Sie in Wettingen spielen?
Hesse: Die schweizerdeutsche. Wir fragen uns allerdings, wie wir das mit dem Ybriger Dialekt lösen können. Eine gewisse Künstlichkeit wird es wohl geben, denn wir wollen nicht platt aargauisieren. Wir müssen einen Weg finden, um die poetische Qualität von Hürlimanns Text wiederzugeben.

Sie waren Intendant in Zürich und in Berlin; Sie inszenieren international und national: etwa beim «Einsiedler Grossen Welttheater» und bei den Tellspielen in Altdorf. Dort haben Sie mit Laien gearbeitet. Weshalb?
Hesse: Ich experimentiere gern. Die transdisziplinären Vermischungen interessieren mich, beispielsweise jene von Tanz und Schauspiel, aber auch von Profis und Laien. Das interessiert mich mehr, als in festen Kunstbahnen zu bleiben.

Führten Ihre bisherigen Erfahrungen als Intendant dazu, nach anderen Formen zu suchen?
Hesse: In Berlin habe ich das Maxim-Gorki-Theater geleitet. Ich begegnete dort einem Theater, das sich um sich dreht. Es gab Moden, Profilkämpfe und hektische Versuche, mit zynischem Zugriff die Aufmerksamkeit des Theaterpublikums auf sich zu lenken. Ich suche nach einem Theater, dessen Notwendigkeit mir einleuchtet.

Was reizt Sie, vor der grossartigen Klosterkirche Einsiedeln mit Laienschauspielern zu arbeiten?
Hesse: Schauen Sie, wenn dort 600 Mitwirkende vor 3000 Zuschauern spielen, entsteht eine Art von elementarer Erschütterung, die den ganzen Ort und die Umgebung erfasst. Eine Erschütterung, die der Grossstadtbühne oft abgeht.

Theater packt Menschen, berührt sie. Kann es sie auch verändern?
Hesse: Das kam mir jedenfalls als starkes Bedürfnis jener Menschen entgegen, mit denen ich in Einsiedeln und Altdorf gearbeitet habe.

Kann Wettingen auch Ort einer solchen, elementaren Erschütterung sein?
Hesse: Ich kann es mir vorstellen. Hier ist so vieles spürbar: die Klostergeschichte, die Helvetik, aber auch die Moderne.

Welches Konzept haben Sie für Ihre Inszenierung?
Hesse: Die erste Hälfte des Abends wollen wir als einen Gang in verschiedene Welten gestalten. Das Publikum wird in Segmente aufgeteilt und durch verschiedene Installationen geführt. Performance-artige Elemente sollen zu Empfindlichkeit und Nachdenklichkeit anregen. Die erste Hälfte ist ganz sicher nicht als Sommer-Entertainment gemeint.

Und die zweite Hälfte?Hesse: Wird wie ein Satyrspiel des Abends beschliessen.

Gilles Tschudi, den Sie seit Ihrer Intendantenzeit am Zürcher
Theater am Neumarkt kennen, wird den Foulon spielen. Wie werden Sie die anderen Rollen besetzen?
Hesse: Mit vielen Laien. Wir bauen auf Spiellustige aus dem ganzen Kanton Aargau.

Wie wollen Sie denn zu solchen gelangen?
Hesse: Durch Castings. Wir laden am 28. April vorerst zu einem Informationsabend für alle Interessierten ein. Daraus werden sich Kennenlern-Prozesse ergeben.

Haben Sie Laien gefunden, müssen Sie diese erst zu einer Truppe zusammenschweissen?
Hesse: Ja. Das wird spannend sein. Auf jeden Fall ganz anders als in Einsiedeln oder in Altdorf, wo in einzelnen Familien die Spieltradition von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Wird auch Musik in Ihrer Inszenierung eine Rolle spielen?
Hesse: Sicher. Wir haben Profi-Musiker wie zum Beispiel den Hackbrettspezialisten Töbi Tobler oder die Geigerin Bettina Boller, die mit experimentellen Streicherklängen arbeitet.

Ihr Klosterprojekt ist ehrgeizig. Was wünschen Sie sich?
Hesse: Lebendige, hochengagierte Probenprozesse und dann viel Zuschaukunst.