«Das leidendste Tier auf Erden erfand sich – das Lachen.» Ein schwerer Satz zum leichten Thema. Er stammt immerhin auch aus der Feder eines philosophischen Schwergewichts: Friedrich Nietzsche.

Ihm ist in der Ausstellung Basler Short Stories die Kammer #5 gewidmet. Ihm, dem Professor, dem das Klima in Basel nicht bekam. Kopfschmerzen, so stark, dass nur Opium half. Nach acht Jahren und der Veröffentlichung seiner ersten Bücher verliess er die Stadt Richtung Süden. Das Oberengadin hatte es ihm ebenso angetan wie die ligurische Küste. Der Hochsensible wusste: Die Wahl des falschen Wohnortes kann Dein Leben ruinieren.

Ein Engadiner ist es, der 139 Jahre nach Nietzsches Wegzug aus Basel, lacht. Oder zum Lachen einlädt. Der Künstler Not Vital beschäftigt sich bereits sein Leben lang mit Nietzsche. Und das ist lang. Vital feierte gestern seinen 70. Geburtstag. Der Weltenbummler startete seine Karriere in den Achtzigerjahren in New York. Er hat heute Ateliers in Peking, Rio de Janeiro und im Heimatdorf Sent. Er macht Land Art in Patagonien, im Niger oder in Indonesien.

Unlängst hat Vital das Schloss Tarasp gekauft und macht es zu einem öffentlichen Ort der zeitgenössischen Kunst. Weiter oben, im Südosten des Hochtals, liegt Sils Maria, Nietzsches Ort der Selbstverwirklichung. Sein Geist scheint heute noch am Himmel über der Halbinsel Chastè zu schweben. Oder zumindest sehen das seine Fans und Verehrer so.

Kein Wunder also hängt der Engadiner Künstler den deutschen Philosophen hoch an die Wand. Er tut es mit Gelächter. Denn Vitals Sinnbild für Nietzsche, diesen Umwerter aller Werte, ist der Schnauz. Rot und mächtig, aus Wachs gegossen, hängt er in der Kammer #5 und überstrahlt alle anderen Werke.

Der Schnauz als Maske und Fetisch

Nietzsches Schnauz: Der radikale Denker der ewigen Wiederkehr, der Aphoristiker mit unterschiedlichsten Masken, hat hinter diesem monströsen Haarbalken seine feinen Gesichtszüge, seine vollen Lippen versteckt – und ist so selbst zur machoiden Maske erstarrt.

In der grossen Retrospektive, die das Bündner Kunstmuseum Vital vergangenen Sommer ausgerichtet hat, war ein Foto zu sehen, auf welchem der Künstler diesen Riesenschnauz, dort aus weissem Gips, im Nietzschehaus in Sils Maria ins Bett des Philosophen legt. Wie ein Fetisch, der Gedanken und Träume beschwört. Ein Patient, der immer noch nicht geheilt ist, ein Allzumenschlicher, der mit seinem Übermenschen über das Ziel hinaus geschrieben hat, bevor er in Turin im Wahn ein Pferd umarmte.

Zu Fuss über Tintenspuren

Nietzsche war aber nicht nur Denker, sondern auch begnadeter Fussgänger. Gedanken, die nicht beim Gehen entstehen, sind für ihn keine Gedanken. Der Schreibtisch ist ihm demnach nur der Ort, wo er seine Gedankenbeute nach der Wanderung ablegt. Vital erinnert auf schelmisch doppeldeutige Weise daran.

Der Boden der gesamten Kammer #5 ist mit einem dunkelgrünen Teppich mit hellen Streifen ausgelegt. Es ist die überdimensioniert gewobene Schreibtischdecke aus Sils Maria, über die sich die Besucher dem roten Schnurrbart nähern. Die Flecken darauf entsprechen den Originalen aus getrockneter Tinte. Seinen «Zarathustra» soll Nietzsche auf diesem grünen Tuch notiert haben. Vital erinnert also an das Denken beim Gehen – und auch daran, dass die Böden im Museumsneubau suboptimal sind. Er legt den Mantel des Schweigens über diesen Architektenfehler.

Zwischen Pass-Port und Irrenanstalt

Schnauz und Teppich bilden die Klammer für viele Bezüge von Nietzsche zu Basel und zur hiesigen Kunstsammlung. Dionysos und seine Satyren betrinken sich. Böcklin ist mehrfach vertreten. Künstler des Irrationalen wie Max Ernst, André Masson oder de Chirico treten in Korrespondenz. Rodin zeigt den Männerkörper. Die Bezüge sind nicht offensichtlich. Der Katalog erteilt dafür kompetent Auskunft.

Die Vitrinen in der Mitte präsentieren Hintergründe. Da liegt der Passe-Port aus dem Jahr 1877, in welcher der «Bourgemestre» zivile Autoritäten und das Militär anweist, «Herrn Monsieur Nietzsche Friedrich sicher und frei passieren zu lassen». Da ist der «Wahnsinnsbrief» an seine Freundin Meta von Salis, gezeichnet mit «Der Gekreuzigte».

Und da liegt dieses Blatt aus dem Jahr 1899, welches das Leiden dieses «lachenden Tiers» erschütternd nüchtern dokumentiert: das Aufnahmegesuch in die Irrenanstalt Basel.