Art Basel

Kurator Samuel Leuenberger: «Der Parcours erzählt persönliche Geschichten»

Der Kunstkurator vor Ai Weiweis «Iron Tree»: Samuel Leuenberger.

Der Kunstkurator vor Ai Weiweis «Iron Tree»: Samuel Leuenberger.

Samuel Leuenberger kuratiert zum zweiten Mal den Parcours der Art Basel: Auf dem Münsterhügel zeigt er Kunst im öffentlichen Raum, von Ai Weiwei über Lena Henke bis Miriam Cahn.

Das Wort Parcours erinnert an einen Hindernislauf. Was war das grösste Hindernis, das Sie 2017 bei der Realisierung des Kunstparcours überwinden mussten?

Samuel Leuenberger: Alles ist komplexer geworden. Ich lud mehr Künstler ein, sich vor Ort ein Bild zu machen und etwas Spezielles zu kreieren. Dadurch wurden ganz andere Fragen aufgeworfen. Wir mussten mehr Abklärungen treffen, wie wenn wir einfach ein Werk übernommen und an einem Ort hingestellt hätten. Da tauchten plötzlich Fragen auf wie: Kann eine Werkgruppe auf verschiedene Plätze verteilt werden? Welches Departement in der Stadt ist für welchen Teil verantwortlich und bei wem muss man zuerst anklopfen? Klar war: Erst wenn ich ein Künstlerprojekt hatte, begann die Suche nach einem Ort. Ansonsten hätten wir zu viel Zeit verloren.

Was ist der grosse gemeinsame Nenner des Art-Parcours 2017?

Er verkörpert ein Stimmungsbild. Im letzten Jahr drehten sich viele Arbeiten um Migration, Flucht. In diesem Jahr ist der Parcours weniger politisch gefärbt, eher mit einer schönen Kette sehr persönlicher Geschichten vergleichbar: Von Ai Weiweis eisernem Baum über die vergrösserten Schüssel der US-Amerikanerin Amanda Ross-Ho bis zu den Brunnen, die die Belgierin Sophie Nys annektiert. Mit diesen persönlichen Geschichten reagieren die Künstler auf die verrückte Zeit, in der wir leben.

Etwa, indem sie sich mit der eigenen Biografie auseinandersetzen?

Ja, Ai Weiweis eiserner, karger Baum auf dem leeren Platz steht ja auch für die Natur selber. Auf dem Parcours erlebt man körperliche wie auch ruhige, besinnliche Augenblicke. Und beim Nachtprogramm am Samstag, der Parcours Night, stehen sehr theatralische, sehr musikalische Performances auf dem Programm.

Die Art Basel zeigt auch in der Messe grosse Installationen. Aber der Parcours in der Basler Altstadt ist für die Öffentlichkeit gedacht, nicht für den Markt. Macht ihn das für Galerien weniger interessant, müssen Sie hofieren gehen?

Es ist eine Mischung aus anfragen und auswählen. Ich kann nur 22 Projekte umsetzen, frage dafür viele Künstlerinnen und Künstler persönlich an. Für mich ist der Parcours das Tüpfelchen auf dem i der ganzen Messe, denn er ist das unkommerziellste, am freisten kuratierte Projekt an der Art. Und zum Glück sehen darin auch manche Galerien einen Vorteil, finden das gerade deshalb spannend. Natürlich erhalte ich auch ablehnende Feedbacks, von Galerien, die zu wenig Personal haben dafür. Es ist eine Knochenarbeit, alles aufzugleisen, auch weil am Ende der Parcours ja weitgehend von den Galerien finanziert wird.

Die Art Basel kommt nicht dafür auf?

Die Messe finanziert den Kontext und die Infrastruktur, erhält keine Standmiete. Die Galerien müssen nichts zahlen, aber das Werk transportieren und installieren und abbauen, das schon.

Was bei einem tonnenschweren Metallbaum von Ai Weiwei hohe Kosten mit sich bringt.

Das ist sicher eine kostspielige Sache. Aber es ist auch eine wichtige Arbeit für den Parcours, gerade Ai Weiweis Arbeit stellt einen Kontrast zu einer jungen, hippen Künstlergeneration her, ihnen ist gemein, dass sie mit ihrer Kunst aufwühlen wollen. Dass eine Galerie diesen Aufwand mittragen will, ist grossartig.

Der eiserne Baum von Ai Weiwei.

Der eiserne Baum von Ai Weiwei.

Was, wenn Jugendliche auf Ai Weiweis Baum raufklettern wollen?

Dann werden sie aufgehalten. Der Parcours ist öffentlich, aber es hat natürlich Aufsichtspersonen.

Und wenn es regnet?

Dann wird es spannend: Das korrodierende Metall wird den Baum verändern.

Bewegtes und Klingendes auf dem Art Parcours 2017

Bewegtes und Klingendes auf dem Art Parcours 2017

Ai Weiwei oder auch Miriam Cahn sind bekannte Namen. Auf der anderen Seite zeigen Sie auch junge KünstlerInnen. Dringt da Ihre Herkunft aus der Off-Space-Szene durch?

Ja, es gibt einige Künstler, die in den letzten zwei Jahren noch bei mir im «SALTS» ausstellten, etwa Lena Henke oder Flaka Haliti, die nun erstmals an der Art Basel vertreten sind, was beweist, wie schnell der Schritt vom kleinen Kunstverein zur Art Basel geschehen kann.

Was interessiert Sie an der Kunst?

Das Ausprobieren von Ausdrucksformen. Eigentlich wollte ich Werbegrafiker werden, aber mir wurde in jungen Jahren klar, dass mir die freie Kunst besser gefiel. Und mein Talent lag im Ausstellungsmachen. Mein erster Job war in einer Londoner Galerie, die Organisation von Ausstellungen gefiel mir sehr, da konnte ich eine eigene Vision einbringen, kreativ sein, aber nicht mit der eigenen Kunst. Das gefiel mir.

Sie haben jahrelang auch als Berater gearbeitet. Das klingt spannend. Haben Sie Messen besucht und die Sammlungen reicher Privatpersonen erweitert?

Ja, das ist tatsächlich so. Ich arbeitete für private Kunden aus ganz Europa und recherchierte für sie, zum Beispiel was sich in der chinesischen Kunst tut. Dabei reiste ich oft, etwa nach Peking, schaute mir die Szene dort an, half, eine Sammlung zu komplettieren oder schärfer zu positionieren. Mit der Beratung konnte ich meine ersten eigenen Ausstellungen finanzieren.

Im «SALTS», einem Off-Space in Birsfelden. So was klingt immer nach Idealismus.

Es ist purer Idealismus, bis heute. Mit diesem Projektraum wollte ich ganz zurück, an den Ursprung der Kunst.

Trotz der Unterstützung durch die öffentliche Hand, Sie erhielten ja unlängst auch den Baselbieter Kulturpreis.

Das ist eine schöne Wertschätzung. Aber man macht sowas ja in der Hoffnung, eine Resonanz zu erhalten, Gespräche zu führen. Der Aufbau eines solchen Orts dauert jahrelang, das begann alles ohne Geld, ganz bescheiden.

Am Anfang war es Ihr Spielplatz?

Ja, genau. Ich wollte ganz zurück, an den Ursprung der Kunst.

Sie hätten ja auch Karriere machen können, viel Geld, als Kunstberater bei einer Bank oder Versicherung.

Ja. Ich wollte nach zehn Jahren im Kunstgeschäft wieder bei Null beginnen: nicht für wen anders arbeiten, nur mit einem Werk anfangen, das ich in einen Raum stelle, ohne Pressebericht, ohne Werbung. So baute ich alles von Grund auf.

Und heute?

Ist «SALTS» ein «normaler» Raum, mit öffentlichen Events, Vermittlungs- und sonstigen Projekten. Ich habe zehn bis zwölf Ausstellungen pro Jahr, stecke aber noch immer viel freie Zeit rein.

«SALTS» in eine Galerie zu verwandeln, ging Ihnen das nie durch den Kopf?

Nein, das wollte ich nicht. Ich arbeitete ein paar Jahre im Auktionshaus Christie’s, was ein extremes Beispiel ist für die Funktionsweise des Marktes. Da geht es wirklich um den reinen Handel, das Kaufen und Verkaufen und das Geld, das den Besitzer wechselt.

War es schlimm?

Nein, es war sehr lehrreich für mich, durchaus faszinierend auch. Man sieht so viel Kunst aus allen Perioden, das ist der helle Wahnsinn. Ich konnte mir Sammlungen anschauen, die noch nie jemand gesehen hatte ausser den Besitzern.

So genossen Sie ein Kunstgeschichtsstudium im Schnelldurchlauf?     

(lacht) Kann man so sagen, ja.  Dabei entdeckte ich auch Künstler, die gar nie am Markt bestanden hatten… Es war eine spannende Schulung für mich, und ein interessanter Austausch mit den Besitzern.

Ist das so abgefahren, wie ich mir das vorstelle? Fuhren Sie zu Villenbesitzern und schauten sich in Kellern private Sammlungen an, von denen wir alle nichts ahnen, dass es sie gibt?

Ja, genau so war das. Ich war Experte für Postwar and Contemporary Art und musste in erster Linie zu Leuten heimgehen, um ihre Sammlungen zu schätzen und war auch für die Londoner Auktionen zuständig. Da erlebt man schon verrückte Sachen: Man soll eine prä-kolumbianische Sammlung schätzen, diese stellt sich allerdings als Fake heraus. Man muss den Besitzern sagen, dass sie reingelegt wurden, erblickt daneben aber einen Tisch, den die Besitzer auf dem Flohmarkt fanden. Worauf sich herausstellt, dass es eine wahnsinnig wertvolle Tempeltüre aus Asien ist. Das sind die verrückten Momente, die man bei einem Auktionshaus erlebt. Man hat Zugang und Nähe zu Werken wie sonst nirgends. So konnte ich auch mal einen Picasso aus dem Rahmen nehmen, das Bild umdrehen. Im Museum gelten ganz andere Arbeitsbedingungen.

Freier Kurator ist das, was Sie am glücklichsten macht?

Ja. In der Kunst gibt es viele spannende Jobs, aber am Schluss muss man im kommerziellen Kontext immer einen Deal machen – und dieser Aspekt hat mich nie so interessiert. Mir geht es um das Kontextualisieren, die inhaltliche Auseinandersetzung.

Haben Sie denn auch Abtörnendes erlebt auf dem Kunstmarkt?

Klar, wie in jedem Geschäft sieht auch im schönen Kunstgeschäft in die Abgründe der menschlichen Gier. Manche wollen immer einen Profit rausschlagen, es gibt Clans, die einen Markt manipulieren möchten. Vielleicht fühle ich mich ja eben auch so wohl in meinem Projektraum, weil ich da mit solchen Auswüchsen gar nicht in Berührung komme. Denn ich gebe da den Idealismus wieder der Kunst zurück.

Art Parcours: 12. bis 18. Juni, Basel. www.artbasel.com

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