Laura de Weck, Ihr Stück »Direkt Demokratisch Love» ist eine Liebeserklärung an die direkte Demokratie. Muss man im Ausland leben, um eine Solche machen zu können?

Laura de Weck: (lacht) Ja, vielleicht. Obwohl: Ich hab mich zum Teil sehr über Volksentscheide in der Schweiz geärgert.

Über welche?

Die Masseneinwanderungsinitiative oder auch diejenige zu den Minaretten. Bei dieser Abstimmung, begann ich mich zu politisieren. Es wurde mir klar, dass ich mich aktiv an diesem Diskurs beteiligen möchte.

Von Deutschland aus?

Ich bin ja regelmässig in der Schweiz, in Zürich, Basel oder in Graubünden. Zur Zeit der vielen Ausländerinitiativen hatte ich den Eindruck, dass sich die Grundstimmung im Land verändert. Der Höhepunkt dieser Jahre war die Masseneinwanderungsinitiative, gegen die ich ein Musik-Video produziert habe. Damals haben sich noch wenige Künstler politisch engagiert. Das ist jetzt völlig anders. Sehr viele sind inzwischen politisch mobilisiert. Da spielt der Trump-Effekt mit. Plötzlich merken wir, dass die Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und durchaus in Gefahr geraten kann.

Deshalb also die Liebeserklärung an unsere Demokratie?

Ich bin ernsthaft begeistert von unserem direktdemokratischen System. Denn es grenzt niemanden aus dem politischen Gespräch aus. Alle demokratischen Akteure, das Parlament, die Gerichte, die Regierung, die Bevölkerung: Alle können teilnehmen. Und weil niemand ausgeschlossen wird, sind viel weniger Menschen politisch frustriert oder werden gewalttätig.

Direkte Demokratie wirkt gegen Extremismus?

Wir haben wenig politische Gewalt in der Schweiz. Wenn wir wütend sind auf politische Entscheide, haben wir die Möglichkeit zu handeln. Wir haben das Initiativrecht. In der Schweiz ist man als politischer Bürger nicht machtlos.

Wird das in ihrem Umfeld in Deutschland vermisst?

Definitiv, ja. Es gibt immer mehr Bewegungen, die gerne mehr Volks- und Bürgerentscheide hätten. Früher haben die Grünen für diese direktdemokratischen Instrumente gekämpft. Seit der Flüchtlingsdebatte ist es die CSU, die ein Mitbestimmungsrecht der Bevölkerung einfordert.

Und die AfD ...

Genau. Jetzt werden diese Volksentscheide plötzlich als Machtinstrument der Rechten angesehen. Deshalb möchte ich mit meinem Theaterabend eine Theorie beliebt machen: Gerade nach Volksentscheiden wie der Trump-Wahl oder dem Brexit brauchen wir mehr Mitwirkung, nicht weniger, um dem Populismus zu entkommen.

Würden die Franzosen, Deutschen oder Italiener nicht auch gegen einen Verbleib in der EU stimmen?

Da würde ich mir auch sorgen machen. Aber es geht eben gerade nicht um solche solitären Abstimmungen, in denen die Leute einmal in zehn Jahren teilnehmen können. Es geht darum, dass eine direkte Demokratie die Menschen regelmässig in solche Prozesse einbindet. Erst dann greift die Gewaltenteilung. Echte Demokratie bedeutet, dass die Gewalten langfristig geteilt sind.

Bei uns gibt es sehr viele, sehr komplexe Abstimmungen, wie die zur Unternehmensteuerreform.

Natürlich ist unser System nicht perfekt. Die Ausländer dürfen zum Beispiel nicht abstimmen. Die Finanzierung der Parteien ist intransparent. Der Vorwurf, dass gewisse Vorlagen zu komplex sind, stimmt. Auch ich kapier da nicht immer alles. Aber wenn man der Bevölkerung nichts zutraut, dann lernt sie auch nichts. Erst wenn man die Leute an Fragestellungen beteiligt, beginnen sie, sich zu informieren. Erst dadurch wird die Gesellschaft politisiert. In diesem Sinne ist direkte Demokratie ein laufender Bildungsprozess.

Sie schreiben im Dossier zum Stück, dass Sie sich privaten und zärtlichen Momenten im lauten Abstimmungskampf widmen.

Die Abstimmungskämpfe werden teilweise sehr aggressiv geführt. Das führt auch zur Diskussion, wie wir, beispielsweise in den sozialen Medien, miteinander umgehen. Mein Musiker und ich versuchen an diesem Abend, diese Aggressionen aufzufangen. Einerseits durch Musik. Anderseits auch durch sehr persönliche Zugänge. Wir zeigen beispielsweise auf, was der kommende Brexit für reale Auswirkungen auf ein junges Paar mit einer Fernbeziehung haben kann.

Eigentlich müssten Sie das Stück ja in Deutschland zeigen.

Wir zeigen es auch in Hamburg und Berlin. In leicht abgewandelter Form.

Dann ist Laura de Weck als Botschafterin für die direkte Demokratie in Deutschland unterwegs?

(lacht) Ja, vielleicht. Als künstlerische Botschafterin.

Sie wählen für Ihr neustes Stück die Form der Lecture Performance. Können Sie die unseren Lesern bitte kurz erklären?

Eigentlich halte ich eine Rede, gemeinsam mit einem Musiker, weil ich gewisse Dinge nicht in Worte fassen kann. Da hilft er mir dann etwas nach (lacht).

Haben Sie die ideale Form als Autorin und Schauspielerin gefunden?

Ich denke schon. In diesem Format kann ich alles verbinden: Spielen, Schreiben und Musikalität. Zudem ist es eine schlanke Form mit wenig Vorlauf. Das kommt meiner Lebenssituation als Mutter entgegen.

Ist das Redenhalten ihre Vorbereitung auf die Politik?

Die Frage ist, was macht man, wenn man mit den politischen Verhältnissen unzufrieden ist? Ich hab die Möglichkeit Kolumnen zu schreiben, ich mache Theater. Aber bewegt das wirklich etwas? Würde realpolitisches Engagement nicht mehr bewirken?

Bewirkt die Kunst zu wenig?

Es gibt immer direkte Reaktionen. Darum liebe ich ja das Theater: wegen dem Gespräch beim Bier nach der Aufführung!

Ist der Kulturbetrieb nicht auch eine Blase, in der man nur Gleichgesinnte erreicht?

Keineswegs. Bei meinem letzten Stück «Espace Schengen» waren die Zuschauer gar nicht nur meiner Meinung. Aber ich geb zu: Das Theater steckt in einer Relevanzkrise. Die Themen werden mehr von Fernsehserien oder der Musik gesetzt. Ich glaub jedoch, dass wir das Theater wieder anders gestalten können. Gesellschaftspolitischer, weniger auf die Klassiker bezogen, nur weil diese Zuschauer bringen. Max Frisch hat auch Stücke mit direktem politischen Bezug geschrieben, wenn es nötig war. Und heute wäre das eben nötig.

Sie haben die Frage noch nicht beantwortet: Spielen Sie mit dem Gedanken, irgendwann in die Politik zu gehen?

Ehrlich gesagt, habe ich es mir noch nie ernsthaft überlegt. Dafür liebe ich das Theater zu sehr. Diese Welt der Behauptung, der Erfindung. Die wird uns ja derzeit von der Politik streitig gemacht. Sie macht jetzt die Show und spielt mit sehr theatralen Mitteln. Ich wünsch mir wieder etwas mehr Drama im Theater und weniger in der Politik, damit diese wieder anfangen kann, feinstofflicher zu arbeiten.