In ihrem Roman «Der barmherzige Hügel. Eine Geschichte gegen Thomas» liess die Basler Jungautorin Lore Berger eine Protagonistin im Bruderholz vom Wasserturm stürzen. Die Szene wurde auf tragische Art und Weise von der Realität eingeholt: Die Autorin wählte 1943, wenige Monate nach Fertigstellung dieses Manuskripts, denselben Freitod. Sie war gerade mal 21 Jahre alt.

Die Regisseurin Katrin Hammerl nimmt diesen Stoff auf und bringt mit «Esther, eine Geschichte vom Bruderholz» eine Monologfassung des autobiografisch geprägten Romans als Uraufführung ins Theater Basel.

Voller Kraft und Eloquenz

Wie kann man eine solche Geschichte erzählen, ohne in die Fallen der Sensationslust oder der Melancholie zu tappen? Die Antwort ist: Nicht von ihrem Ende her. Wer in der Figur Esther, die als alter Ego Lore Bergers durch das Bruderholz spaziert, eine leise, traurige Gestalt erwartet, wird eines besseren belehrt, sobald die Schauspielerin Leonie Merlin Young (28) zu sprechen beginnt. Sie spielt Esther voller Kraft, Witz und Eloquenz. Und Hunger nach Leben.

Es sind nicht die blonden Haare, die Schlankheit oder das jugendliche Alter, die es ausmachen, dass die jüngste Schauspielerin des Ensembles perfekt in die Rolle der Esther passt. Es ist ein tiefes Verständnis für die Jugend, die scharfe Ironie, die Sehnsucht und die Verletzlichkeit ihrer Protagonistin.

Das Leiden der jungen Literatin

Bergers Schreibtalent zeigt sich in Esthers Erzählungen. Sei es ein witziges Gespräch mit dem Hund und der Hausspinne oder wie Sie den verlorenen, geliebten Thomas anspricht: Gebannt hört man ihr zu. Man folgt ihr und Thomas, der ein unglaublicher Casanova zu sein scheint, Treppe für Treppe in den Wasserturm, in dem sie sich küssen.

Mit scharfer Feder zerfetzt Esther dann auch ihre Konkurrentinnen. Und kommt trotzdem nicht von ihrer Liebe los. Sie leidet tiefgreifend daran, und ebenso an der Enge ihrer bürgerlichen Lehrerfamilie sowie den fehlenden Möglichkeiten, als Frau in dieser düsteren Zeit ihrer künstlerischen Berufung nachzugehen und Anerkennung zu finden. Wie Lore Berger verhungert die Figur Esther beinahe, sie erkrankt an Magersucht und erhält Bluttransfusionen.

Nebst Thomas, dessen Vorbild im Leben Lore Bergers einen anderen Namen trug, gibt es noch eine zweite grosse Liebe im Leben der sensiblen jungen Frau: den Wasserturm auf dem Bruderholz. 1926 erbaut, ist er ein paar Jahre jünger als sie. Immer wieder taucht er in der Erzählung auf, verbindet Geborgenheit und Sehnsucht, Liebe und Tod.

In ihrer Beschäftigung mit Lore Berger haben Young und Hammerl nicht nur den Wasserturm mehrmals begangen und mit Videokünstlerin Tabea Rothfuchs bildhaft eingefangen. Sie hatten auch die Gelegenheit, den Bruder Lore Bergers zu besuchen.

Späte Entdeckung

Edgar-Louis Berger ist 91 Jahre alt und bewohnt zusammen mit seiner Frau das Haus am Thiersteinerrain, in dem seine Schwester ihren Roman abends nach der Arbeit als Sekretärin verfasst hatte. Berger zeigte der Schauspielerin und Regisseurin das Zimmer, in dem Lore lebte, sowie Fotos aus der Zeit und kleine Manuskripte. Der Bruder wusste damals nichts von ihrem Roman, der im Entstehen war.

Über die Uraufführung desselben freut er sich sehr. Gemeinsam mit Charles Linsmayer wird er sich das Stück am Theater Basel anschauen. Linsmayer hatte dem Buch 1981 durch eine Neuauflage zum Durchbruch verholfen.

Trotz den witzigen Darstellungen des Basler Totentanzes und den poetischen Naturbeschreibungen rund ums Bruderholz ist der Roman auch in Basel in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, und zum Glück nicht für lange. Eine erweiterte Neuauflage ist für 2018 geplant. Literarisch steht es dem ebenfalls von Linsmayer ausgegrabenen «Das glückliche Tal» von Annemarie Schwarzenbach in nichts nach.

In Zeiten, in der sich andere Autoren in den Dienst der geistigen Landesverteidigung gestellt hatten, gelang es Lore Berger, in einer bewegenden Aufrichtigkeit ein Empfinden von Einsamkeit und Enge festzuhalten, das auch über ihr persönliches Schicksal hinaus weist.

Die Theaterfassung, «Esther. Eine Geschichte vom Bruderholz», ist nicht nur Hommage an das Bruderholz, nicht nur an einen jungen Menschen in düsteren Zeiten, sondern auch an eine Autorin voller Erzählkraft, Humor und dunkler Poesie.

Uraufführung: «Esther. Eine Geschichte vom Bruderholz». Nachtcafé, Theater Basel. Premiere: 10. November, 20 Uhr.