Essay

Lyrik macht Wangen rot vor Aufregung: Ein Plädoyer für den uralten Stoff der Dichtungen

Nora Gomringer denkt schon beim Frühstück an Lyrik.

Nora Gomringer denkt schon beim Frühstück an Lyrik.

Zur Einstimmung auf das 15. internationale Lyrikfestival, das vom 26. bis 28. Januar im Literaturhaus Basel stattfindet, haben wir die schweizerisch-deutsche Lyrikerin Nora Gomringer um diesen Essay gebeten.

Manchmal nützt sie gar nichts. Da ist einem gerade die Tür zugefallen und man schlägt sich mit der Handfläche auf die Stirn und flucht. Dann hilft ein Gedicht nie. Man braucht einen Schlüssel. Bei vielen anderen Situationen kann Lyrik erstaunlich viel. Das Aufsagen-Können eines Gedichtes gilt als eine geheime Superkraft.

Man sieht sie ihrem Träger nicht an, er kann sie einfach aus dem Ärmel schütteln und damit einen ganzen Raum verändern, ja, verwandeln. In Irland weiss man das, in Kenia hab ich es erlebt, auf Bühnen pflegt man es, in Basel wird mit dieser Formel ein Festival gebraut.

Die Lyrik, diesen Zauber- und Wirkstoff, zu betrachten, lohnt sich. Sie ist global, spricht die Sprachen der Welt, sie ist uralt und dabei immer neu, jede Generation betrachtet sie anders. Zeitweise wird sie verschmäht, auch an den Orten, die man ihr widmet – Deutschstunden etwa –, funktioniert sie oft nicht richtig. Man braucht ein Leben lang Zeit für das scheue Tier genannt Lyrik.

Das kann man nun schlecht Schülerinnen und Schülern erklären, die es so eilig haben, vom abgesperrten Bereich des Pools ins offene Weite hinaus zu schwimmen. Aber schon sie haben mit ihrem Drängen und Lärmen die Wunden und Fragen, die für Lyrik empfänglich machen, obwohl sie von fester Lederhaut mit guter Imprägnierung umgeben scheinen und Zärtliches daran abperlt. Doch ist diese Zeitspanne die, die Dichter entstehen lässt.

Kein Dichter, der als Erwachsener hervortritt, der nicht schon als Jugendlicher gerne Gedichte gelesen und geschrieben hätte, dies aber selten kundgetan hat. Es sind die Lehrjahre der Seele. Wie hilfreich und verschwiegen ist da das Blatt, das auf den Zögernden oder den Forschenden wartet. Ich schreibe, wie ich schreibe, weil ich Rückert und Heine las und mir erträumte, eine Dichterin wie Janet Frame zu werden.

Vielleicht zur Begriffsklärung noch einmal: Die Lyrik ist der uralte Stoff der Dichtungen. Dichtung hat nichts mit Reimen zu tun, ausser sie ist gereimt. Der Dichter ist der Stoffverarbeiter, gleich einem Fabrikanten, der die lyrischen Stoffe besorgt, walkt, bearbeitet, formt, färbt, spinnt, webt. Man kann ihn daraufhin Lyriker nennen, aber Dichter bleibt er. So wie man den Bäcker als Zuckerbäcker präzisiert. Das ist ein Schlüssel zum Aufsperren der Tür, vor der man – bei aller Metaphorik – steht: besseres Verständnis der Begrifflichkeiten.

Wie aber kann nun Lyrik Leben retten? Gar nicht, ausser ein Lyrikband wird als Auflage für einen Druckverband hergenommen und stoppt den Blutfluss. Doch eigentlich tut Lyrik das Gegenteil: Sie beschleunigt das Blut. Sie macht Wangen rot vor Aufregung, wenn man zum Beispiel Gedichte in Übersetzung hört, wie ich letzthin Mirko Bonnés Entsprechungen von Emily Dickinsons Texten. Wie schwungvoll und gekonnt da zwischen den Sprachen umhergegangen wird.

Auch das kann die Lyrik wie ihre Schwester, die Musik. Literaturphobikern lege ich sie ans Herz, denn meist ist sie in einem Blick erfassbar, kann komprimierte Beobachtung liefern und könnte so besonders rational denkende Menschen sehr erfreuen. Ob Konstellationen Eugen Gomringers, Bildgedichte des Barock, Igelgedichte Franz Hohlers, Naturelegien Jan Wagners oder Nico Bleutges, Tieroden à la Sabine Scho oder Moosaufzählungen von Marion Poschmann, Gedichte durch Beobachtungen wie die von Nadja Küchenmeister oder Gedichte, die im Ton denen von Rocksongs der 1970er anmuten, von Michael Wildenhain, sie alle liegen auf meinem Nachttisch und zögern Morpheus’ allabendlichen Besuch um immer noch einen und noch einen Text hinaus. Es bleibt dabei. Leben kann sie nicht retten, die Lyrik.

Sie kann das Ertragen der Welt ermöglichen durch eine kurze Perspektivverschiebung. Bei Depression etwa empfehle ich neben dem Durchblättern von zoologischer Fachliteratur die Lektüre Mascha Kalékos oder Ilma Rakusas. Zwei Dichterinnen, die das Leben im Text mutig und unverzagt in den Blick nehmen, bei allem Verständnis fürs Verzagen. Bei einem längeren Klinikaufenthalt empfiehlt sich ein Lyrikkalender neben dem Bett. Da hat man jeden Tag etwas zum Nachdenken und Drandenken und vielleicht sogar Auswendiglernen, während einem die Knochen heilen.

Für mich war die Lyrik immer eine Form der Selbstverteidigung, und als ich den Film «Karate Kid» sah, verstand ich, dass Lehrmeister Miyagi wohl auch ein Dichter war. Phasenweise war ich ein Aussenseiter in der Schule, und die Einsamkeit wurde nur genommen von einem Bobrowski-Band in der Hosentasche, Else-Lasker-Schüler-Gedichten auf den Lippen, vom «barbaric yawp» Walt Whitmans im Ohr und natürlich Run DMC, Rage against the Machine und Schumanns Liedern.

Lyrik tut gut in allen Lebenslagen und ist vereinbar mit einem busy, professional lifestyle, denn heute noch trage ich Gedichte bei mir. Ich gehe nicht ohne einen Lyrikband oder eine Anthologie, ein Gebet- oder Gesangbuch auf Reisen. Aber was tun, wenn man da vor der anfangs beschriebenen zugefallenen Tür steht, eventuell noch im Morgenmantel? Mit Glück (und etwas Vorsorge) hat man Lektüre in den Taschen und seis auf den zahlreichen Lyrikblogs und Seiten im Internet oder den Bildgedichten auf Instagram, die das Natel einem neben der Nummer vom rettenden Schlüsseldienst verrät, auf dass es heisst: «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! ...»

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