Oper

«Madama Butterfly»: Draussen flogen die Fetzen, innen die Rosen

Das gestische Repertoire des japanischen Nô-Theaters lässt das tragische Ende von Madama Butterfly vorausahnen. Teatro alla Scala

Das gestische Repertoire des japanischen Nô-Theaters lässt das tragische Ende von Madama Butterfly vorausahnen. Teatro alla Scala

Puccinis «Madama Butterfly» eröffnete die neue Spielzeit der Mailänder Scala – inmitten politischer Tumulte.

13 Minuten Applaus und eine Minute Protest, so zogen am Mittwoch die italienischen Medien Bilanz nach dem Premierenabend an der Mailänder Scala. Traditionell am 7. Dezember, dem Namenstag des Stadtheiligen Ambrosius, startet die neue Spielzeit, versammeln sich Prominente aus Politik, Wirtschaft und der «High Society»: Frauen in Designer-Roben und glänzenden Pelzmänteln, Männer in schwarzen Samt-Capes und weissen Seidenschals traten sich im Blitzlichtgewitter im Foyer gegenseitig auf die Füsse.

Die Böllerschläge von draussen beeindruckten sie wenig. Sie fühlten sich sicher. Der Platz vor dem Theater war hermetisch abgeriegelt. Die Kartenkontrolle begann zwei Strassenecken vom Theater entfernt. So kam kein Protest in die Nähe der Gäste. Ohnehin hatte sich nur eine kleine Gruppe Linksradikaler versammelt.

Kaum länger als eine Minute dauerte der direkte Zusammenstoss zwischen Polizei und Demonstranten, als diese versuchten, eine Absperrung zu kippen und dabei Rauchbomben, Eier und Gemüse warfen.

So war die Politik präsent, obwohl Staatschef Sergio Mattarella, Senatspräsident Pietro Grasso und Kulturminister Dario Franceschini wegen der Regierungskrise in Rom abgesagt hatten. Scala-Intendant Alexander Pereira verlas stattdessen eine Botschaft Mattarellas.

Das Orchester spielte die Nationalhymne, alle Besucher standen auf, viele sangen mit. Während der Vorstellung gab Ministerratspräsident Matteo Renzi im fernen Rom seinen Rücktritt bekannt. In der Scala hielt man unbeeindruckt nach Promis Ausschau: Unter den Gästen sollen auch Schauspieler Roger Moore und Spaniens Ex-König Juan Carlos gewesen sein, so wie zahllose italienische Stars und Sternchen.

Zurück zum Original

Sie alle klatschten und jubelten begeistert nach der dreistündigen «Madama Butterfly». Am meisten Applaus erhielt Riccardo Chailly. Wohl auch für seinen Mut, die Originalfassung der Oper auf die Bühne zu bringen. Vor 112 Jahren hatte das Werk am gleichen Ort Spott und Verachtung geerntet. Entgegen der Gewohnheit hatte Puccini nur zwei statt der üblichen drei Akte komponiert.

Auf Druck seines Verlegers teilte er das Werk schliesslich doch in drei Akte und kürzte es um 1000 Takte. So wurde es ein Erfolg. An der Scala war nun – wie von Puccini intendiert – das persönliche Drama von Madama Butterfly ohne weitere Pause erlebbar.
Im ersten Akt wird die gerade 15-jährige Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, mit dem amerikanischen Marineoffizier Pinkerton verheiratet.

Er kauft sie für 100 Yen, sieht sie als Spielzeug und weiss bereits, dass er seine richtige Ehefrau in den USA heiraten wird. Sie konvertiert zum Christentum, wird dafür von ihren Verwandten verflucht und erhofft sich ein schönes Leben mit ihm. Trotz dem Zynismus von Pinkerton – gesungen vom strahlenden, weichen Tenor Bryan Hymel – ist das Liebesduett am Ende des ersten Akts herzzerreisend schön.

Der zweite Akt ist von Butterflys Leiden geprägt: Der Ehemann lässt sich nicht mehr blicken. Es ist eine grosse Partie, die Maria José Siri mit Bravour meistert. In den tieferen Lagen weist ihre Stimme ein angenehm dunkles Timbre auf, in den Höhen überzeugt sie mit Kraft und Emotion. Dem italienischen Opernpublikum ist die Puccini-Spezialistin nicht unbekannt. 2013 sang die Uruguayerin die Arie ihrer Hoffnung, «Un bel di vedremo», im italienischen Fernsehen.

Auch dieses Mal gab es landesweite Live-Übertragungen und ein Public Viewing in der Mailänder Shoppingmeile «Corso Vittorio Emanuele II». Szenisch blieb der lettische Regisseur Alvis Hermanis originalgetreu und realistisch.

Dank dem gestischen Repertoire des japanischen Nô-Theaters lässt er das Unheil vorausahnen. Butterfly hat sich in ihrer unterwürfigen Liebe zu Pinkerton selbst aufgegeben. Als er nach drei Jahren mit seiner amerikanischen Ehefrau im Schlepptau wieder auftaucht, sieht sie keinen anderen Ausweg als den Ehrentod durch Harakiri. Die japanische und amerikanische Kultur prallen hier unvereinbar aufeinander.

Für Alvis, der sich stolz als Konservativer bekennt, sich dem linkspolitischen Diktat der Kunstwelt nicht beugen möchte und in die Schlagzeilen geriet, als er ein Engagement am Thalia Theater aufgrund der dort herrschenden Refugees-welcome-Haltung absagte, hätte dieser «Clash of Cultures» durchaus mehr politisches Deutungspotenzial gehabt. Aber die aktuelle Politik spielte sich hier für einmal nur vor der Oper ab und drinnen flogen statt Gemüse nur weisse Rosen.

Madama Butterfly Theatro alla Scala, Mailand. Weitere Vorführungen am 10., 13., 16., 18., 23. Dez. sowie am 3. und 8. Jan.

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