Literaturhaus Basel

Max Czollek: Heimat und Leitkultur im Visier

Max Czollek, deutscher Lyriker, Publizist und Coach.

Max Czollek, deutscher Lyriker, Publizist und Coach.

Metaphern sind Glückssache. Besonders, wenn sie komplexe politische Verhältnisse beschreiben wollen, kann man an ihnen fantastisch scheitern. Eins vorweg: Schon nur was Max Czollek in seinem neuen Essay «Gegenwartsbewältigung» an Metaphernarbeit leistet, ist so originiell, dass man ihn unbedingt lesen muss. Am Dienstag ist er im Basler Literaturhaus zu Gast.

Seit Umberto Eco hat kaum einer eine so verblüffende Kombination aus wissenschaftlicher Gesellschaftsanalyse und unterhaltender Literatur hingelegt. Vielleicht liegt es daran, dass Max Czollek auch Lyriker ist. Der Berliner Politikwissenschaftler promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung und ist Mitglied des Lyrikkollektivs G 13. Bekannt ist er spätestens seit seiner Streitschrift «Desintegriert euch!»

Antifaschismus hat an Bedeutung verloren

«Gegenwartsbewältigung» beschäftigt sich unter anderem mit der Vermessenheit und Problematik der Begriffe «Leitkultur» und «Heimat» und ihrer Verbindung zum Faschismus der Gegenwart. Während nach 1945 nichts klarer war, als dass das Fundament, auf dem das postnationalsozialistische Deutschland errichtet wird, der Antifaschismus ist, hat dieser existenzielle Wert an Bedeutung verloren. Davon erzählen beispielsweise ein Schulterschluss bürgerlicher Parteien mit der AfD sowie die fast wöchentlich neuen Enthüllungen über Nazis in deutschen Institutionen.

Eine besonders paradoxe Rolle spiele dabei gerade die sogenannte einwandfreie Vergangenheitsbewältigung: «Erst musste Deutschland nach der sogenannten Wiedervereinigung zum Erinnerungsweltmeister werden, der die Vergangenheit allen Pogromen und Grundgesetzänderungen zum Trotz angeblich perfekt bewältigt hatte, bevor es den Deutschen möglich wurde, zur Fussball-WM 2006 ungehemmt Deutschlandfahnen zu schwenken und beim Public Viewing mehrstimmig die Nationalhymne zu rülpsen.»

Czolleks Sprache ist pointiert. Man findet bei ihm nicht bloss die Bezeichnung Heideggers als «Naziphilosophen», sondern ebenfalls eine Analyse, warum solche Bezeichnungen möglicherweise ein falsches Unbehagen auslösen. Einer möglichen Hemmung, Heidegger als Naziphilosophen zu bezeichnen, liegt nicht nur eine auf «Ausklammerung solcher Hauptsächlichkeiten» basierende Verharmlosung zu Grunde, sondern ebenfalls ein Kunstverständnis, das Kunst und Literatur komplett von Biografie und Politik trennt. Czollek weist auf die Wurzeln und die blinden Flecken eines solchen Kunstverständnisses hin und spricht sich deutlich für eine Kunst aus, die Verantwortung übernimmt.

Gefährliche Hufeisentheorie

Wie sehr die politische Mitte ihre Verantwortung im Kampf gegen den Faschismus vernachlässige, zeige ihre problematische Aneignung der sogenannten «Hufeisentheorie», die linken Aktivismus mit rechtem Aktivismus gleichsetzt. So verabschiedete die CDU ausgerechnet im Jahr der Ermordung ihres Abgeordneten Walter Lübcke durch Rechtsradikale und dem Terroranschlag in Halle auf eine Synagoge einen Aktionsplan gegen – linke Gewalt. Hier bringt Max Czollek eines seiner Sprachbilder ins Spiel: «Der Parasit Toxoplasma gondii befällt Mäuse, die darauf ihre Angst vor Katzen vergessen. Kommt eine vorbei, flieht die Maus nicht vor ihrem Fressfeind. Die Katze ist der Rechtsextremismus. Der Parasit die Hufeisentheorie. Die Maus ist die bürgerliche Mitte.»

So stark Czollek beim Finden von Sprachbildern ist, ist er auch in seiner Kritik von Modellen. Politik folge «keinen ästhetischen Gesetzen wie dem Goldenen Schnitt», und gerade die drastischen Massnahmen zur Bekämpfung der Coronakrise zeigen, dass es im Kampf gegen rechte Gewalt nicht an politischen Mitteln fehle, sondern an einem mangelnden Willen einer selbsterklärten bürgerlichen Mitte.
Im Zusammenhang mit dem rechten Hass gegen Muslime weist Max Czollek darauf hin, was für ein doppelter Hohn es sei, wenn dazu ausgerechnet in Deutschland das Fantasiegebilde des sogenannten «jüdisch-christlichen Abendlandes» hinhalten müsse.

Komplex, witzig und relevant

Nach der messerscharfen Analyse der Vergangenheit setzt Czollek dieser ein Programm der «radikalen Vielfalt» entgegen, das durch den Begriff des Verbündet-Seins Hoffnung auf eine Solidarität macht, die für alle gilt. «Gegenwartsbewältigung» ist komplex, witzig und relevant. Und doch ist es auch ein Schlag in die Magengrube. Es erschlägt einen nicht durch seine Komplexität, sondern durch die Ernsthaftigkeit der Lage. Dadurch politisiert es stark. Und wirkt
somit möglicherweise in die
Zukunft.

Literaturhaus Basel
Max Czollek. Gegenwartsbewältigung; morgen Dienstag, 19 Uhr.

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