Max Frisch
Max Frisch ist nicht vergessen

Mit ihrem Buch «Sturz durch alle Spiegel» hat die Frisch-Tochter Ursula Priess das Feuilleton aufgescheucht. Zeit zu fragen: Wie ist das Frisch-Bild heute?

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Max Frisch

Keystone

Marco Guetg

«Das Frisch-Bild ist stereotyp geworden» Stimmt meine Wahrnehmung, dass sich das Bild von Max Frisch seit seinem Tod 1991 stark geändert hat? Peter von Matt: Das Frisch-Bild in der Öffentlichkeit ist merkwürdig stereotyp geworden. Man meint ihn zu kennen und kennt ihn immer weniger. Er, der gegen die Fixierung der Menschen durch Klischees gekämpft hat, ist heute ein Opfer gerade dieses Vorgangs. Dazu kommt, dass Frisch heute in den Medien fast reflexhaft und ohne Begründung negativ akzentuiert wird. Das führt dann auch zu krassen Informationslücken. Aufregende Frisch-Inszenierungen im Ausland, kürzlich etwa in Paris und London, werden hier nicht erwähnt. Woher kommt dieses Negativbild? von Matt: Es ist die alte Journalistenkrankheit: Man schreibt, was die andern schreiben, denkt, was die andern denken. Und dabei pflegt man das abgedroschene Frisch-Bild, das man aus der Schule mitschleppt. Dazu kommt die Nachwirkung der feministischen Anti-Frisch-Kampagne in den 80er-Jahren, zur Zeit des Ingeborg-Bachmann-Kults. Sie kannten Max Frisch. Wie war er als Mensch? von Matt: Der Frisch, den ich gekannt habe, in seinem letzten Lebensjahrzehnt, war unglaublich wach, neugierig, aufmerksam, dabei heiter und witzig im Gespräch, auch lebenslustig und genussfreudig. Ein tagheller Beobachter. Wer wird überleben: Frisch, der Prosaautor, oder Frisch, der Dramatiker? von Matt: Vom Theater überlebt sicher «Biedermann». Auch international. In London wurde er wieder aktuell nach den Terroranschlägen, in New York wird er eben neu inszeniert, mit einem Feuerwehrchor aus Frauen. In der Schweiz wird man davon nichts vernehmen. Fast unentdeckt auf dem deutschen Theater ist bis heute «Biografie. Ein Spiel», letztes Jahr ein grosser Erfolg in Paris. Aber die grössten künstlerischen Leistungen Frischs liegen doch im Bereich der Prosa. Hat sich nach der Lektüre von Ursula Priess' Buch «Sturz durch alle Spiegel» Ihr Frisch-Bild verändert? von Matt: Überhaupt nicht. Ich fürchtete, es werde eine Abrechnung nach dem Schema: männlicher Täter, weibliches Opfer. Das ist es aber nicht. Wo es in dem Buch wirklich um Frisch geht, erscheint er differenziert und liebevoll. Es werden Kränkungen erwähnt, aber sie gehen nicht über das hinaus, was auch andere Kinder von ihren Vätern einzustecken haben.  

«Das Frisch-Bild ist stereotyp geworden» Stimmt meine Wahrnehmung, dass sich das Bild von Max Frisch seit seinem Tod 1991 stark geändert hat? Peter von Matt: Das Frisch-Bild in der Öffentlichkeit ist merkwürdig stereotyp geworden. Man meint ihn zu kennen und kennt ihn immer weniger. Er, der gegen die Fixierung der Menschen durch Klischees gekämpft hat, ist heute ein Opfer gerade dieses Vorgangs. Dazu kommt, dass Frisch heute in den Medien fast reflexhaft und ohne Begründung negativ akzentuiert wird. Das führt dann auch zu krassen Informationslücken. Aufregende Frisch-Inszenierungen im Ausland, kürzlich etwa in Paris und London, werden hier nicht erwähnt. Woher kommt dieses Negativbild? von Matt: Es ist die alte Journalistenkrankheit: Man schreibt, was die andern schreiben, denkt, was die andern denken. Und dabei pflegt man das abgedroschene Frisch-Bild, das man aus der Schule mitschleppt. Dazu kommt die Nachwirkung der feministischen Anti-Frisch-Kampagne in den 80er-Jahren, zur Zeit des Ingeborg-Bachmann-Kults. Sie kannten Max Frisch. Wie war er als Mensch? von Matt: Der Frisch, den ich gekannt habe, in seinem letzten Lebensjahrzehnt, war unglaublich wach, neugierig, aufmerksam, dabei heiter und witzig im Gespräch, auch lebenslustig und genussfreudig. Ein tagheller Beobachter. Wer wird überleben: Frisch, der Prosaautor, oder Frisch, der Dramatiker? von Matt: Vom Theater überlebt sicher «Biedermann». Auch international. In London wurde er wieder aktuell nach den Terroranschlägen, in New York wird er eben neu inszeniert, mit einem Feuerwehrchor aus Frauen. In der Schweiz wird man davon nichts vernehmen. Fast unentdeckt auf dem deutschen Theater ist bis heute «Biografie. Ein Spiel», letztes Jahr ein grosser Erfolg in Paris. Aber die grössten künstlerischen Leistungen Frischs liegen doch im Bereich der Prosa. Hat sich nach der Lektüre von Ursula Priess' Buch «Sturz durch alle Spiegel» Ihr Frisch-Bild verändert? von Matt: Überhaupt nicht. Ich fürchtete, es werde eine Abrechnung nach dem Schema: männlicher Täter, weibliches Opfer. Das ist es aber nicht. Wo es in dem Buch wirklich um Frisch geht, erscheint er differenziert und liebevoll. Es werden Kränkungen erwähnt, aber sie gehen nicht über das hinaus, was auch andere Kinder von ihren Vätern einzustecken haben.  

Aargauer Zeitung

Alle hätten es wissen müssen. «Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt» - mit diesem Montaigne- Zitat als Motto beginnt «Montauk» (1975), Max Frischs radikalstes und privatestes Buch. Der 64-jährige Frisch wollte keine Geschichten mehr erfinden. Er beschrieb, was war: seine zwei Ehen und Affären, seine Liebe zu Ingeborg Bachmann, seine Familie, seine Kinder . . .

Das war zu viel. Nach Erscheinen von «Montauk» brach Ursula Priess, Frischs älteste Tochter, ihre Beziehungen zum Vater ab. «Was hatte ich mit dem Mann zu tun - nur weil er zufällig mein Erzeuger ist, muss ich noch lange nicht . . .» Der trotzige Satz steht in ihrem Buch «Sturz durch alle Spiegel». Der Untertitel verrät, was es ist: «Eine Bestandesaufnahme».

Frisch starb 1991. Achtzehn Jahre nach seinem Tod hat Ursula Priess (66) - sie lebt seit 1966 in Deutschland - schreibend versucht, den Vater in ihr Leben zurückzuholen. Tagebuchnotate wechseln mit autobiografischen Einsprengseln; mal spricht eine Sie, mal ein Ich, und das Ganze hat eine Rahmenhandlung: In Venedig trifft sie einen Mann, der möglicherweise der Geliebte von Ingeborg Bachmann und somit ein weiterer Link zum Vater war.

Der Tenor des Textes handelt von immer wieder scheiternden Bemühungen, sich vom Vater zu emanzipieren, nicht immer nur als «Tochter von Max» wahrgenommen zu werden. Das gelingt und die Versöhnung auch - allerdings erst am Lebensende des Vaters und angesichts seiner tödlichen Erkrankung. Dieser zweite Teil ist ein berührender Ausklang mit einprägenden Bildern.

«Sturz durch alle Spiegel» ist weder Abrechnung noch Schuldzuweisung, und Voyeuristen werden auch nicht bedient. Dieses Buch ist eine Annäherung, bei der wir von Max Frisch einiges, von der Autorin viel erfahren.

Verändert die Lektüre das Frisch-Bild? Nein, sagt der emeritierte Literaturprofessor Peter von Matt, der Frisch persönlich gekannt hat. Was hingegen auffällt: das mediale Interesse, das dieser Autor auch 16 Jahre nach seinem Tod noch weckt. Kaum wurde das Buch der Frisch-Tochter angekündigt, rannten die Rezensenten in Position.

So weit, so schön. Doch wird Max Frisch auch gelesen? Ja. Ein Indikator: Im Suhrkamp-Rating der meistverkauften Bücher taucht er an 3. Stelle auf - hinter Hermann Hesse und Bert Brecht.

Auch die Wissenschaft hat ihn nicht vergessen. Ein Indikator: das Frisch-Archiv an der ETH Zürich. 182 Einzelbesucher schrieben sich 2008 ein, ein Jahr zuvor waren es 102. Und auch die Web-Statistik weist nach oben: 2007 griffen 70000 Benutzer auf die Website des Max- Frisch-Archivs, letztes Jahr waren es rund 85000.

Das betrifft den deutschsprachigen Wissenschaftsraum. Schaut man auf den helvetischen Mikrokosmos, sieht die Frisch-Rezeption ein wenig anders aus. In der wissenschaftlichen Diskussion habe es Max Frisch bei den jungen Studierenden gegenwärtig schwer, sagt Peter Utz, Professor für Deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Doch nicht nur Frisch. Utz: «Eine ganze Generation von intellektuellen Autoren wie etwa auch Peter Weiss oder Uwe Johnson wird heute weniger gelesen und diskutiert. Die Mischung aus politischem Engagement und einer doch existenzialistisch auf das Subjekt zentrierten Problematik scheint nicht mehr sehr gefragt.»

Ein nächster Frisch-Hype aber kommt - 2011 und zu Frischs 100. Geburtstag: mit einer Ausstellung im Zürcher Strauhof, mit Neueditionen, vor allem aber mit der erstmaligen Publikation von Frischs «Berliner Tagebuch». Das Besondere daran: Seit es fertig ist, liegt das Manuskript in einem Banksafe. Worum es geht? Niemand weiss es!

Ursula Priess Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandesaufnahme.
Ammann-Verlag, Zürich 2009. 176
S., Fr. 33.90. (ab morgen im Buchhandel)

Vernissage Dienstag, 16. Juni,
20 Uhr, Kaufleuten, Zürich.