Max liest

Mein erster satanistischer Roman

Max Rüdlinger

Max Rüdlinger

Ich erstand die «Neue Anthologie des Schwarzen Humors», herausgegeben von Thomas Raab. Ich habe aber auch die alte «Anthologie des Schwarzen Humors», herausgegeben von André Breton. Die Frage ist nur wo. Des Öftern setze ich halbe Tage daran, ein Buch in meiner unsystematisch geordneten Bibliothek zu suchen, und finde es nicht. Dafür muss ich bei der Suche nur zu oft feststellen, dass ich ein kürzlich gekauftes Buch bereits gehabt hätte. Soeben geschehen mit der «Unterwerfung» von Michel Houellebecq.

In der «Neuen Anthologie» lese ich ein Stücklein des Österreichers Dominik Steiger des Titels «Gallertartige Träumerei». Es geht um einen gewissen Horst Hartgumi (1888–1920). Insgesamt lese ich sechsmal Hartgummi, bis mir auffällt, dass er Hartgumi heisst. So ist das mit dem Alter.

«Unterwerfung» hat mir übrigens ausnehmend gefallen, wobei nicht einfach herauszufinden ist, was in dem Roman ironisch gemeint ist und was nicht. Das hat Ironie nun mal an sich. Protagonist des Buches ist ein Literaturwissenschaftler und Spezialist in Sachen Joris-Karl Huysmans.

Da habe ich mir gedacht, ich könnte einmal etwas von diesem Schriftsteller Huysmans lesen. So habe ich mir dessen Hauptwerk «Gegen den Strich» und dazu das Reclam-Bändchen «Tief unten» erstanden. Letzteres habe ich gleich zu lesen begonnen. Es stellte sich als eine Art Dokufiction über den französischen Okkultismus einschliesslich des Satanskults des Fin de siècle heraus. Erschienen ist das Werk anno 1891 und erstaunlich frisch zu lesen. Da ist der Protagonist ein Schriftsteller, der eine Biografie des gefeierten Helden des Hundertjährigen Krieges und Kampfgefährten der Jeanne d’Arc, des abscheulichsten Serienkindermörders aller Zeiten, des Grafen Gilles de Montmorency-Laval, Baron de Rais, in Arbeit hat.

Im Roman kommt ein satanistischer Kanonikus vor. Er hat sich auf eine seiner Sohlen das Kreuzzeichen tätowieren lassen, was ihm das Vergnügen verschafft, andauernd auf das Jesus-Symbol zu treten. In seinen schwarzmagischen Praktiken verfüttert er selbstgeweihte Hostien an weisse Mäuse und mästet Fische mit den heiligen zwei Gestalten des Abendmahls. Den Fischen werden weiter Toxika verabreicht, die den Menschen Anfälle von Starrkrampf bescheren und das Gehirn zerrütten. Sind die Fische dann mit solchen Substanzen vollgesogen, nimmt der Geistliche sie aus dem Wasser, lässt sie verfaulen, destilliert sie und entzieht ihnen ein ätherisches Öl, von dem ein Tropfen genügen soll, um jemanden wahnsinnig zu machen. Das alles ist schon sehr tief unten.

Eine weitere Figur in Huysmans Roman ist ein Läutmeister von Saint-Sulpice namens Carhaix. Er zitiert den auf eine grosse Glocke in Schaffhausen eingeprägten Satz: «Die Lebenden rufe ich, die Toten beweine ich, die Blitze breche ich.»

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