Sie hört uns zu, wenn wir die Treppe hochsteigen in der Bibliothek für Gestaltung auf der Lyss; ebenso hört Meret Oppenheim, wer am Haus Spalenberg 52 vorbeigeht, wo früher Trudl Bruckner ihre Galerie hatte. An beiden Orten ist ein Ohr angebracht: ihr Ohr - gestaltet vom Künstler Matthias Frey im Gedenken an Meret Oppenheim.

Frey nimmt damit auch Bezug auf ihre Bronzeskulptur «Das Ohr von Giacometti» (1933/77). Zwei weitere Ohren sind im Haus Klingental 15 und bei der Edition Fanal im St. Alban-Tal zu sehen. An den vier Orten wirkte die Künstlerin - das Ohr symbolisiert ihren Geist, der dort zu Hause ist. Auf der Lyss besuchte sie ab 1938 die Gewerbeschule, bei Trudl Bruckner stellte sie mehrfach aus. Im Klingental 15 ist das Haus ihrer Grossmutter Lisa Wenger. Über der Garage hatte sie ihr Atelier. Bei Fanal bereitete sie 1985 ihre letzte Ausstellung vor, vor deren Eröffnung sie 72-jährig starb.

Die vier Ohren sind Teil des Ausstellungsprojekts «Meret Oppenheim - das Geheimnis der Vegetation». Initiatoren und Kuratoren des Kunstprojekts im öffentlichen Raum sind der Kunsthistoriker und bz-Kunstkritiker Simon Baur und die Künstlerin Silvia Buol (siehe bz vom 8. Juni). Sie gaben 21 Künstlerinnen und Künstler aus der Region den Auftrag, sich von Meret Oppenheims Kunst inspirieren zu lassen und ihrer zum 100. Geburtstag (am 6. Oktober) mit eigenen Werken zu gedenken. Heute ist Vernissage.

Der Baum, der in die Tiefe wächst

Die Ausstellung gibt uns die einmalige Möglichkeit, die Stadt Basel neu und im Geiste Meret Oppenheims zu erkunden. So ist die bedeutendste Schweizer Künstlerin über die Kunstwerke auf den Plätzen, den Höfen, Strassen im Gross- und Kleinbasel präsent: Die Ausstellung ist ein prächtiges Geburtstagsgeschenk an die Künstlerin und an die Stadt, in der sie lang lebte und wirkte. Die Kunstschaffenden denken in den speziell für das Projekt gefertigten Werken vor allem Oppenheims Auseinandersetzung mit der Natur weiter.

Im Park vor dem St. Albantor breiten sich über dem Rasen schwarze Baumwurzeln aus. Nur wächst der Stamm von Sonja Feldmeiers Arbeit «Sleeping Tree» nicht in die Höhe, sondern in die Tiefe. Er dringt ein in die Erde. Beim Blick in das unendlich scheinende Dunkel wird einem schier schwindlig. Eine unheimlich starke Arbeit, die in einen Dialog tritt mit Meret Oppenheims Bild «Das Paradies ist unter der Erde» von 1940.
Weiterer passender Ort gerade für das «Geheimnis der Vegetation» ist der Botanische Garten. Hier steht eine Art vertikale Wäscheleine, an der farbig glasierte Backsteine hängen. Der Titel «Eichenbaum», den Martina Böttiger ihrer Installation gibt, erschliesst sich im Bezug zu Oppenheims Zeichnung «Backsteinbaum» von 1954 - einem Gewächs voller kleiner Steine statt Blätter.

An einem lauschigen Ort mitten im Botanischen Garten, wo tief und dicht hängende Äste dunklen Schatten spenden, schwingt am Baum ein riesiges Wespennest aus Gips, Farbstiftminen und Draht. Obwohl es hier weder summt noch surrt, strahlt das dunkle Gebilde von verstörender Kraft. Leif Bennetts starkes Werk «Die Wespe ist unschuldig», mit dem er sich auf ein Oppenheim-Bild gleichen Namens von 1971 bezieht, wird sich verändern: Wenn es dann regnet, tropft das Blau der Minen auf den Boden: Daran ist die Wespe ...

Das Fieber und das Totem

Auf dem Leonhardskirchplatz, entdecken wir auf einem Baum ein riesiges weisses Ei. Das «gelegte Ei» von Guido Nussbaum erzählt exemplarisch vom «Geheimnis der Vegetation». Es ist, als entspringe dem Ei Meret Oppenheims Kunst-Leben neu.

Das Kultobjekt, das den Geist von Verstorbenen weiterleben lässt, das Vergangenheit in unsere Gegenwart hievt, ist das Totem. Karin Suter fertigt aus dem Stamm eines Lindenbaums das Totem «Das erste Tier». Der Stamm gibt sein vergangenes Leben weiter. Und Lex Vögtli schuf aus unterschiedlichen Tierknochen ein «Totem». Das geht unter die Haut. Es steht auch am richtigen Ort: Im Hof des Museums der Kulturen, entfaltet es sein archaisches Wesen.

In einer anderen Ecke des Hofs liegen wie Schiffe Misha Andris' «Fieberinseln», die Fieber in seiner Ambivalenz deuten: als Passion, emotionale Erschütterung und als Krankheit. Wer mit den Finger über die Zacken der Keramik-Objekte fährt, bringt sie in faszinierend klingende Schwingung.
Am Rheinsprung bei der alten Universität begegnen wir Bruno Jakobs Leinwände, mit denen er vor zwei Jahren an der Biennale Venedig bereits schon das Arsenale-Becken bespielt hat. Die Leinwände lässt er hier von der Energie des Rheinwassers, der Stadtluft, der Winde und natürlich vom hier wehenden Spirit Meret Oppenheims «bemalen».

Erik Steinbrecher zeigt seine Kunstobjekte auf dem Boden des Rheins. Inspiriert wurde er durch eine Ansichtskarte mit Ozeandampfer, die Marcel Duchamp an Meret Oppenheim schickte. Der Erfinder des Readymade schlug ihr vor, eine Ausstellung auf dem Meeresgrund zu inszenieren. Steinbrecher nimmt die vertrackt ironische Idee mit eigener Ironie in seiner Performance auf: Im Park jenes Berliner Spitals, wo Meret Oppenheim vor 100 Jahren das Licht der Welt erblickte, grub er Grasziegel aus und goss sie als Aluminium-Objekte. Diese warf er gestern von der Münsterfähre ins Wasser des Rheins. Eine mehr als augenzwinkernde Kunstaktion zu der Ausstellung, die Meret Oppenheim in «ihrer» Stadt neues Leben schenkt.