Selten sind so viele Zuschauer nach einem Theaterstück für die Publikumsdiskussion sitzen geblieben. Und das an einem Freitag gegen 22 Uhr. Die Reithalle der Kaserne Basel war geschätzt zu drei Vierteln gefüllt, als das Publikum Fragen stellte, viele Fragen. Nach «Five Easy Pieces», Milo Raus Theaterstück, in dem Kinder das Leben und die Verbrechen des Kindermörders Marc Dutroux auf die Bühne bringen, ist man berührt und irritiert. Man möchte mehr wissen: über die Entstehung, die Schwierigkeiten, den Kinderschutz.

Eine Frage wird gemäss Kindercoach und Schauspieler Peter Seynaeve in jeder Stadt bei jeder Publikumsdiskussion gestellt: Darf man das? Sie bezieht sich vor allem auf die heikelste Szene des Abends, in der ein inzwischen neunjähriges Mädchen (Rachel Dedain) sich auf Geheiss des Regisseurs (gespielt von Seynaeve) auszieht. Nur noch in einer Unterhose auf einer Matratze kauernd, spricht sie den Inhalt des Briefs, den ein Opfer des Kinderschänders damals in seinem Verlies geschrieben hat. An den Münchner Kammerspielen wurde die Nacktszene verboten, in Singapur wurde die Inszenierung erst ab 18 Jahren freigegeben. Ein Stück mit Kindern wird als nicht jugendfrei deklariert.

Reich an vieldeutigen Themen

In Milo Raus Theaterstück ist vieles verdreht und mehrdeutig. Und gerade das macht es aus. Die Gratwanderung gehört dazu, ebenso die Brüche. Es geht in «Five Easy Pieces» um sehr vieles: um den Kindermörder natürlich, um Tod, Angst, Verzweiflung. Um das Trauma der Betroffenen und einer Gesellschaft. Aber auch um die spielenden Kinder selber, ihre Persönlichkeiten. Gleichzeitig reflektiert das als Spiel im Spiel angelegte Stück die Möglichkeiten des Theaters.

Nicht zuletzt geht es um die Sphäre der Kindheit. Einerseits ein geschützter Raum. Anderseits ein verletzlicher Raum, in dem Kinder den Erwachsenen, die ihn beschützen, zugleich ständig ausgeliefert sind. Dieselbe Ambivalenz ist in den Kindern selber angelegt. Diese schönen, unschuldigen Wesen sind kleinerer oder grösserer Grausamkeiten durchaus fähig. Und sei es nur das Töten kleinster Lebewesen.

Habt ihr schon mal getötet, fragt der Coach die Kinder. Und diese rufen freudig: Ja. Ein Bub erzählt, wie er Genuss darin findet, Wespen anzuzünden. Einmal habe er eine geschüttelt und danach Ameisen lebendig zum Frass vorgeworfen.

Alles ist bereits in den Kindern angelegt. In manchen Szenen wird simultan zum Spiel der Kinder dieselbe Szene als Filmprojektion auf einer Leinwand gezeigt – allerdings gespielt von ihnen ähnlich sehenden erwachsenen Schauspielern. Erwachsene, wie sie diese Kinder gerade darstellen. Oder Erwachsene, wie sie diese Kinder in zwanzig Jahren vielleicht sein werden.

Am meisten erstaunt, mit welcher Leichtigkeit das zuvor Unvorstellbare daherkommt. Trotz der Schwere des Themas, trotz manch beklemmender Szenen: «Five Easy Pieces» kommt im Grunde leicht daher. Und das zu erreichen, dürfte das Schwierigste überhaupt daran gewesen sein.

Wohl noch nie hat man Kinder im Theater ein solch drastisches Thema spielen lassen. Wohl noch nie haben Kinder zwischen 8 und 13 (so alt waren sie an der Uraufführung im Mai) so viel Text auswendig gelernt. Die Kinder meistern souverän, was man ihnen zuvor nicht zugetraut hätte.

Darf man das, einem Kind im geschützten Raum des Theaters das Hemdchen ausziehen? Man muss die Frage nach möglichem Machtmissbrauch stellen. Die Macher haben sie vor der Premiere dem Kind, seinen Eltern, der Theater-Psychologin und dem auf Kinderstücke spezialisierten Genter Theater und Koproduzenten Campo gestellt. Doch denkt man an Kinderarbeit, Kindersoldaten, hungernde Kinder, Kinderflüchtlinge, dann darf man auch fragen: Wo genau liegt die Perversion?