Am 17. Oktober 1817 betrat Giovanni Battista Belzoni in der ägyptischen Wüste einen dunklen Gang. Im Fackellicht sahen er und seine Gefolgsleute, dass Wände und Decken mit farbigen Reliefs und Malereien überzogen waren. 140 Meter weit führte das Bauwerk ins Erdinnere. In der gewölbten, reich geschmückten Kammer am Ende stand ein leerer Sarkophag. Erst Jahre später, als die Hieroglyphen entziffert wurden, konnte das Grab Sethos l. zugeordnet werden. 1279 Jahre vor unserer Zeitrechnung war der Pharao hier auf seine letzte Reise geschickt worden.

Pharaonengräber öffnen: Was heute akademisch versierten Forscherteams vorbehalten ist, konnte damals auch eine schillernde Gestalt wie Belzoni. Der Italiener machte als junger Mann Karriere als Schausteller in England. Sein «Samson aus Patagonien» war auf den Jahrmärkten eine Attraktion, weil er zwölf Menschen gleichzeitig emporheben konnte. Durch Zufall wurde Belzoni zur heraustragenden Figur einer damaligen Mode. Seit Napoleon Ägypten erobert hatte, war in den Salons Europas ein Hype um alles ausgebrochen, was irgendwie mit altägyptischer Kultur zu tun hatte.

Augenzeugenberichte waren hoch im Kurs. Die Jagd nach Kunstwerken war eröffnet. Vor allem die Briten und Franzosen versuchten, einander als Schatzjäger zu übertrumpfen. Aber auch Basel war früh in diese Entwicklung involviert. Der Orientreisende Johann Ludwig Burckhardt, genannt Scheich Ibrahim, war ein Freund Belzonis und vermittelte diesen an den damaligen britischen Generalkonsul Henry Salt. Dieser wiederum hatte den Auftrag, möglichst viele altägyptische Kunstschätze nach London zu bringen.

Weder Salt noch Belzoni konnten damals abschätzen, dass ihr Grabfund über 100 Jahre lang, bis zur Entdeckung des Grabs von Tutenchamun, der bedeutendste am Nil bleiben sollte. 1821 eröffnete der Schausteller und mittlerweile zur Freimaurerei konvertierte Belzoni seine Ausstellung zu Sethos l. am Piccadilly Circus in London. Am Verkauf der Ausstellungsgegenstände war er zwar beteiligt, der finanzielle Erfolg blieb jedoch aus. Zwei Jahre später starb der Abenteurer und Schatzsucher während einer Reise in Benin.

Geschichte einer Zerstörung

Das Basler Antikenmuseum erzählt in der Ausstellung «Scanning Sethos» die Geschichte von Belzonis Entdeckung. Das ist jedoch nur ein kleiner Teil, den die spektakuläre Ausstellung leistet, der Prolog sozusagen. Im Grunde erzählt die Schau die dramatische Geschichte der nachhaltigen Zerstörung des Pharaonengrabes. Der teilweise Abbau der Wandreliefs im 19. Jahrhundert und die Touristenströme der letzten Jahrzehnte haben das Unesco-Welterbe schwer beschädigt.

Dabei zeigt die Ausstellung ein Paradox auf: Viele der Kunstschätze wurden von wohlmeinenden Entdeckern nach Europa transportiert, um sie dort für die Nachwelt zu erhalten. Dass damit das Gesamtkunstwerk arg beschädigt wird, wurde damals anscheinend weniger gewichtet.

Heute wird das Grab nur noch für ausgewählte Gruppen geöffnet. Wie dasjenige Tutenchamuns soll das von Sethos nun als massstabsgetreue Replik dem Massenpublikum zugänglich gemacht werden. Das heisst, es wird beim Eingang zum Tal der Könige bei Luxor ein 140 Meter langer Stollen ins Erdinnere getrieben. In diesem wird die gesamte Grabanlage so rekonstruiert, wie sie von seinen Entdeckern in wunderbaren Aquarellen dokumentiert worden ist.

Der Ausstellungstitel «Scanning Sethos» ist eine Anspielung auf die bei der Rekonstruktion verwendeten Technologien. Federführend arbeitet die spanische Factum Foundation an dem Projekt. Sie hat sich auf die Rekonstruktion alter Kunstwerke spezialisiert.

Was modernste Scannertechnologie im Verbund mit Drei-D-Druck heute kann, ist im Antikenmuseum eindrücklich zu sehen. Die Rekonstruktionen zweier Räume des Grabmals sind in Basel begehbar: die sogenannte «Hall of Beauties» und die berühmte Pfeilerhalle. Zudem wurde der Sarkophag des Herrschers nachgebildet. Ein Modell des gesamten Grabstollens, die erwähnten Aquarelle der Entdecker sowie eine Videofahrt durch das Grab bringen dem Besucher das Gesamtkunstwerk überraschend nahe.

Klare Jenseitsvorstellungen

Wir leben in einer Kultur, in der das Grabmal immer weniger Bedeutung erhält. Die alten Ägypter praktizierten das Gegenteil. Ihre Kunst offenbarte sich in den Wohnstätten der Toten. Die Ausstellung im Antikenmuseum zeigt die Malereien und Reliefs von Sethos’ Grabkammer bis ins Detail: Die Unterwelts- oder Jenseitsvorstellungen dieser Kultur, die in Schriften wie dem «Pfortenbuch» oder dem «Buch der Himmelskuh» überliefert sind. Besucher, die in der komplexen Ideenwelt der Pharaonen wenig bewandert sind, ist empfohlen, dafür einige Zeit einzuplanen.

Wie das jetzt genau ist mit der Seele, die sich mit dem Sonnengott Re frei durch Raum und Zeit bewegt, und dem mumifizierten Körper, der sich durch die Vereinigung mit der Seele immer wieder verjüngt: Das ist nicht auf Tweed-Länge erklärbar. Geheimnisvoll und berührend ist das aber alleweil. Diese Menschen hatten einen klaren Fahrplan und eine klare Vorstellung von der Reise ins Jenseits.

«Scanning Sethos»: bis 6. Mai 2018.
Antikenmuseum, Basel.