Caprices Festival
Nicht nur Sängerin Björk begeistert Tausende am Caprices Festival auf 2258 m.ü.M.

In Crans-Montana hat eine neue, grössere Ära begonnen. Vor zehn Jahren mit 4000 Zuschauern gestartet, zählt das Caprices Festival 2012 schon 35 000 Besucher. Die Mischung zwischen hochalpinem Konzert und Clubbing kommt an.

Stefan Künzli
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Björk bot ein grossartiges multimediales Spektakel und ist die ideale Botschafterin des Festivals Caprices in Crans-Montana. HO

Björk bot ein grossartiges multimediales Spektakel und ist die ideale Botschafterin des Festivals Caprices in Crans-Montana. HO

Stahlblauer Himmel, das Thermometer auf 2258 Meter zeigt fast zweistellige Werte. Das Panorama auf dem Cry d’Er oberhalb von Crans-Montana ist eindrücklich. Aus der gegenüberliegenden, imposanten Walliser Alpenkette ragt das Matterhorn heraus. Die Schneeverhältnisse auf den über 160 km Pisten sind immer noch erstklassig.

Doch Crans-Montana gehört in diesen Tagen nicht nur den Skifahrern, sondern auch den Tanz- und Musikfreunden am Caprices Festival.

Clubbing auf 2258 m ü. M.

Auf dem Cry d’Er wummert der Bass schon ab 12 Uhr zum sogenannten Clubbing. «Modernity» heisst der Anlass, der so beliebt ist, dass die Zulassung beschränkt werden musste. Eine Terrasse und ein grosses transparentes Tanzzelt ermöglichen den Blick auf die Walliser Bergwelt. Immer mehr Clubber treffen ein.

Einige in Skischuhen. Zur Musik von renommierten DJs wie Carl Craig wird hoch oben in den Bergen bis um 19 Uhr getanzt, gejohlt, gepfiffen und getrunken. Wintersport und Tanzvergnügen finden zueinander.

Das Clubbing stand am Anfang von «Caprices», das jetzt sein zehnjähriges Bestehen feiert und sich zum Jubiläum massiv vergrössert hat. Die elektronische Musik ist immer noch ein wichtiges Standbein, in diesem Jahr sind aber die Live-Konzerte ausgebaut worden. Hier wollen die Festivalmacher neues Publikum gewinnen.

Grösstes Winterfestival

Die Ambitionen der Walliser sind gross. Vor zehn Jahren mit 4000 Zuschauern gestartet, zählten sie 2012 schon 35 000 Besucher. Jetzt ist das Budget auf 9 Millionen verdoppelt und die Festivaldauer von vier auf neun Tage verlängert worden. Dazu sind die beiden Hauptsäle von 3800 auf 5600 und 5000 ausgebaut worden.

Neu gibt es auch eine Bühne für Newcomer. Mit dieser Kapazitätssteigerung strebt das Festival eine Zuschauerzahl von 70 000 an. Damit wäre «Caprices» das grösste Winterfestival der Schweiz und positioniert sich in den Top 5 der Musikfestivals.

Einzigartig ist, wie am «Caprices» auf kleinem Raum Club- und Live-Kultur zusammenfinden. Zu diesem Zweck sind die drei Zelthallen sowie die kulinarische Halle direkt miteinander verbunden und schnell erreichbar. Es beginnen die Live-Konzerte, ab Mitternacht regieren die DJs.

Die Haupthalle, wo die Live-Konzerte stattfinden, ist riesig. Programmleiterin Lori Immi, die schon in Montreux Spuren hinterliess, hat ein spannendes und vielfältiges Programm zusammengestellt. Doch wollen nicht alle Acts in die unbestuhlte grosse Halle passen.

Für Rapper Nas und Fatboy Slim war sie angemessen, intimere, aber weniger massentaugliche Acts wie die französische Sängerin Lou Doillon, oder auch die tolle israelische Sängerin Noa, die mit einem italienischen Streichquartett auftrat, wirkten hier etwas verloren.

So war in der kleinen Newcomer-Bühne die Stimmung oft besser. Aufgefallen sind hier vor allem der in Genf wohnhafte Rapper mit sambischen Wurzeln, Rootwords, sowie der leidenschaftliche Singer/Songwriter Mark Kelly aus Vevey.

Grossartiger Cody Chesnutt

Aber auch der angesagte und aufstrebende Soulsänger Cody Chesnutt konnte die Halle nur halbwegs füllen. Sein Konzert wurde trotzdem zu einem musikalischen Höhepunkt der ersten Festivaltage. Chesnutt hat lange Soul mit Alternative-Rock kombiniert.

In Crans-Montana präsentierte sich der Mann mit dem schief aufgesetzten Helm als Soulsänger durch und durch. Er hat sich heute dem Soul der 70er-Jahre verschrieben und wirkt dabei authentischer denn je. Man hört Curtis Mayfield und Marvin Gaye, ein Prise Funk, aber vor allem viel von der beseelten Stimme von Cody Chesnutt. Grosse Klasse.

Hochgelobt wurde im letzten Jahr auch der kanadische Sänger Weeknd. Er pflegt eine aktuellere Version des Soul als Chesnutt. Den Hype um seine Musik konnte er aber in Crans- Montana nicht rechtfertigen. Er verfügt zwar über eine nette, an Michael Jackson erinnernde Stimme, die Songs sind aber viel zu einfach und stets nach demselben Muster gestrickt.

Erstaunlich viele Zuschauer zog die exzentrische Pop-Avantgardistin Björk an. Mit einem Perkussionisten, einem Keyboarder/DJ und einem 14-köpfigen isländischen Frauenchor bot sie ein fantastisches multimediales Spektakel. Grundlage der Musik war meist ein durchgehendes rhythmisches Muster, das Halt, Ordnung und Orientierung bot.

Darüber entwickelte Björk ihre abenteuerlichen, geheimnisvollen Melodien. Die besten und intensivsten Momente hatte das Konzert, wenn sich die Melodielinien der Vorsängerin mit jenen des Chors zu einem raffinierten, polyfonen Geflecht verwoben.

Schliesslich mündete der Auftritt in eine ausgelassene Party ekstatisch tanzender und hüpfender Frauen. Der Auftritt war im besten Sinn des Wortes kapriziös, und Björk, mit ihrer Mischung aus akustischer und elektronischer Musik, die ideale Botschafterin für «Caprices».

Noch ist in Crans-Montana nicht alles perfekt, doch die ersten Schritte in die neue Ära sind vielversprechend verlaufen. Auch wenn die hochgesteckten Ziele noch nicht erreicht werden sollten: «Caprices» hat mit der Kombination aus Clubbing und Live-Konzerten sowie seiner Vision von Wintersport, Après-Ski, Ferien und Musik das Potenzial, um im hart umkämpften Festivalmarkt zu bestehen.

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