Literatur

Nietzsche geht in Basel ein Mörder ins Netz

Eine Leiche auf der Grossbasler Seite versetzt Basel plötzlich in helle Aufregung (Bild um 1900).

Eine Leiche auf der Grossbasler Seite versetzt Basel plötzlich in helle Aufregung (Bild um 1900).

Der erste historische Basler Krimi von Wolfgang Bortlik: In «Allzumenschliches» muss Friedrich Nietzsche einen Mord aufklären.

«Der Kerl war tot wie nur etwas, leblos, entseelt, hinübergegangen»: Die Leiche, die bei der Rheinbrücke auf Grossbasler Seite lag, wies grössere Verletzungen am Hinterkopf auf, die Haare mit Blut verklebt. So ähnlich wie unzählige andere Kriminalromane beginnt auch das neue Buch von Wolfgang Bortlik. Bereits seine letzten Romanverbrechen liess der Autor in ­Basel begehen, sei es im Drogenmilieu im Rheinhafen oder in Kreisen von Regierungsräten. Doch diesmal ist es anders.

Bortlik, 1952 in München geboren und seit Langem in der Schweiz lebend, erzählt von einer längst zurückliegenden fiktiven Mordtat – sie wurde bereits 1869 begangen. Bei der Aufklärung dieses Falls war neben der Basler Gendarmerie ein prominenter Denker beteiligt: Der knapp 25-jährige Friedrich Nietzsche, eben zum Professor für Klassische Philologie an die hiesige Universität berufen, wurde um Mithilfe gebeten – er hatte die entscheidende Idee. In Wirklichkeit hielt er ­damals Vorlesungen und schrieb an seinem Frühwerk – darunter «Menschliches, Allzumenschliches» (1878). Mit profanen ­Kriminalfällen beschäftigte sich der Gelehrte kaum. Von Krankheiten geplagt, verliess der die Stadt nach zehn Jahren wieder.

Zur Tatzeit vor 150 Jahren steckte Basel mitten in Umbruch und Wachstum. Die Stadtmauern waren geschleift worden, im Zug der Industrialisierung entstanden Bandmanufakturen und Färbereien, die neuen Arbeiterinnen und Arbeiter brauchten Wohnungen. Gebaut wurde meist im «minderen» Kleinbasel, wo enge und ärmliche Wohnverhältnisse herrschten. Noch wenige Jahre zuvor hatten Typhus- und Choleraepidemien mit Tausenden von Kranken und Toten die Stadt heimgesucht.

Der schnauzbärtige Junggeselle und der Daig

Weit behaglicher lebte das alteingesessene Bürgertum, der «Daig», der im Grossbasel von Rheinsprung bis Münsterplatz in grosszügigen Wohnhäusern residierte – und über Wirtschaft und Politik bestimmte. Mit den Familien Burckhardt, Sarasin und Wackernagel hatte der neu zugezogene, kauzige und schnauzbärtige Junggeselle Nietzsche Kontakte. Er konversierte an Einladungen über Kunst und Wissenschaft und pflegte das Klavierspiel mit den Damen des Hauses.

Für seinen neusten Krimi hat sich Bortlik eine spannungsreiche Ausgangslage voller gesellschaftlicher Kontraste und Konflikte ausgedacht. Denn als es im September 1869 zum Mord kam, tagte gleichzeitig auf der andern Rheinseite im «Café ­National», dem heutigen «Café Spitz», der «Vierte Kongress der Internationalen Arbeiter-Association». Viele Basler sympathisierten mit den politischen Anliegen der Gäste, etwa des russischen Anarchisten Michail Bakunin. Und als sich der Tote als Polizeispitzel gegen die Umstürzler herausstellte, schien der Fall klar.

Der historische Hintergrund jener Zeit und viel einheimisches Lokalkolorit finden sich in diesem Krimi anschaulich beschrieben. Da trifft man auf reichlich Stadttypisches und Baslerisches, allzu Baslerisches – von der beschaulichen Rheinfähre bis zur sprichwörtlichen Knausrigkeit des «Daigs». Lebendig und sprachlich differenziert werden die unterschiedlichen Milieus charakterisiert: die Stützen der Gesellschaft ebenso wie das «einfache» Volk, die Grossbürgerinnen wie die Arbeiter und Anarchisten.

Wegen mancher Abschweifungen kommt die Tätersuche jedoch oft ins Stocken und verzettelt sich, auch muss «Commissar Zufall» einmal hilfreich einspringen. Doch die raffinierte Auflösung eines Verbrechens macht meist nicht den Charme der Lokal- oder Regionalkrimis aus: Diese leben vor allem davon, dass man die Handlungsorte sofort wiedererkennt – und damit trifft Bortlik voll ins Schwarze.

«Mischung aus Wahrheit und Fiktion»

Die Geschichte sei «eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion», schreibt der Autor im Nachwort. In seiner unterhaltsamen Collage aus Geschichts- und Kriminalroman, aus historischem Stadtporträt und Mordstory macht er dies auch transparent. Er legt offen, welche historischen Tatsachen belegt sind und wo er eine Prise Fantasie dazugab. Nur das Buchcover täuscht: Der heutige Basler Bahnhof SBB wurde erst Jahrzehnte nach der Kriminalhandlung gebaut.

Wolfgang Bortlik, Allzumenschliches. Friedrich Nietzsche ­ermittelt. Gmeiner Verlag, 2020. 249 Seiten.

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