Das Unbehagen der Künstler am Konzept der Länderpavillons ist an der Biennale Venedig spürbar. Verständlich in Zeiten, in denen der Nationalismus weltweit Auferstehung feiert. Auch Pauline Boudry und Renate Lorenz, die dieses Jahr den Schweizer Pavillon bespielen, zählen dazu. Die Waadtländerin und die Deutsche leben in Berlin und arbeiten seit 2007 zusammen. Im Brief, den sie an die Besucher richten, lauten die ersten Worte: «Wir fühlen uns von unseren Regierungen nicht vertreten und sind nicht einverstanden mit den Entscheidungen, die sie in unserem Namen treffen.» Das ist natürlich ein Stück weit Provokation und nicht ganz konsequent, die beiden Künstlerinnen hätten ja die Anfrage von der staatlich finanzierten Stiftung Pro Helvetia ablehnen können, die seit 2011 verantwortlich ist für den Schweizer Auftritt in Venedig.

Ihr Projekt «Moving Backwards» ist ein Vorschlag, wie der Backlash der reaktionären Kräfte kreativ zu nutzen wäre. Sie drehen den Spiess um und deuten das Rückwärtsgehen als subversiven Akt. «Bewegen wir uns kollektiv rückwärts», lautet ihre Aufforderung an die Besucher. Vorbild sind ihnen die Frauen der kurdischen Guerilla: Um ihre Feinde zu täuschen, tragen sie ihre Schuhe in den schneebedeckten Bergen verkehrt herum. Was aussieht wie Schritte zurück, ist eigentlich eine Vorwärtsbewegung. Dieses Prinzip variieren sie in ihrem neuen Film, dem Herzstück des Auftrittsund in der damit verbundenen Installation.

Es beginnt damit, dass die Besucher den Pavillon statt über den Eingang über den Ausgang betreten. So landen sie auf der Bühne eines «abstrakten Nachtclubs», wie es die Künstlerinnen nennen. «Wir stellen die Position, die der Betrachter in einer Kunstausstellung einnimmt, infrage», sagt Renate Lorenz. Im Club läuft ein 20-minütiger Film, in welchem drei Performerinnen und zwei Performer auftreten und mit Rückwärtsbewegungen experimentieren. Alle fünf kommen aus den verschiedensten Tanztraditionen. Sie tragen ihre Turnschuhe wie die kurdischen Guerillakämpferinnen rückwärts herum; einer Performerin fallen die langen Haare über Gesicht und Rücken. Sie trägt Westernstiefel mit zwei Spitzen, sodass man nicht weiss, was vorn und was hinten ist. Das ist im Sinn der Künstlerinnen, die stark von der Underground-Queer-Kultur geprägt sind.

Überkommene Kategorisierungen sollen ausgehebelt werden. Die paillettenbesetzten Kleider, welche die Tanzenden tragen, sind eine Reverenz an Drag-Performances. Paillettenbesetzt ist auch der Vorhang, der im Film vorkommt und auch Teil der Installation ist und sich mechanisch bewegt. «Tanzen ist einfacher als sprechen», sagt die Kuratorin Charlotte Laubard. Darum gehe es in dem Pavillon. Da hat sie wohl recht, aber alles in allem hat der Auftritt trotz behauptetem Unterbau etwas wenig Substanz und wirkt harmlos. Da nützt die Zeitung zur Ausstellung mit Briefen von vierzehn Denkern und Aktivistinnen nicht, die sich direkt ans Publikum wenden.

Denkmal für eine Sklavin

Doch was offenbart der Blick in Pavillons von Ländern, wo rückwärtsgewandte Politiker an der Macht sind? Die Kunst stemmt sich nach Kräften gegen Intoleranz. In Brasilien setzt man ebenfalls auf den Tanz. Nur dass der Dokumentarfilm «Swinguerra» mitreissender ist als der Schweizer Beitrag. Bàrbara Wagner und Benjamin De Burca begleiten in ihrer Heimatstadt Recife Tanzgruppen bei den intensiven Vorbereitungen auf den alljährlichen Tanzwettbewerb. Die Nähe zu ihren Mitgliedern, die häufig arm, schwarz und queer sind, ist immer spürbar. Sie repräsentieren ein anderes Brasilien als das von den Rechtspopulisten Bolsonaros propagierte.

Auch im US-Pavillon setzt Martin Puryear ein Zeichen. In die Rotunde des neoklassizistischen Gebäudes stellt der Künstler, der nach Mark Bradford erst der zweite Afroamerikaner ist, der die USA in Venedig vertritt, eine speziell dafür entworfene Skulptur. Sie besteht aus einem gusseisernen Pfahl, der in einer weissen Säule steckt. Gewidmet ist sie Sally Hemings, der Sklavin Thomas Jeffersons, des dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten, der mit ihr mehrere Kinder zeugte.

Der Beitrag Polens, das von Nationalkonservativen regiert wird, ist ebenfalls vielsagend. Roman Stancak stülpt das Innere eines Privatjets nach aussen – buchstäblich. Zu lesen ist dies sowohl als Kritik an der Korruption in Polen als auch als Kommentar zur Klimaerwärmung.

Die feministische Künstlerin Renate Bertlmann ist im österreichischen Pavillon zu Gast mit einer plakativen Installation, in der 312 Rosen mit Messerspitzen versehen wurden. Die an der Regierung beteiligte FPÖ, welche die traditionelle Familie propagiert, wird an ihrem Auftritt keine Freude haben.

Erholung von all dem Engagement verspricht der israelische Pavillon: Er ist von Aya Ben Ron als Feldlazarett konzipiert. Dort darf man in bunkerartigen, schallisolierten Kabäuschen einen «selbstgenügsamen» Schrei von sich geben.