Eben hat Peter von Matt ein Buch über den einzigen gebürtigen Schweizer herausgegeben, der – vor genau 100 Jahren – den Literaturnobelpreis erhielt: Carl Spitteler. Dieser sorgte zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit seiner Rede «Unser Schweizer Standpunkt» international für Aufsehen. Für von Matt steht Spitteler in einer Tradition von Intellektuellen, die sich seit der Aufklärung politisch einmischten. Schnell schält von Matt aber wichtige Unterschiede zu den heutigen Intellektuellen heraus.

Sie schreiben über Spitteler, er habe «immer mit grimmiger Lust seinen eigenen Weg» gesucht. War Spitteler, modern ausgedrückt, einer, der gegen den Mainstream schwamm?

Peter von Matt: Eindeutig. Er ist ja nicht mehr ein Autor der Generation Gotthelf/Keller/Meyer, die ihr Schreiben noch pädagogisch rechtfertigen musste. Die drei Erwähnten waren alle ganz genuine Erzähler und Künstler, aber in der bürgerlichen Schweiz ist das kein Beruf und sichert kein Einkommen. Um Kunst zu machen, mussten sie die Belehrung irgendwo hineinstricken. Spitteler hat das überhaupt nicht mehr gemacht. Er hat sich überhaupt als Einzelgänger benommen. Er war zwar ein eifriger Journalist und hat in allen möglichen Zeitungen geschrieben. Doch daneben hatte er einen rasend steilen, absoluten Kunstbegriff, wie ihn andere nicht zu vertreten wagten.

Mit seiner Rede «Unser Schweizer Standpunkt», die Spitteler 1914 hielt, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, hat er in Kauf genommen, sich in Deutschland unmöglich zu machen.

Das ist ganz unheimlich. Es gibt ja die Stelle in der Rede, wo er beschreibt, wie populär er in Deutschland bis in die Dörfer hinaus war, und sagt: Alle diese Sympathien riskiere ich jetzt. Er konnte ja noch nicht wissen, wie radikal das würde. Hodler hat dasselbe gemacht; er hat einen Aufruf der europäischen Intellektuellen unterschrieben – worauf sämtliche Hodler-Bilder in ganz Deutschland abgehängt wurden. Erst in den letzten Jahrzehnten ist er wieder aufgekommen. Spitteler dagegen wurde schlicht vergessen.

Spitteler rief zu Einigkeit und Neutralität auf. War er ein Patriot?

Er fand einfach, das gehe nicht, dass sich in der Schweiz die einen rücksichtslos nur mit Deutschland identifizierten und die anderen nur mit Frankreich. Er wollte nicht den Retter des Vaterlandes spielen. Er sagte nur: Wir sind nicht Teil von Deutschland. In der Deutschschweiz sind die meisten wütend auf Spitteler geworden, auch die Intellektuellen. Die Begeisterung über das Deutsche Kaiserreich war gross. Am Zürichberg wurde damals teilweise Hochdeutsch gesprochen, auch im Privaten.

Wenn sich Intellektuelle nach dem Zweiten Weltkrieg politisch äusserten, ging es meistens um Kritik an der Schweiz. Nicht um Aufrufe zur Einigkeit wie bei Spitteler.

Eine Kritik, wie sie später die Nonkonformisten, unter ihnen auch Frisch und Dürrenmatt, seit den 1950er-Jahren an der Schweiz übten, gab es zu Spittelers Zeiten kaum – abgesehen von den Wortmeldungen aus sozialistischen Kreisen. Spitteler, der lange im Ausland gelebt hatte, konnte sich nach seiner Rückkehr in die Schweiz nirgendwo richtig identifizieren, und hatte trotzdem das Gefühl, er gehöre dazu. Er ist wirklich ein Einzelstück.

Dass sich ein Dichter in moralisch-politische Debatten einmischt und seine ganze Autorität in die Waagschale legt, sieht man in letzter Zeit nicht mehr so oft.

Es hat aber immer ein wenig zur Schweiz gehört. Keller etwa, und Gotthelf noch mehr: Das kann man heute fast nicht mehr zitieren, wie der politisiert und attackiert hat. Die politischen Polemiken der beiden sind grandios. Die Intellektuellen waren schon im 18. Jahrhundert politisch engagiert, etwa Lavater, und wehrten sich ge- gen die Landvögte. So konnte sich die Schweiz überhaupt revolutionieren und ein moderner demokratischer Staat werden. Seit der Schweizer Aufklärung gab es bei uns eine Intelligenz, die sich politisch einmischte.

Frisch und Dürrenmatt bleiben die unerreichten Prototypen des intellektuell-politischen Schriftstellers.

Beide sind bei den 68ern – welche glaubten, sie wären die Ersten, die in der Schweiz den Besen zur Hand nähmen – ziemlich unter die Räder gekommen. Dürrenmatt hat verbittert mit dem Stückeschreiben aufgehört, weil er in Deutschland nicht mehr gespielt wurde. Frisch und Dürrenmatt teilten die Vision der marxistischen Wende dieser Generation nicht. Die beiden hatten die Nazizeit erlebt und gewusst, was eine Diktatur bedeutet. Sie waren Linke, aber keine Marxisten. «Biografie: Ein Spiel» von Frisch etwa, eine glänzende Komödie, hat nie mehr den Rang bekommen, den sie verdient hätte. «Ein Stück, das nichts beweist», hat die «Weltwoche» damals getitelt. Dahinter steht wieder die alte Trivialvorstellung der Literatur, die zu belehren hat.

Wenn sich heute ein Autor politisch äussert – wie etwa Lukas Bärfuss – kommt gleich die Frage auf, ob das nun der neue Max Frisch sei. Spielt da eine Sehnsucht mit?

Dabei war Max Frisch eben gerade keiner, der nur das gemacht hätte. Er hat das nur mit der linken Hand gemacht. Auch seine Hauptbücher sind keine politischen Manifeste. Als «Der Mensch erscheint im Holozän» erschien, waren die Preisgremien ratlos. Als ihm der Kanton Zürich schliesslich trotzdem einen Preis geben wollte, schlug Frisch diesen seinerseits beleidigt aus. Der Roman ist heute einer seiner erfolgreichsten. Er enthält durchaus politische Aspekte, aber er ist nicht die Illustration eines propagandistischen Programms.

Die Medien wünschen sich Schriftsteller, die politisch Farbe bekennen. Wer angeblich unpolitisch ist, wird kritisiert, auch von Kollegen: Jonas Lüscher hat Peter Stamm als unpolitisch gebrandmarkt.

Ich kenne diesen Lüscher-Text nicht. Ich fürchte, er tut Stamm unrecht. Bei Bärfuss ist das anders, der kann dreinhauen. Irgendwann reisst er das Maul auf in der FAZ. Man kann sich darüber streiten, wie effektvoll das ist. Aber wenn er selber schreibt, ist er radikal nur der Schriftsteller. Aber es ist nicht so, dass Stamm einfach apolitisch wäre. Er ist bloss nicht propagandistisch. Bei Bärfuss hängt das teilweise noch zusammen, etwa in dem Afrika-Buch. Aber auch das ist nicht einfach als ganzes Buch eine Polemik gegen die Schweizer Afrika-Politik.

Der Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann übergibt an einer Feier in der Schiffbauhalle im Dezember 2000 dem Literaturkritiker und Publizisten Peter von Matt den Kunstpreis der Stadt.

Der Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann übergibt an einer Feier in der Schiffbauhalle im Dezember 2000 dem Literaturkritiker und Publizisten Peter von Matt den Kunstpreis der Stadt.

Jonas Lüscher macht die digitale Welt und die Macht der Internetkonzerne zum Thema.

Er ist ein geschickter Schreiber. Er kann viel. Aber wenn er Stamm tatsächlich vorwirft, er sei zu wenig politisch, macht er es sich zu einfach. So kann man die Kollegen nicht herumkommandieren. Der Stamm ist ein raffinierter Hund, ein hintergründiger Autor. Er legt seinen Büchern keine Gebrauchsanweisung bei, sondern erwartet von den Leserinnen und Lesern, dass sie sich auf die Geheimnisse seines Erzählens einlassen. Es geht bei ihm immer um existenzielle Situationen, für die es noch keine psychologischen Theorien gibt, um die menschliche Einsamkeit heute, wo scheinbar alles beschwatzt wird. Genau diese Einsamkeit hat einen politischen Aspekt.

Spitteler hat sich auch kritisch mit dem Begriff Volk auseinandergesetzt. Verstand er sich selber als Teil der Elite?

Wenn man «Imago» liest … Das ist eigentlich ein Roman Spittelers über sich selber, wie er nach langen Reisen wieder nach Hause in die Kleinstadt Liestal kommt. Aus der unerreichbaren Geliebten macht er eine Vision und löst sich vom ganzen kleinbürgerlichen Sumpf – und wird Künstler. Spittelers Selbstdefinition ist der absolute Künstler. Aber er hat als Schweizer immer eine Bodenhaftung. Er hat sich über die bürgerliche Welt lustig gemacht, aber hat sie nicht bloss verachtet. Und was Spitteler in seinem Aufsatz «Vom ‹Volk›» sagt, ist scharfsinnig: Sobald jemand in der Regierung ist, sage man, er gehöre nicht mehr zum Volk. Genau so operiert heute die SVP mit den Begriffen Elite und Volk.

Seine Rede schloss Spitteler mit der Bitte: «Die patriotischen Fantasien von einer vorbildlichen (oder schiedsrichterlichen) Mission der Schweiz bitte möglichst leise. Ehe wir anderen Völkern zum Vorbild dienen könnten, müssten wir erst unsere eigenen Aufgaben mustergültig lösen.» Hat die Schweiz seither ihre Aufgaben gemacht?

Die Schweiz hat sich im 20. Jahrhundert einigermassen durch die Probleme gewurstelt. Sie hatte in der Nazi- und Kriegszeit einigen Dreck am Stecken. Aber die Grundhaltung der Bevölkerung war mehrheitlich klar gegen diese Diktaturen. Der politische Entscheid, Juden nicht als politische Flüchtlinge anzuerkennen, war falsch, und von den zwei Tagen 1942, in denen das Parlament um diese Frage rang, mag niemand mehr reden. Das war auf dem Höhepunkt der Judenverfolgung, und das wusste man in der Schweiz. Das wird man nie verharmlosen können. Ich habe ja da schon gelebt, ich bin in Stans neben dem Militärflugplatz aufgewachsen. Wenn es losgegangen wäre, wäre dort alles in die Luft geflogen. Die Schweiz wollte überleben, und das ist ihr geraten. Wenn die Welt eine halbe Hölle ist, kommt niemand ohne irgendwelchen Dreck am Stecken davon.

Spitteler hat seinen Nobelpreis ausdrücklich für das Versepos «Olympischer Frühling» erhalten, das heute kaum mehr Leser findet. Ist das rückblickend ein Unglück?

Das ist nun eben die Frage, ob sich da etwas verändert. Ich hatte selber immer Schwierigkeiten mit dem Werk, aber als ich es jetzt wieder gelesen habe, hat es mir doch den Ärmel reingenommen. Wegen der unglaublich energischen, witzigen und derben Sprache. Es ist ein vollkommen eigenwilliges Buch, aus dem einmal mehr Spittelers Trotz spricht. Im Sommer wird in Luzern der ganze «Olympische Frühling» an mehreren Abenden vorgelesen. Es gibt ja Werke, deren Rang erst nach 100 Jahren erkannt wird … Ich bin gespannt, wie diese Aufführung ankommt.

Wäre eine stärkere Wahrnehmung Spittelers nicht eher durch den bereits angesprochenen Künstlerroman «Imago» denkbar, in dessen Tradition sich Frischs «Stiller» stellt?

Ja, natürlich. Es ist ein richtiger Intellektuellenroman: Der isolierte Intellektuelle findet sich in einer Gesellschaft, die als Ganzes funktioniert und keine Probleme hat – und hält es da nicht aus. Er kommt heim und fährt am Ende wieder ab. Das ist das grosse Thema der Schweizer Literatur, die Heimkehr. Es gibt diejenigen, die heimkommen und bleiben, so wie der Grüne Heinrich in der zweiten Fassung. Und dann gibts die anderen, die wieder gehen. Und auch Stiller ist ja am Ende vollkommen isoliert in seiner kitschigen Hütte im Welschen: allein, ohne Frau, ruiniert. Es gibt keine nachhaltige Versöhnung eines radikalen Künstlers mit seiner Heimat. Die Schweiz muss ja durch Kompromisse leben – das ist unsere Chance. Aber ein Künstler muss absolut radikal sein, weil er sonst kein Künstler ist. Da gibt es Reibung; das ist nicht zu lösen.

Sie selber schreiben erfolgreich Bücher für ein breites Lesepublikum. Wieso tun das so wenige akademische Geisteswissenschaftler?

Es gibt schon einige. Man muss nur die Augen offen halten. Ich hatte immer den Ehrgeiz, dass die Leute zu Ende lesen, wenn sie einmal angefangen haben. Und dass die Leute in meinen Vorlesungen nicht zu husten und zu ächzen beginnen. Das Zweite ist mir einigermassen gelungen. Aber man darf die jungen Studierenden nicht unterschätzen. Sie suchen alle ihren eigenen Weg im grossen Durcheinander, und auf dieses Suchen und Finden kommt es an. Das ist das Abenteuer des dritten Lebensjahrzehnts. Und für mich war es oft atemberaubend zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit und Lust die Leute in die strengen Wissenschaften eintauchten.