Frau Filipovic, Sie sind seit zweieinhalb Jahren Direktorin der Kunsthalle Basel. Sind Sie ganz angekommen?

Elena Filipovic: Basel zählt zu den aufgeschlossensten Orten, die ich bisher kennenlernen durfte. Ich habe viel Zuspruch erhalten und ich versuche weiterhin, die Verbundenheit der Öffentlichkeit mit der Institution zu stärken. Man hat es mir nicht schwer gemacht, und das gilt nicht nur für mein direktes berufliches Umfeld. Ich war noch nicht lange da, als mir die Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft mein Wechselgeld überreichte und sagte: «Ich bin Mitglied des Kunstvereins. Willkommen in Basel!» Das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe das unglaubliche Privileg, einen Beruf auszuüben, den ich leidenschaftlich liebe. Und ich habe hier ein hoch motiviertes, kleines Team, auf dessen Unterstützung ich zählen kann.

Mit Ihrem Buch über Marcel Duchamp versuchen Sie, die Kunst der Vergangenheit als Treiberin für die Gegenwart zu nutzen. Wo auf dieser Zeitspanne liegt die Kunsthalle Basel?

Als ich hier ankam und mit Leuten darüber sprach, dass wir die südkoreanische Künstlerin Anicka Yi zu Gast haben oder Malerei von Lynette Yiadom-Boakye zeigen werden, waren viele Leute verunsichert, weil ihnen diese Namen unbekannt waren. «Es ist doch unsere Aufgabe», konterte ich, «Sie mit Positionen vertraut zu machen, die Sie noch nicht kennen und mit Ideen, die noch ungetestet sind!» Der Kunsthalle Basel ist es immer darum gegangen, nach vorne, in die Zukunft zu blicken. Paul Gauguins erste Schweizer Ausstellung fand hier in der Kunsthalle Basel statt, und auch Claude Monets Seerosen waren hier zum ersten Mal ausserhalb von Paris zu sehen. Wir blicken aber nicht nostalgisch auf die Vergangenheit. Vielmehr verstehe ich die Geschichte als etwas, was uns antreibt.

Marcel Duchamp hat 1917 seinen «Fountain», ein handelsübliches Pissoir, in der Society of Independent Artists in New York vorgestellt: eine Provokation. Warum interessiert das noch heute?

Duchamp wollte die Grenze testen und ausloten, was ein Kunstwerk sein kann und was nicht. Er muss gewusst haben, dass «Fountain» nicht angenommen würde, obwohl die Ausstellung eigentlich keine Jury hatte und jede und jeder teilnehmen konnte. Durch sein Pissoir, unter einem Pseudonym eingereicht, wurden die Veranstalter gleichsam zur Polizei ihres eigenen Vorhabens. Die Fragen aber, die Duchamp aufgeworfen hat, sind immer noch von Bedeutung. Viele sagen doch: «Das könnte ich auch», oder: «Mein Kind könnte das auch!» Gerade deshalb geht uns als Institution die Arbeit nicht aus, wenn wir versuchen, lesbar zu machen, was zeitgenössische Kunst aussagen kann, was sie mit uns macht und warum sie so wichtig ist.

Würden Sie sagen, Duchamp sei ein zeitgenössischer Künstler?

Duchamp bildet für mich eine Brücke. Zum einen gehört er dem historischen Modernismus an – einer Geschichte, in der ich als Kunsthistorikerin selbst geschult bin. Andererseits ist er bis heute eine Schlüsselfigur für Künstlerinnen und Künstler. Alle paar Jahre, wenn Kunstexpertinnen und -experten gefragt werden, welches das wichtigste Werk des 20. Jahrhunderts sei, wird Duchamps «Fountain» an erster Stelle genannt. Nicht Pablo Picassos «Guernica» und nicht die Papierschnitte von Henri Matisse, die zu ihrer Zeit Aussergewöhnliches geleistet haben. Die Fragen und Gesten, die uns Duchamp hinterliess, haben ihre Aktualität bewahrt und sind ein perfektes Fundament für das, was ich hier als Direktorin der Kunsthalle Basel mache.

Bedeutet das, dass Sie als Ausstellungsmacherin an dieser historischen Figur gewachsen sind?

Auf jeden Fall. Die erste und wahrscheinlich wichtigste Lektion, die ich von ihm lernte, ist, nicht zu akzeptieren, dass eine Ausstellung ein fixes Format sei, das wir seit 300 Jahren immer wieder mit neuen Objekten bestücken, auf Sockeln, mit einem bestimmtem Licht und einer genormten Beschriftung. Alles, was Duchamp als Künstler und als Ausstellungsmacher unternahm, war, diese Annahmen in Frage zu stellen. Er schärfte das Bewusstsein dafür, dass wir mit Ausstellungen viel innovativer, verspielter und experimenteller umgehen können. Zweitens fordert er dazu auf, darüber nachzudenken, wie eine Institution unser Urteil beeinflusst und wie wichtig der Kontext um ein Werk herum – ein Ausstellungstext, die Vermittlung, das Begleitprogramm – sein kann.

Die Welt der Kunst, ihre Modelle des Erfolgs und das Profil vieler Institutionen haben sich seit Duchamp entscheidend verändert. Woran messen Sie die Qualität oder Relevanz von zeitgenössischen Kunstmessen?

Die Qualität hat nicht ausschliesslich damit zu tun, ob etwas bekannt ist oder geliebt wird, sondern ob es einen verfolgt, in Erinnerung bleibt, vielleicht auch verrückt macht oder gar nervt. Den Erfolg unserer Ausstellung mit Anne Imhof etwa, die dieses Jahr den deutschen Pavillon in Venedig bespielt, bemessen wir nicht an Besucherzahlen, sondern daran, dass manche über Stunden in der Ausstellung waren und Tag für Tag wieder kamen. Es kann auf eine Qualität von Kunst verweisen, wenn man erst später realisiert, dass sie einen berührt oder beeinflusst hat. Die Kunst folgt da einer anderen Logik als zum Beispiel das Internet mit seiner unmittelbaren Beurteilung von Inhalten.

Was hat Ihr Buch mit Basel zu tun?

Die langjährige Arbeit rund um Duchamp lehrte mich, Archive zu schätzen, das Verborgene, das sie aufbewahren. Mir liegt viel an der Geschichte der Kunsthalle Basel, weshalb wir im Herbst Schätze unseres Fotoarchivs zeigen werden. Meine Recherche zu Duchamp dauerte immerhin 15 Jahre – sie hat mich nach Europa geführt, lange bevor ich nach Basel kam. Ich bin sehr dankbar, dass ich dem Buch hier den letzten Schliff geben konnte.

Kunsthalle: Donnerstag, 18. Mai, ist Vernissage der neuen Ausstellung «Ungestalt». 19 bis 22 Uhr, Steinenberg 7, Basel.