Theater
Regisseurin Ute Sengebusch: «Heimat muss geteilt werden!»

In Stockholm hat die Theaterregisseurin für ein neues Stück über Migrationsgesellschaften geforscht. Im Interview mit der bz spricht sie darüber, wie man die Lebenswelten von Flüchtlingen und Einheimischen zusammenführen kann.

Jenny Berg
Merken
Drucken
Teilen
Macht Theater über unsere Migrationsgesellschaft: Die Regisseurin Ute Sengebusch von der «Firma für Zwischenbereiche».

Macht Theater über unsere Migrationsgesellschaft: Die Regisseurin Ute Sengebusch von der «Firma für Zwischenbereiche».

Nicole Nars-Zimmer niz

Das Wir in der Migrationsgesellschaft – das ist ihr Kernthema, persönlich wie beruflich. Ute Sengebusch stammt aus Deutschland, lebt seit 13 Jahren in der Schweiz, und macht mit Flüchtlingen und Sans-Papiers Theater. Gemeinsam mit ihrer «Firma für Zwischenbereiche» hat sie 2015 den Basler Kulturförderpreis erhalten. Nun hat sie in Schweden für ein neues Theaterstück recherchiert – und erzählt im Interview, was sie dort erlebt hat.

Ute Sengebusch, Sie haben Anfang 2016 Ihre Wahlheimat Basel für ein halbes Jahr gegen Stockholm eingetauscht. Warum?

Um in einem anderen Kontext zu denken, zu arbeiten und zu leben.

Ganz allgemein: Was ist anders in Schweden?

Das Wetter. Im Winter ist es sehr kalt und sehr dunkel, im Sommer ist es permanent hell. In Schweden sagt man, die Menschen hätten eine Sommer- und eine Winterpersönlichkeit. Aber ich habe das auch erlebt: Im Sommer läuft man durch die Strassen und denkt: Alles ist möglich! Und im Winter verkriechen sich alle in ihre Häuser. Gerade für Flüchtlinge aus den südlichen Ländern kann die fehlende Sonne ein Problem sein.

Und was ist ähnlich zur Schweiz?

Die Mentalität ist ähnlich. Sie ist höflich bis zurückhaltend; Konfrontationslust steht nicht an erster Stelle. Aber auch Nähe ist nicht so einfach herzustellen. Und: Die Schweden halten wie auch die Schweizer ihre Neutralität sehr hoch.

Sie haben zum «Wir in der Migrationsgesellschaft» recherchiert. Warum ist Schweden prädestiniert dafür?

Schweden galt in Europa lange als Musterbeispiel für Integrationspolitik, und es hat pro Kopf die höchste Flüchtlingsdichte in Europa.

Und was haben Sie beobachtet?

Mich hat die Lücke interessiert zwischen der Landung und dem Alltag. Es braucht eine ganze Weile, bis man wirklich ankommt.

Haben Sie diese Lücke auch erlebt?

Natürlich. Aber unter komplett anderen Vorzeichen. Es war von Anfang an klar, dass ich wieder gehen werde.

Wie erleben Flüchtlinge diese Lücke?

Ich habe Gespräche mit beiden Seiten geführt: mit den Arrivers, also den Ankommenden, und mit den Habitués, den Üblichen. Und bei allen Gesprächen fiel bald das Wort Heimat. Das wurde mein Kernthema: Wie erzählen wir Heimat? Und wie ändert sich dieses Erzählen, wie ändert sich der Heimatbegriff, wenn sich die ganze Situation ändert?

Und wie verändern sich die Heimaterzählungen?

Da gibt es grosse Unterschiede. Aber es interessiert mich nicht, diese Unterschiede in Form von Flüchtlingstexten in einer Ausstellung nebeneinanderzustellen. Diesen Voyeurismus will ich nicht bedienen, das bringt uns nicht weiter. Ich suche danach, was beide Seiten verbindet, und wie Gemeinsames entstehen kann.

Wie kann Gemeinsames entstehen?

Indem wir Heimat teilen. Das ist ein ganz simpler Punkt. Heimat muss geteilt werden, wenn wir Integration ernst meinen.

Wie können wir da konkret hinkommen, Heimat teilen?

Das ist eine grosse Frage. Ich hab keine Lösung parat. Aber das Erzählen von Heimat verbindet schon beide Seiten. Und das Erzählen geht nur mit einem Gegenüber. Deshalb brauchen wir Dialog und Begegnungsmöglichkeiten. Um herauszufinden, was das ist, was geteilt ist.

Momentan sind die Lebenswelten von Flüchtlingen und Einheimischen ja sehr getrennt

... a, aber es wird bereits schon viel geteilt: die Stadt, die Strassen. Und auch die Geschichte: Das Erzählen von Heimat war schon einmal sehr prominent, zu Anfang des 19. Jahrhunderts, da entstand das Heimatgenre. Damals gab es auch eine Umbruchsituation. Mich interessiert: Wie sieht die Perspektive des Heimatromans 2016 plus aus?

Nun ziehen Sie in einem multimedialen Theaterabend im Roxy Birsfelden Bilanz. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Es geht mir nicht um Antworten, sondern um das Öffnen des Rechercheprozesses. Es wird mehrere Stationen geben, an denen sich das Publikum gemeinsam mit uns mit der Thematik auseinandersetzen kann. Zum Beispiel eine Youtube-Disco mit Heimatliedern. Oder eine Kartenstaion, wo jeder seine Herkunft bildlich in einer Weltkarte verorten kann.

Wo ist uns Schweden im Umgang mit Flüchtlingen voraus?

Manche Sachen funktionieren in Schweden sehr gut. Wer angenommen wurde, darf sich Wohnung und Arbeit suchen. Und vor allem: Jeder darf einen Sprachkurs besuchen, und die gibt es überall. Erst mit einer gemeinsamen Sprache kann man miteinander reden.

Kann das Theater mutiger sein als die Politik?

Das Theater ist ein guter Ort der Auseinandersetzung. Man wird wieder selbst ins Denken gebracht. Ob es mutiger ist – das ist eine andere Frage. Die Politik hat eine andere Verantwortung und einen anderen Auftrag. Aber vielleicht täte der Politik manchmal ein bisschen mehr Theater gut.

Sharing Home Mit Ute Sengebusch, Beren Tuna, Olivia Suter und Jonas Gillmann. Fr, 21. 10., und Sa, 22.10., je 20 Uhr.
Theater Roxy, Muttenzerstr. 6, Birsfelden.

www.theater-roxy.ch