Literatur

Reif für die Geister der Färöer Inseln

Verena Stössinger stellt im Literaturhaus Basel ihren neuen Roman «Die Gespenstersammlerin» vor.

Verena Stössinger stellt im Literaturhaus Basel ihren neuen Roman «Die Gespenstersammlerin» vor.

In Verena Stössingers neuem Roman sucht die Protagonistin fremde Gespenster und findet die eigenen. Die Vernissage des Buches findet am 26. April im Literaturhaus Basel statt.

Man muss nicht unbedingt mit Peter Rebers «Hippigschpängschtli» aufgewachsen sein, um bei Gespenstern an Wesen in mehrheitlich weissen Gewändern mit grossen ovalen Öffnungen für Augen und Mund zu denken. Die Gespenster, denen Verena Stössingers Protagonistin Astrid auf einer Färöer-Insel auf der Spur ist, sehen ganz anders aus.

Es sind unter anderem Trolle, Nissen, Hulden, Wichtel und Elfen. Die Schweizerin Astrid will sie in einem Aufenthalt auf der Insel für ein Buchprojekt wissenschaftlich untersuchen und gerät dabei unmittelbar in ihren Bann. So unspektakulär Astrids Alltag auf der kleinen Insel ist — sie kocht Tee, wärmt Kartoffelsuppe, trinkt Bier, spaziert und geht in die Bibliothek — so spektakulär sind die Geschichten, die sie findet. Es sind Sagen, die von den grossen Themen handeln, von Macht und Ohnmacht, von der Liebe und davon, wie schlecht dieser der Zwang bekommt.

Besonders beschäftigt Astrid die Geschichte von der Seehundfrau, die zur Ehe mit einem Menschen gezwungen wird, und die dann, eines Tages, ihr gestohlenes Fell aus der Truhe retten kann und ins Wasser zurückkehrt.

Astrid erfährt, dass es auf den Inseln noch Menschen gibt, die erzählen, ihre Mütter seien solche Seehunde gewesen und eines Tages wieder ins Wasser verschwunden. Was Astrid an diesen Geschichten interessiert, ist das Thema der Verwandlung. Dass sich durch ihren Aufenthalt auf der Insel auch ihr Leben verwandelt, stellt sie nur langsam fest. Als wenig exzentrische Singlefrau, Anfang 40, die noch bei ihrer Mutter lebt, ist ihr Alltag klar geordnet.
Eines Nachts klopft es aufdringlich an ihrer Tür.

Eine unheimliche Frau wird von der Polizei weggeführt. Astrid lernt, dass Heimsuchungen oft mit der Suche nach Heimat zu tun haben. Ausgerechnet fern der Heimat auf der Färöer Insel erhält sie Besuch von einer Familienfreundin, Bertha, die ihr erzählt, ein Mann habe sich als Astrids Vater ausgegeben. Längst begrabene Fragen zu diesem mysteriösen Mann, von dem es immer hiess, dass er auf einem Boot umgekommen sei, tauchen wieder auf und beschäftigen Astrids Gedanken und Träume.

Bezüge zu Literatur und Film

Mitten in eine ruhige, präzise Erzählung baut Verena Stössinger Spannung ein, und das Rätselhafte der Binnenerzählungen schwappt über in Astrids Erleben. Dass das Unheimliche oft mit dem Heimlichen in Verbindung steht und dass mit «Gespenstern» oft auch familiäre Geschichten aus der Vergangenheit gemeint sind — Henrik Ibsen lässt grüssen — wird von Stössinger angesprochen, aber nicht ausgeschlachtet. Meisterhaft, mit wie viel Behutsamkeit und Geschick der Roman auch eine Hommage an den lokalen Dichter William Heinesen darstellt. Gekonnt wird sein Werk zitiert und aus seiner Biografie erzählt.

Hinreissend passend dazu sind die an den Kapitelanfängen abgedruckten Miniatur-Bilder seines Sohnes, des Bildkünstlers Zacharias Heinesen, faszinierende Miniaturdrucke von rätselhaften, unbekannten Wesen.

Auch wer sehnlichst auf den nächsten Film des schwedischen Regisseurs Roy Andersson wartet, findet in diesem Buch Trost. Beispielsweise in einer sonderbaren Szene in der Bibliothek. Plötzlich ziehen die Menschen festliche Kleider an, stellen sich zu einer Gruppe zusammen und beginnen in einer Art und Weise zu singen, die ebenso traurig wie leicht grotesk wirkt.

Die Poesie des Nicht-Perfekten zieht sich durch den Roman. Astrid, anfänglich etwas spröde, überrascht in ihren Reflexionen öfter mit einem feinen Humor. Und Paetur, dessen hässliche Zähne man zuerst nicht so ganz passend für ein Inselabenteuer finden will, wirkt in seiner Direktheit bestechend romantisch. Letztlich hat er alles, was es für ein Verhältnis braucht. Interesse an Astrids Forschungsgebiet, starke Hände und Ideen, was man damit anstellen kann. Aber so einfach, wie das jetzt klingt, ist es dann doch nicht.

«Die Gespenstersammlerin» ist auch ein Buch über die Wiederholung. Die Wiederholung von Ideen und Motiven in der Kunst, das Wiederkommen von Wiedergängern, und nicht zuletzt das Déjà-vu von Beziehungskonstellationen und wie man mit solchen Déjà-vus umgeht.
Ein Déjà-vu hat man dann auch als Leserin, das Déjà-vu dieses gewissen «Stössinger-Sogs», den man aus anderen Büchern der Autorin kennt.

Wie Astrid einige Zeit braucht, um auf der eigensinnigen Insel anzukommen, braucht man einige Zeit, um in diesem Buch anzukommen. Einmal drin, findet man so schnell nicht wieder raus. Die Seiten wenden sich wie von Geisterhand, und man kommt auf der letzten Seite an, als hätte der Meereswind persönlich einen dahin geweht.

Die Vernissage von «Die Gespenstersammlerin» findet am Mittwoch, 26. April, um
19 Uhr im Literaturhaus Basel statt.

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