«Future Present»
Risikoreicher Kunsterwerb

Die klassische Moderne der Ausstellung «Future Present» im Schaulager in Münchenstein zeigt, was Gegenwartskunst sein könnte.

Simon Baur
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Die «dadaistische» Hängung mit Werken von Sophie Taeuber und Hans Arp im Doppelraum der Klassischen Moderne.

Die «dadaistische» Hängung mit Werken von Sophie Taeuber und Hans Arp im Doppelraum der Klassischen Moderne.

Peter Schnetz

Der Begriff der Klassischen Moderne ist kein statischer. Die Kunst, die wir heute als Klassische Moderne bezeichnen, nannte man 1933, als Maja Hoffmann die Emanuel Hoffmann-Stiftung gründete, Gegenwartskunst. Und vermutlich wird in 200 Jahren die Kunst um 2015 auch zur Klassischen Moderne gerechnet. Heutzutage bezeichnet man mit ihr all jene avantgardistischen Stilrichtungen in der bildenden Kunst, die zwischen dem Ende der Belle Epoque, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, und der Mitte des 20. Jahrhunderts angesiedelt werden können. Maja Hoffmann wollte explizit keine modernen Klassiker oder klassischen Modernen sammeln, sie verschrieb sich der Gegenwartskunst. Was sie mit Gegenwartskunst bezeichnete, sehen wir im zweiten Raum des Erdgeschosses in der Ausstellung «Future Present» im Schaulager.

Mutiges Engagement

Die Ausstellung beginnt mit den Porträts Maja Sachers von Andy Warhol, die wir je nach Perspektive als Werke der Moderne oder der Gegenwartskunst bezeichnen. Weiter geht es mit Werken des belgischen Expressionismus, dem Grundstock der frühen Kunstsammlung von Maja und Emanuel Hoffmann-Stehlin, Werke, die wir aus heutiger Perspektive der Klassischen Moderne anrechnen. Schliesslich folgt der eigentliche Doppelraum mit der Klassischen Moderne: Werke von Hans Arp, Robert Delaunay, Max Ernst, Alberto Giacometti, Piet Mondrian und vielen anderen sind dort zu sehen. Wie mutig Maja Sacher, wie sie seit ihrer Heirat mit dem Musiker Paul Sacher 1934 hiess, damals, zu Beginn der 1930er-Jahre, handelte, können wir am besten erahnen, wenn wir uns ihr erstes Erlebnis mit Joseph Beuys vergegenwärtigen: «Was ich gesehen habe, hat mir allerdings einen Schock gegeben, wie ich ihn seit meiner Jugend beim Sehen von Werken von Miró, Klee, Arp nicht mehr erfahren habe.» Es braucht ein besonderes Verhältnis zur Kunst, um Werke zu erwerben, die einen schockieren. Genau das hat Maja Sacher aber mit sicherer Hand getan und Werke erworben, die wir bis vor einigen Wochen noch, ohne zu zögern als Eigentum des Kunstmuseums Basel bezeichnet hätten.

Reiz des Kombinierens

Heute wissen wir es besser. Weder die einstigen Direktoren Otto Fischer noch Georg Schmidt des Kunstmuseums Basel haben diese hochkarätigen Werke erworben, die meisten Werke der Klassischen Moderne gelangten über Schenkungen, Deposita und die Emanuel Hoffmann-Stiftung ins Kunstmuseum Basel. Auch deshalb war der Abzug von Leihgaben aus dem Museum in Vergangenheit so schwer zu kompensieren, weil die eigenen Bestände dieser Zeit eher mager sind.

Doch zurück zur Klassischen Moderne im Schaulager. Spannend am Doppelraum sind nicht nur die einzelnen Kunstwerke, sondern auch das Konzept der Hängung. Es ist auf keinen Fall eine «klassische» Hängung, vielmehr verrät es kunsthistorische Überlegungen und auch ein Einfühlen in die Künstlerviten. Dass Alberto Giacomettis drei Werke, die 1950 in der Ausstellung in der Kunsthalle Basel erworben wurden, nicht bei den Surrealisten hängen, macht Sinn, war er doch unter Protest aus der Surrealistengruppe um André Breton ausgetreten.

Die Werke aber neben den De-Stijl-Künstlern Piet Mondrian, Theo van Doesburg und Georges Vantongerloo zu zeigen, macht insofern Sinn, weil dadurch deutlich wird, wie sehr auch Alberto Giacometti, gleich wie die drei Genannten, seine Werke berechnend aufbaute und austarierte.

Neue Erkenntnisse

An der gegenüberliegenden Wand lassen sich ähnliche Überlegungen beobachten: Die Werke Wassily Kandinskys hängen neben denjenigen seines Kollegen am Bauhaus Paul Klee, wobei das kleine Aquarell «Composition 1914.50» ganz besondere Beobachtung verdient. Die konsequente Aufteilung des Blattes in kleine Farbflächen, in denen noch Andeutungen einzelner gegenständlicher Motive zu erkennen sind, ist nicht nur brillant, sondern illustriert auch Klees Eindrücke seiner Reise nach Tunis, die er im Jahr der Entstehung zusammen mit August Macke und Louis Moilliet unternahm. Dazu gesellt sich ein Relief von Walter Bodmer. Denn die drei Künstler stellten auch 1944 in der Ausstellung «Konkrete Kunst» in der Kunsthalle Basel aus.

Ein ähnliches Feingefühl dürfen wir der Kuratorin Heidi Naef bei ihrer Inszenierung der Werke von Hans Arp und Sophie Taeuber attestieren. Nicht nur hat man von Sophie Taeubers Werk mit den Kreisen und Kegeln die Plexiglashaube entfernt, was eine grössere Präsenz erzeugt, die beiden Künstler werden sozusagen in einer «dadaistischen» Hängung präsentiert. Die Kombination der Werke der beiden Künstler zeigt zudem deutlich wie undistanziert und gleichzeitig respektvoll organisch-abstrakte und geometrisch-abstrakte Kunst kombiniert werden kann. Was die Ausstellung mit dieser Art von Präsentation aufzeigt, ist ein konzentriertes Kapitel Kunstgeschichte auf engstem Raum, das nicht nur die grossen Linien, sondern auch die interessanten Einzelgänger berücksichtigt.

Die Ausstellung «Future Present» im Schaulager dauert noch bis zum 31. Januar 2016.