Adam Schwarz schaut grinsend aus dem Steinhäuschen heraus. «Schon ironisch, oder», sagt er, «dass ich so kurz bevor mein Buch über den Klaus erscheint, selbst in einer Klause hause?» Seit vier Wochen arbeitet er in der Kartause Ittingen an seinem neuen Romanprojekt. Begeistert führt er durch die alte Mönchsklause unter dem Spitzdach, zeigt die zwei Zimmer und die kleine Durchreiche, durch welche die Kartäuser unter der Woche jeweils das Essen erhalten hatten, um nicht bei einem gemeinsamen Mal ihr Schweigen zu brechen.

«Ich bin ja eher der introvertierte Typ» sagt er, und das nach mehreren Stunden des Erzählens. Ernst ist er sicher, aber nicht bierernst. Und alles andere als humorlos. In seinem ersten Roman «Das Fleisch der Welt» kommt der Humor mal leichtfüssig, mal zärtlich, mal fast schmerzhaft daher – zuweilen bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken. Adam Schwarz hat grossen Sinn für situative Komik. Letzthin seien plötzlich zwei Zürcher im Garten gestanden. Da habe der eine zum andern ohne ein Zeichen von Ironie gesagt: «Lueg emal, es Eifamiliehüüsli». Und der andere habe ergänzt: «Das müesst mer aber mal bitz useputze und renoviere». Schwarz lacht und fährt sich mit der Hand durch die hellbraunen Locken. Mit dem dunklen Bart könnte er fast als Mönch durchgehen, wären da nicht die Sneakers der Marke le Coq sportif.

Klaus entdeckt Amerika

Das Kuriose und Abstruse hat es ihm angetan. Das zeigt sich auch am Plot seines Romans: Bruder Klaus entdeckt Amerika! Die Idee dazu kam Schwarz 2011 in Sevilla. Er stand vor dem Grab des Kolumbus und sagte sich: Was, wenn da ganz ein anderer drin liegen würde? Da fiel ihm der Eremit Niklaus von Flüe ein, an dessen Klause in Flüeli-Ranft er einmal bei einer Wanderung vorbeigekommen war. Es war eine Idee, der er folgen wollte. Und er folgte ihr mit Ausdauer.

Als Philosophiestudent, der seinen Lebensunterhalt mit Journalismus verdiente, blieben ihm zum Schreiben nur der Abend und das Wochenende. Er lebte und studierte in Basel und schrieb in Zürich unter anderem für den Literarischen Monat und die NZZ-Literatur-Beilage. Hobbys? «Bisschen Wandern, bisschen Kochen, bisschen obskure Musik entdecken.» Aber eigentlich wenig Zeit für Hobbys. Hauptsächlich schrieb er. Fünf Jahre dauerte das Projekt, Schwarz gab nie auf. «Ich wollte diesen Roman schreiben.»

Die erste Fassung brauchte bloss einen Drittel der Zeit, die harte Arbeit kam danach. Schwarz ist glaubhaft selbstkritisch, wenn er sagt: «Zuerst hatte ich eine fast schon arrogante Einstellung meiner Hauptfigur gegenüber. Der Erzähler, Niklaus’ Sohn, sah voller Distanz auf seinen Vater, hämisch fast schon. Er war als Figur irgendwie arrogant. Dann habe ich an der Figur gefeilt.» Wer «Das Fleisch der Welt» liest, oder, besser gesagt, verschlingt, muss sagen: mit Erfolg.

Vater und Sohn

Hans von Flüe ist ein durchschnittlicher Typ, ein «Average Joe», dessen Sehnsüchte so einfach sind wie die unseren. Er hat seine frisch geheiratete Frau furchtbar gern, möchte aber auch seinen Vater nicht enttäuschen. Dennoch würde er gerne auch mal was essen, als er sich mit dem Vater auf einer Pilgerreise befindet, in die er, Hans der Bauer, mehr hineingerutscht als berufen worden ist. Hans berührt. Ein etwas unsicherer Typ, der sich von den Erwartungen anderer leiten lässt, im Verlaufe des Buches aber auch seine Stärke findet.

Es ist kein eindimensionaler Entwicklungsroman, dieser Erstling. Es erwarten uns Szenen, die überraschen. Man taucht ein in ein fiktives Spätmittelalter, an dem vieles stimmt und vieles erfunden ist. So lässt Schwarz seinen Hans einmal eine ganze rohe Zwiebel aufs Mal verschlingen. Wie bei jedem guten Road-Trip stimmt das Tempo dieses Romans.

Aus katholischer Perspektive erfreut vielleicht, wie sinnlich und raffiniert tatsächlich überlieferte Visionen des Niklaus von der Flüe eingearbeitet sind. Gleichzeitig staunt man über eine mitunter gewalttätige Interpretation dieses berühmten Pazifisten. Schwarz wollte die Figur aus ihrer Vereinnahmung von Rechtsaussen befreien, ohne bei einer christlichen Interpretation anzukommen.

Er selbst ist Agnostiker. Was ihn interessiert, ist das Erzählen, Ausschmücken, Fantasieren. Und die Beziehungen. Was passiert mit einer Familie, wenn einer seiner Obsession folgt? «Abwesende Väter und Mütter», sagt Schwarz, «sind auch ein Thema der Gegenwart.»

«Das Fleisch der Welt» ist nicht als Erbauungsliteratur konzipiert. Und doch wirken die kurzen Sätze, von denen man nicht genug bekommen kann, auf diese bestimme Art und Weise erbauend, wie es gute Literatur vermag: Man wird gepackt, verstört, inspiriert und zum Nachdenken angeregt. Dann und wann wird es sogar poetisch. Und natürlich darf auch ein Schuss derber Erotik nicht fehlen.

Hier oben in der Klause bei Ittingen hat Schwarz schon viele Autorenfreunde empfangen. Bei jedem Besucher hat er seinen Versuch, mönchsgleich vegan zu essen, unterbrochen. Der Käse und die Salami vom Klosterladen seien einfach zu gut. Ein Asket wie Niklaus von Flüe ist Adam Schwarz also nicht. «Nein, da gibt’s nichts Biographisches!», sagt er und lacht.

Vielleicht höchstens ein bisschen das Thema Obsession. Was dem einen die Obsession des Hungerns, ist dem andern die Obsession des Schreibens. Gott sei Dank!

Adam Schwarz: «Das Fleisch der Welt», Zytglogge, 267 Seiten, 32 Franken. Lesung mit Adam Schwarz am 16. September, 19 Uhr, Atelier 301, Kasernenstrasse 23, Basel.

www.sofalesungen.ch