Lyrikfestival

Ron Winkler ist Dichter des Jahres

Der 42-jährige Dichter hat bereits einige Preise abgestaubt: Darunter sind der Leonce-und-Lena-Preis und der Lyrikpreis München.

Der 42-jährige Dichter hat bereits einige Preise abgestaubt: Darunter sind der Leonce-und-Lena-Preis und der Lyrikpreis München.

Der Basler Lyrikpreis 2016 geht an den Dichter, Herausgeber und Übersetzer Ron Winkler aus Jena.

Herzliche Gratulation zum Basler Lyrikpreis, Herr Winkler! Hätten Sie jemals als Kind gedacht, dass Sie, wenn Sie gross sind, 10 000 Franken fürs Gedichteschreiben verdienen werden?

Ron Winkler: Oh, als Kind kann man sich so einiges nicht vorstellen! Zwei Szenarien wären aber wohl möglich gewesen: Zum einen, dass ich eine solche Ansage als pädagogisches Aufputschmittel verstanden — und eventuell dagegen opponiert hätte. Zum anderen wäre es schon interessant gewesen zu wissen, dass ein dermassen individueller Zugriff auf die Welt einen Zuspruch dieser Art erfahren kann. In jedem Fall hätte ich mir die Form meiner Gedichte nicht denken können und Poesie eher bei den Balladen von Schiller angesiedelt: Helden, grosse Tragödien in Abenteuersettings und ein erhabener, erhebender Ethos. Und Überschaubarkeit.

Sie haben sich einer literarischen Gattung verpflichtet, die für ihre sprachliche Dichte bekannt ist, aber nicht unbedingt fesselnde Geschichten erzählt. Welchen Anreiz schafft Lyrik für Sie?

Eine ideale Literatur wäre eine, in der Lyrik und Prosa irgendwie übereinander stattfinden könnten. Vielen Geschichten fehlt ja doch der Rekurs auf die Denkbewegungen, auf die Gleichzeitigkeit der möglichen Handlungsoptionen. So etwas wie eine Hülle wird als Struktur durcherzählt, ist aber überhaupt nicht rückgebunden an die Vielfalt innerhalb der Psyche. Ein Reiz der Lyrik ist, schon mit extrem wenigen Wörtern knistern zu können – auch weil sie sich, wie bei Quanten, im Idealfall noch nicht entschieden haben, was sie sind: magischer Kratzer oder Falltür, messerscharfe Synthese eines Wissens oder verwegene Verblendung. Oder auch Rudiment wie Quelle einer fesselnden Geschichte.

Lyriker haben bei den Fachjurys grossen Erfolg: 2015 wurden Nora Gomringer und Jan Wagner mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. Warum?

Die Kenner der Materie hatten im Fall von Jan Wagner schon eine ideale Möglichkeit zu zeigen, dass Lyrik nichts ist, was ausserhalb der Parameter unser aller Welt steht. Dass sie nicht Nachläufer einer Snob-Vergeistigtheit ist, neunzehntes Jahrhundert in Sprache und Verstand. Die Preisvergabe sehe ich auch als Anregung, nicht an den Grenzen der eigenen Lesegewohnheiten haltzumachen. Und um es mal so zu sagen: Einen 500-Seiten-Roman in die Welt zu wuchten ist vielleicht nicht weniger seltsam als Gedichte zu schreiben, die in der Regel gut auf die Feier durchdringender Narration verzichten können. Und Nora Gomringer hat sich einfach durchgesetzt. Die wichtige Aussage scheint hier zu sein, dass die Problematisierung des Krassen in der Gesellschaft kein Monopol der Prosa ist.

Was kann Poesie, was Prosa nicht kann?

Poesie stellt die schnelleren, agileren Eingreiftruppen.

Sie übersetzen auch Gedichte. Das ist doch unheimlich schwierig, oder?

Eine der Schwierigkeiten ist, dass man sich einem Urhebercharakter annähern muss, ohne diesen je genau kennen zu können, geschweige denn dessen Charakterzüge zu haben. Semantik ist nicht messbar, das gilt gerade bei Idiomen. Gestern kam mir eine eigene Zeile in den Sinn: «Mutter hisste den Sonntagsstaat», wobei Letzteres ja ein schon historisches Wort für repräsentative Kleidung ist. Der Bezug auf etwas wie «Staat» sollte allerdings in keiner fremdsprachigen Variante fehlen. Viele Idiome sind zudem mehr als nur doppelt verschachtelt und in der Poesie oft sehr privat verschaltet. Da kann man dem potenziellen Übersetzer nur viel Spass wünschen – beziehungsweise Eigensinn.

In Ihren Gedichtbänden erscheinen immer wieder Reiseberichte. Was hat es mit dem Reisen auf sich?

Sich dem Unbekannten auszusetzen, wie bewusst auch immer, setzt natürlich Reize. Der ganze Sinnesapparat gerät in Bewegung. Flora, Fauna, das Sozialverhalten, Formen oder Aromen, Architekturen, die eigenen Reaktionen – das alles ändert sich und energetisiert. Analogien zu sehen beziehungsweise Differenzen, erlaubt ganz neue Schlüsse. Und die allernormalsten Gepflogenheiten in anderen Kulturräumen haben einen starken Zauber, zumal wenn man das Erfahrene im Gedicht neu choreografiert und verfremdet. Bei mir werden auf Reisen bezogene Texte bilderreicher. Um genau zu sein: der Anteil an Realbildern ist höher oder wenigstens werden einzelne Erfahrungen in eine grössere Nähe zueinander gebracht, rein technisch.

Hat ein Dichter Ziele?

Vielleicht kann man sagen: Das Erfinden von Gültigkeit. Oder besser noch: Das Erfinden einer Ausgangsgültigkeit. Und sich selbst so weiterzuentwickeln wie die Gattung. Im Eigenen neu zu sein braucht Zeit, und die gilt es zu ertragen. Denn zwischen den Euphorien des Schreibens lauert die deprimierende Marter des Wartens.

Zum Festival: Das Internationale Lyrikfestival Basel findet jährlich an drei Tagen statt. Vom Freitag, 29. Januar, bis Sonntag, 31. Januar, finden im Literaturhaus Basel zahlreiche Lesungen mit Lyrikern und Lyrikerinnen, Schreib- und Diskussionsplattformen statt. Den Höhepunkt erreicht das Festival mit der Preisvergabe an Ron Winkler am Samstag um 18.30 Uhr im Literaturhaus Basel. Am Sonntag widmet das Festival zudem eine Hommage an den verstorbenen Dichter und Arzt Gottfried Benn, der mit seinen kontroversen Gedichten über die Erlebnisse in den beiden Weltkriegen aneckte.

Mehr Infos zum Programm:

www.lyrikfestival-basel.ch

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