Der Ort, an dem sie zum Gespräch lud, ist ein Pedalo auf dem Zürichsee. Und da kommt sie, vom Bellevue hereilend, in leuchtend rotem Kleid und roten Stöckelschuhen, zu spät und atemlos strahlend. Dana Grigorcea ist eine Erscheinung und weiss sich zu inszenieren. Nicht umsonst agiert die Autorin aus Rumänien auch als Statistin am Zürcher Opernhaus – aktuell in der Rolle einer Balldame.

«Zürich ist eine Brausetablette», schwärmt sie auf dem Weg zum Bootsverleih. 2006 kam sie erstmals in die Stadt am See. Ihr heutiger Mann, Perikles Monioudis, hatte einen Literaturpreis bekommen und sie zur Feier eingeladen. «All seine Schriftstellerfreunde waren da», erinnert sich Grigorcea, «wir fuhren mit Peter Webers Motorboot hinaus auf den See, auch Max Frischs Witwe war dabei, mit einer Flasche Champagner. Wir stiessen an, die Sonne ging unter, wir rezitierten Gedichte und Perikles sagte: ‹Siehst du, das ist Zürich›. Und ich: ‹Also, dann bleibe ich.›» Jetzt pedalt die Wahlzürcherin, die das Deutsche zu ihrer literarischen Sprache erkoren hat, im Tretboot hinaus auf den unruhigen See. Es ist windig, erste Gewitterwolken ballen sich am Himmel. In einem zweiten Boot setzt der Fotograf ihr nach. Weit draussen findet das Shooting statt, beide stehen auf ihren schaukelnden Untersätzen, ihr Lachen dringt bis zum Quai. Und plötzlich springt sie. Taucht unter und wieder auf, das rotes Kleid bläht sich auf der dunkeln Wasseroberfläche wie eine Blume.

Spazieren und Kontemplieren

«Du bist meine Rose», sagt Gürkan zu Anna. In Dana Grigorceas neuster Novelle «Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen» spricht der kurdische Gärtner der Seepromenade die Ballerina des Opernhauses in dem kleinen Café gegenüber dem Bootsverleih erstmals an. Nun sitzt die Autorin selber hier, mit triefendem Haar, und erzählt von jenem anderen Wasser, an dem sie in Bukarest aufgewachsen ist. Die Dâmbovita sei ein wilder Fluss, in dem sie als Kind Baumstämme und auch mal ein totes Pferd treiben sah: «Wir durften nicht rein, nur die Romakinder schwammen im Fluss. Wie haben wir sie dafür bewundert!»

Bevor sie zum Studieren ins Ausland ging, flanierte die junge Dana mit ihren Freundinnen der Dâmbovita entlang, hin und her, plaudernd. «Das ist Spazieren», sagt sie, «ziellos, mit wachen Sinnen. Ich mache das sehr gern.» Heute ist die 38-Jährige mit ihren beiden Kindern so unterwegs. «Wir bleiben dann immer wieder irgendwo stehen und ich ermuntere sie, zu kontemplieren, einfach nur zu schauen.»

Auch die «Dame mit dem maghrebinischen Hündchen» spaziert und kontempliert. In einer leichten, fast schwebenden Sprache vermittelt die Autorin die Melancholie der Ballerina am Ende ihrer Karriere. «Tagsüber ging sie umher, und sie trank ihren Kaffee oder den Aperol an den Cafébars bei den Kanälen, sass an einem Tischchen und schaute auf die Ketten der Boote am Steg, die mit ihrer Algenlast dem Auf und Ab der Dünung folgten, leicht und schwer zugleich.»

Die Füsse der Primaballerina

Kurze Sätze, wie Short-Story-Übervater Hemingway sie forderte, macht Dana Grigorcea nicht. Lieber orientiert sie sich an Tschechow, der auch nicht am Stehpult schrieb. «Schreiben kann ich überall», sagt sie. Ruhe sei das Einzige, was sie brauche – Schreiben im Café, wie es Beatniks und Bohemiens pflegten, sei nicht ihr Ding. Im Café lässt sie sich vielmehr inspirieren. Und so verschmilzt das Tischchen, an dem sie dieses Interview gibt, mit demjenigen von Anna, die in vollendeter Eleganz auf Gürkan wartet.

Ist das alles nicht zu schöngeistig, zu leichtfüssig? Weiss die Dichterin, wie die Füsse der Ballerina aussehen, wenn sie nach dem Tanz die Spitzenschuhe auszieht? «Oh ja, die Füsse!», ruft sie, holt ihr Smartphone hervor, wischt ein Bild herbei: «Das hat mir kürzlich eine befreundete Tänzerin geschickt, nach der Probe.» Verkrümmte Zehen, hornige Buckel, geschwollene Adern – ein grausiger Anblick. «Das ist Schwanensee!», kommentiert Grigorcea.

In ihrer anmutigen Novelle steht davon nichts. Nachdem sie sich in früheren Büchern wie «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» auch der hässlichen Seite des Lebens zugewandt hat, schärft sie nun ihren Blick aufs Schöne. «Ich habe», sagt Dana Grigorcea, «eine erhöhte Bereitschaft zum Genuss.»