Kultur

Schweizer Buchpreis gibt die fünf Nominierten bekannt

Sibylle Berg

Sibylle Berg

Die fünf Nominierten für den Schweizer Buchpreis 2019 sind bekannt. Es handelt sich um Sibylle Berg, Simone Lappert, Tabea Steiner, Alain Claude Sulzer und Ivna Žic. Favoritin? Sibylle Berg mit ihrem bösen Roman «GRM».

Ivna Žic

Ivna Žic

Spekulieren wir einmal mit Hilfe der Statistik: Noch nie gewann ein Debütroman den 2008 ins Leben gerufenen Schweizer Buchpreis. Weder der wunderbare Secondaroman «Die Nachkommende» der kroatisch-schweizerischen Theaterautorin Ivna Žic noch das beklemmende Dorfporträt «Balg« der im Thurgau geborenen Tabea Steiner werden deshalb voraussichtlich am 10. November den Buchpreis erhalten. Liegt man hier richtig, bleiben für den mit hoher Aufmerksamkeit von «Literatur Basel» und vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV ausgerichteten Preis dieses Jahr noch drei Namen im Rennen: Sibylle Berg, Simone Lappert und Alain Claude Sulzer.

Tabea Steiner

Tabea Steiner

Diese Romane öffnen den Blick ins Kleine und Grosse

Fügt man der Statistik noch die Dominanz von Frauen auf der diesjährigen Shortlist hinzu, muss man kein Wahrsager sein, um vorauszusagen, dass eine Frau den Buchpreis gewinnen wird. Vier von fünf Titeln - das ist grossartig. Noch nie waren so viele Frauen auf der Liste. Ob die Jury den Buchpreis für ein Frauen-Statement nutzt? Es wäre nicht nötig, denn die nominierten Romane überzeugen für sich. Die nominierten Romane öffnen den Blick ins Kleine wie ins Grosse. Vom Dorf in die Stadt, nach Kroation, ins Jahr 1968 und ins desaströse Brexit-England.

Ein düsterer 640-Seiten-Wälzer in der Favoritenposition

Nur schon der Umfang von Sibylle Bergs Romans «GRM. Brainfuck», ein 640 Seiten-Wälzer, weckt Erfurcht. Vor allem aber ragt sie mit ihrem globalen Welterklärungshorizont weit über die sonst übliche Schweizer Bescheidenheit hinaus und lässt damit ihre Konkurrentinnen und den einen Konkurrenten hinter sich. Dass ihr Roman auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet ist und eine grosse Fangemeinde besitzt, aber auch wütende Gegner hat, die ihr rabiate Verschwörungstheorien vorwerfen, ist sich Sibylle Berg gewöhnt. Harte Lesekost serviert sie seit Jahren. Die in der DDR geborene, in Zürich lebende Autorin treibt den skrupellosen Neoliberalismus auf die Spitze, attackiert am Beispiel Englands eine von perversen Männern und einem Überwachungsstaat terrorisierte, moralisch verkommene Zwei-Klassen-Gesellschaft. Das Buch sei «eine Mind Bomb von emotionaler Wucht», schreibt die Jury. Diese besteht aus den Literaturkritikern Manfred Papst, Christine Richard und Susanne Sturzenegger, dem Kulturjournalisten Daniel Graf und der Buchhändlerin Monika Steiner.

Alain Claude Sulzer

Alain Claude Sulzer

Alain Claude Sulzer und Sibylle Berg waren 2012 schon einmal nominiert

Dass Alain Claude Sulzer den Buchpreis erhalten wird, scheint wenig wahrscheinlich. Man mag das bedauern, denn Sulzer ist in seinem Roman «Unhaltbare Zustände» einmal mehr ein überaus eleganter Erzähler mit einem etwas altmodischen Stil. Diese Zeitung hat ihn schon mal durchaus lobend als Thomas Mann der Schweizer Gegenwartsliteratur bezeichnet. Sein neuer Roman erzählt von einem biederen Schaufensterdekorateur, der am Zeitgeist der 68er zerbricht. Mit feiner Ironie schickt ihn Sulzer in den Untergang und erschafft dabei ein kunstvolles Seelen- und Zeitporträt. Er beweist damit: Man kann immer noch Frisches über die 68er-Zeitenwende schreiben. Pikant: Alain Claude Sulzer und Sibylle Berg waren beide schon einmal für den Schweizer Buchpreis nominiert: 2012. Beide gingen leer aus, Peter von Matt gewann.

Simone Lapperts Zweitling mit Chancen

Simone Lappert

Simone Lappert

Simone Lappert schliesslich hat mit ihrem zweiten Roman «Der Sprung» gleich den Sprung zum grössten Schweizer Literaturverlag Diogenes geschafft. Ihr 2014 erschienenes Romandebüt «Wurfschatten» wurde überall besprochen und gar als kleine Sensation gehandelt: Sie erzählte aus enger Perspektive und mit poetisch dichter Sprache von Lebensängsten einer jungen Frau. Im aktuellen Roman weitet die Autorin ihre Perspektive auf ein Gesellschaftspanorama. Eine Frau auf einem Dach, scheinbar mit Selbstmordabsichten, löst gleich mehrere Kettenreaktionen aus: Bei Gaffern, Nachbarn und Verwandten eskalieren Konflikte ganz unterschiedlicher Art. Mit teils elektrisierender Anschaulichkeit, beeindruckender Vielfalt an Figuren und Lebensthemen und einer überzeugenden dramaturgischen Klammer ist Simone Lappert ein zeitgenössischer wie eingängiger Zweitling gelungen.

Die Shortlist könnte locker ein paar Titel länger sein

Vermisstmeldungen kann man natürlich immer anbringen bei einer solchen Miniliste. Etwa Ruth Schweikerts eindringliches Protokoll ihrer Krebserkrankung, das mit seiner kunstvollen, ja fast schon verspielten Art verblüfft hat. Oder Charles Lewinsky mit seinem verstörend amoralischen Lügner als Hauptfigur in «Der Stotterer». Oder Demian Lienhard, der mit seinem fulminanten Roman aus weiblicher Perspektive das Drogenelend der 1980er-Jahre in Zürich in Erinnerung gerufen hat. Oder Simone Meier mit ihrem neuen Roman «Kuss», neuerlich ein leichtfüssig-satirisches Gesellschaftsporträt. Die Liste liesse sich problemlos verlängern. Was nur bedeutet: Preiswürdige Romane gibt es in der Schweizer Literatur erfreulicherweise derzeit reichlich.

Preisverleihung am 10. November

Geprüft wurden insgesamt über 70 Titel aus 45 Verlagen. Laut Jurysprecher Manfred Papst habe es darunter «viele interessante junge Stimmen» zu entdecken gegeben. Der Schweizer Buchpreis ist mit insgesamt 42'000 Franken dotiert. Der Preisträger erhält 30'000 Franken, die vier anderen Finalisten je 3000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am 10. November im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel im Theater Basel statt.

Autor

Hansruedi Kugler

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